Vielleicht ist der Mai die richtige Jahreszeit, um von Mailand zu träumen: jener äußerlich hässlichen Stadt in Norditalien, die über keine nennenswerten natürlichen Ressourcen oder große Industrieanlagen verfügt und ihren gesamten Reichtum aus der Kreativität ihrer Bewohner, aus Mode und Design schöpft; jenem im Weltmaßstab erfolgreichen ökonomischen Cluster, in dem die Grillen die Ameisen mit durchfüttern. Etwas in der Richtung mag auch Klaus Wowereit vorgeschwebt haben, als er sich als Schirmherr des Designmai 2004 im Programmheft als "Fan von Alessi" outete und seine vage formulierte Standortvision zu Protokoll gab: "In fünf bis zehn Jahren, da bin ich sicher, werden im Bereich der Musik, der Medien, der Architektur und der Kunst noch sehr viel mehr Menschen in Berlin arbeiten. Dadurch wird auch das Design bessere Chancen haben." Aber Berlin ist nicht Milano. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn auch dort hängt der Designhimmel nicht mehr nur voller Geigen. Von "dunklen Wolken" schrieben die Zeitungen anlässlich der diesjährigen Möbelmesse. Seit drei Jahren sind die Branchenumsätze rückläufig. Ratlos ließ sich der Chefdesigner von Alessi, Stefano Giovannoni angesichts der Flaute vernehmen: "Es gibt keine Trends mehr, es geht jetzt alles und das Gegenteil von allem." Vielleicht ist diese Orientierungslosigkeit bereits Ausdruck einer strukturellen Krise des Systems Mailand: Das klassisch edle Design, das sich analog zu anderen Disziplinen ausdifferenziert hat und abgekoppelt von anderen gesellschaftlichen Diskursen zunehmend selbstreferentiell funktioniert, erfüllt seinen Zweck nicht mehr. Zitatreiche Retromanöver adressieren nur noch die stetig schrumpfende Klientel der echten Aficionados, denen das Geld auch längst nicht mehr so locker sitzt. Weil am klassischen Inventar der Wohnung nicht mehr viel zu verbessern ist, werfen sich die Hersteller nun auf Badezimmer und Küchen, um dort bald an ähnliche Grenzen zu stoßen. "Solutions for no problem" nennt das Kölner Designerduo "Fremdkörper", bestehend aus Andrea Mehlhose und Martin Wellner, diese Art von Luxusdesign, das für keine Probleme mit immer neuen Lösungen aufwartet. Schon im letzten Jahr haben sie es erfolgreich ironisiert, indem sie eine Europalette - das Standardmöbel der ersten Studentenwohnung - aus edlen Tropenhölzern fertigten. Die Europalette hätte auch dieses Jahr gut ins Programm gepasst, da mit einer Sonderausstellung junger Designer aus den Beitrittsländern der EU-Osterweiterung Rechnung getragen wird. Aber dazu haben sich Mehlhose und Wellner etwas anderes überlegt: Ihre Rauminstallation "Der goldene Westen", unmittelbar gegenüber der "EU+"-Ausstellung im Pfefferberg, wird Goldstaub aufwirbeln - als Willkommensgruß an die neuen Mitbürger und gleichzeitige Warnung, "dass nicht alles Gold ist was glänzt." Der Designmai ist keine Branchenmesse, sondern eine dezentrale Versuchsanordnung, den Begriff Design wieder an andere gesellschaftliche Diskurse und eine Vorstellung vom besseren Leben rückanzubinden. Auch wenn die Veranstalter aus der reichlich zerfaserten Auftaktveranstaltung im letzten Jahr gelernt haben, und mit dem täglichen Forum und der Ausstellung "Shooting Stars of Europe" im Pfefferberg, dem "Showroom" in der Backfabrik und der "Youngsters"-Ausstellung in der Kunstfabrik am Flutgraben einige zentrale Anlaufpunkte geschaffen haben, lebt das Festival von den knapp 130 zusätzlichen und selbst initiierten Ausstellungen und Veranstaltungen. Es erhält sein Profil, wie im Programmheft steht, "durch die vielen Beiträge, die die kulturellen Aspekte von Design betonen, das Klischee der Oberflächlichkeit immer neu widerlegen, die Grenzen des Begriffs Design ausloten und sie stets aufs Neue zu definieren versuchen." Im Klartext: Jeder, der sich in irgendeiner Form unter diesem erweiterten Designbegriff wiederfindet, stellt Nüsschen und Cocktails raus in der Hoffnung, die designinteressierte Crowd - wie viele internationale Besucher, Multiplikatoren und Industriespione darunter sein werden, ist die Frage - möge auch bei ihm zwischenstoppen und reinschnuppern.Die nonlineare Berliner Ökonomie sieht vor, dass vieles, was eigentlich der szenigen Subsistenzwirtschaft dient, immer schon und immer auch unter dem Rubrum Design mit einem Seitenblick auf die Kunst stattfindet. Ein schnöder Einrichtungsgegensand wie ein Regal ist dabei - exemplarisch gesehen bei "Möbel Horzon" in der Torstraße - im Zweifel nur Trägermasse eines neuartigen Bohemekonzepts. An Horzons angegliederter "Wissenschaftsakademie" kann man übrigens während des Designmai in nur einer Woche den Crash-Studiengang "Diplom-Design" absolvieren. Pflichtveranstaltungen sind der Vortrag von Christian Kracht über Memphis-Design als "das letzte, spastische Aufbegehren der Moderne" am 8. Mai, sowie Susanne Gerbers Referat über Plastiktüten "Zur Ästhetik und Semantik eines Gebrauchsgegenstandes" am 11. Mai. Hier bestimmt noch das Sein das Designbewusstsein und nicht umgekehrt. Darüber hinaus kommt vieles, was in diesem Designmai geboten wird, mit mehr als nur jenem Salzkorn an Ironie daher, das auch das Mainstreamdesign mittlerweile inkorporiert hat. Auch wenn die zugehörige Idee des "ironisch Wohnen" qua geringer Alltagstauglichkeit wohl bis auf weiteres ein Minderheitenprogramm bleiben wird, weist sie doch in die richtige Richtung: Design ohne ein ambitioniertes künstlerisches oder philosophisches Programm heißt, immer wieder das Rad respektive den Stuhl neu zu erfinden. Dass man mit allzu ambitionierten Reformvorhaben auch fulminant auf die Nase fallen kann, ist Teil des Spiels. Deshalb findet heute im Europacenter flankierend auch eine Sonderausgabe von Sebastian Orlocs erfolgreicher "Show des Scheiterns" zum Thema Design statt, bei der drei "mutige Macher, die unseren Respekt und unsere Bewunderung verdienen", Projekte präsentieren, "mit denen sie auf grandiose Art gescheitert sind". Designer und Agenturchef Matthias Dietz, der die Referenten ausgewählt hat, erklärt: "Designer sind Stars, glitzernde Helden ... mich interessiert, wie sieht es mit den Schattenseiten aus, den Fehlschlägen? Immerhin floppen neun von zehn Projekten." Solch ein Interesse würde in Mailand vermutlich von vornherein auf komplettes Unverständnis stoßen. Schon deshalb bleibt für Berlin zu hoffen, dass der Designmai ausnahmsweise mal ein grandioser Erfolg wird.Designmai Berlin 2004, bis 16. Mai. Orte: Forum Brauereigelände Pfefferberg, Schönhauser Allee 176, Schauraum Backfabrik, Saarbrücker Str. 36/38 und Garderobe 23, Am Flutgraben 3, tgl. 12-20 Uhr. Abschlussauktion am 16. 5. ab 14 Uhr in der Gesellschaft für Raumfragen, Boxhagender Platz.Gewinner des "Nike-Design-Award" stellen bis 30. 5. tgl. 12-18 Uhr im Nike Spiritroom, Gipsstraße 5, aus.Im Europacenter gibt es heute die "Show des Scheiterns", 20.30 Uhr.------------------------------Foto: Für den Berliner Designmai 2004: "Holmes Place Club", entworfen von Architektengruppen aus London und Hamburg.