Der Deutsch-Österreicher Martin Roscheisen druckt im Silicon Valley Solarzellen wie Zeitungen - Folien für jedes Dach: Der Sonnenstromer

SAN JOSÉ. Martin Roscheisen träumt groß und träumt grün. "Bis 2050 können wir ein Drittel des Energiebedarfs in den USA aus der Sonne gewinnen", sagt der Unternehmer und promovierte Ingenieur, dessen Prognose vor nicht allzu langer Zeit noch ins Reich der Fantasie verwiesen worden wäre: Es fehlte am Willen, an ausreichend Fördergeldern und vor allem an den technischen Voraussetzungen. Herkömmliche Solarzellen auf Siliziumbasis können weder schnell noch kostengünstig in ausreichender Stückzahl produziert werden."Ich war entsetzt, wie wenig Innovation es auf diesem Gebiet gab", beschreibt Roscheisen seine Motivation, im Energiesektor neue Wege zu beschreiten. Nun tritt er in die Fußstapfen seines Urgroßvaters, der auf die Kraft des Wassers setzte, als er mit den Isarwerken in München den ersten regionalen Energieversorger mitbegründete. Dort ist auch Martin Roscheisen aufgewachsen, aber jetzt, hundert Jahre später, richtet der Urenkel vor den Toren des kalifornischen San José den Blick auf die Sonne."Hier liegt die Zukunft", sagt der jungenhafte Mann in Jeans und offenem Hemd voll Überzeugung. Seine ersten Dollar-Millionen hat er mit Internet-Firmen wie eGroups, FindLaw und TradingDynamics verdient. Im Jahr 2000, da war Roscheisen Anfang 30, stellte er an seiner ehemaligen Universität, der benachbarten Eliteschmiede von Stanford, ein Expertenteam zusammen. Mit zwölf Leuten arbeitete Roscheisen enthusiastisch an der Lösung des zentralen Problems der Solartechnologie: Sonnenenergie zu Preisen herzustellen, die mittelfristig auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig sind.Bei einem Rundgang über den unscheinbaren Campus von Nanosolar an der Hellyer Avenue von San José gewährt Roscheisen einen Blick in das Allerheiligste: die Solar-Druckerei, das Ergebnis der jahrelangen Entwicklungsarbeit. Die Produktions-Straße von Nanosolar erinnert an ein modernes Fotolabor und funktioniert im Prinzip auch so. Die Halbleiter auf Kupferbasis werden als Nanopartikel in eine Tinte gegeben, die dann bei hohen Temperaturen auf eine Art Aluminiumfolie aufgetragen wird. "Die Chemie dahinter ist unser Geheimnis", sagt Roscheisen.Die Risikokapital-Geber von Mohr Davidow Ventures (MDV) aus dem nahe gelegenen Menlo Park wissen mehr. Müssen sie auch, denn mit 300 Millionen US-Dollar investieren sie einen Rekordbetrag in Nanosolar. Keinem anderen Unternehmen der Branche gelang es in den vergangenen Jahren, soviel Geld bei einem privaten Geldgeber aufzutreiben. "Roscheisen hat den Durchbruch geschafft", erklärt Risikokapitalist Erik Strasser das Interesse an dem revolutionären Verfahren, mit dem Nanosolar Solarzellen wie Zeitungen drucken kann: massenhaft, preiswert und schnell.Die Konkurrenz verfolgt die Ambitionen Roscheisens zuweilen mit Missgunst. "Keine Nachrichten vom Weltmeister im Nebelkerzen-Zünden", lästerte Kritikerin Olga Papathanasiou in einem Fachmagazin über die zurückhaltende Präsentation Roscheisens beim Photon-Kongress im Dezember in San Francisco. Bisher sei von den insgesamt 500 Millionen Dollar, die Nanosolar bei MDV, den Google-Erfindern Sergey Brin und Larry Page sowie den beiden SAP-Gründern Klaus Tschira und Dietmar Hopp mobilisiert habe, nicht viel zu sehen. Noch weiß man nicht, ob Nanosolar "ihnen so viel Freude bereitet, wie der TSG 1899 Hoffenheim".Manch einen Wettbewerber wurmt gewiss, wie die US-Presse Roscheisen feiert. Das Time-Magazin nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten jungen Vordenker unter 40 Jahren auf; das einflussreiche Magazin Politico wittert einen "grünen Bill Gates".Der unprätentiöse Solarpionier lässt sich weder von übertriebenem Lob noch von Kritik beeindrucken. "Es hat Vorteile, ein privates Unternehmen zu führen", sagt er. Nanosolar muss sich, anders als an der Börse gehandelte Firmen, nicht in die Karten schauen lassen. Roscheisen kann gelassen bleiben: Seine Produktionskosten liegen mit unter einem Dollar pro Watt mit Abstand günstiger als die der meisten Konkurrenten, die ihre Solarzellen noch immer auf Basis von Silizium bauen oder unter Vakuum produzieren müssen. Mithalten kann nur First Solar. Doch das Unternehmen aus Arizona ahnt, was ihm blüht."Mit dieser Maschine können wir einmal bis zu 100 Quadratmeter Solarzellen in der Minute produzieren", führt Roscheisen die Druckstraße vor, deren Kapazität zur Zeit nur zu einem Drittel ausgelastet ist. Falls Nanosolar einen Teil von den 83 Milliarden-Dollar aus dem US-Konjunkturprogramm für erneuerbare Energie abbekommt, kann er schneller durchstarten als geplant. Allein in der Zentrale an der Hellyer Avenue könnte er 50 zusätzliche Spezialisten einstellen. Indirekt dürfte dann auch die Produktion in Luckenwalde, südlich von Berlin profitieren. Hier baut Nanosolar seit Ende 2008 die Panele zusammen, die aus den in San José gedruckten Solarfolien gefertigt werden.Roscheisen will die Produktion sukzessive ausbauen. Die Kapazitätsgrenze liegt bei 620 Megawatt, eine große Zahl für die Solarbranche. Die ersten Module aus Luckenwalde werden zurzeit in dem Ein-Megawatt-Sonnenkraftwerk auf dem Gelände einer ehemaligen Deponie der Stadt installiert. Weitere Solarfarmen mit Modulen aus Luckenwalde sind in anderen Teilen Europas geplant."Wir können den Weltmarktführer nicht links liegen lassen", sagt Roscheisens Statthalter in der europäischen Nanosolar-Zentrale Zürich, Erik Oldekopp. Die Dominanz der Deutschen in den frühen Projekten rühre aus richtigen politischen Weichenstellungen. So sei "ein vorhersagbarer Markt" entstanden - wesentliche Voraussetzung für Investitionen, die in den USA der Bush-Jahre fehlten.Die neue US-Regierung ändert die Lage dramatisch: Sie fördert erneuerbare Energien mit Steuerrabatten, Investitions- und Forschungsmitteln. Präsident Barack Obama hat die Branche als Innovationsmotor ausgemacht. Damit folgt Washington den Instinkten der Risikokapitalgeber, die im vergangenen Jahr vier Milliarden US-Dollar in den verheißungsvollen Markt pumpten. Die meisten für saubere Technologien gedachten Gelder, 1,9 Milliarden Dollar, flossen in die Solarenergie.Roscheisen wirbt in den USA nun für eine Angleichung der Einspeiseregeln, bisher ein unübersehbares Kuddelmuddel. Und er hofft auf das intelligente Stromnetz, das aus Mitteln des Konjunkturprogramms aufgebaut werden soll. Eine faire Verteilung von Subventionen und Steuervorteilen bleibe die Voraussetzung, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, den Anteil der Solarenergie auf ein Drittel des Energie-Mixes zu steigern.Kurzfristig setzt der Unternehmer auf stadtnahe Sonnenkraftwerke wie das in Luckenwalde. "Jeder Ort hat zwei bis drei Hektar frei, wo diese Kraftwerke entstehen können." Der Vorteil liege auf der Hand: Während Kohle- und Kernkraftwerke bis zu fünfzehn Jahre Vorlauf bräuchten und auf politischen Widerstand stießen, "können wir ein Solarkraftwerk in sechs Monaten Realität werden lassen".Während andernorts Trübsal geblasen wird, blickt der Ingenieur hoffnungsvoll in die Zukunft. Vor seinem geistigen Auge sieht er preiswerte Solar-Bausätze, die es Millionen von Amerikanern erlauben, warmes Wasser zu produzieren und überschüssige Energie ins Netz zu speisen. "Der größte neue Markt werden Elektro-Autos sein", prophezeit Roscheisen, der von dazugehörigen Carports mit Solarpanelen aus San José und Luckenwalde träumt.Zukunftsmusik? "Das kommt", gibt sich der Praktiker aus dem Silicon Valley überzeugt. Selbst Hollywood habe schon bei ihm vorgesprochen, jüngster Interessent: Obama-Unterstützer und Frontsänger der "Black Eyed Peas" Will.i.am. , der auf seine Solarpanele wartet. "Die USA haben jetzt das Potenzial, schnell aufzuholen."------------------------------Von München nach Kalifornien1968 wird Martin Roscheisen am 16. August in München geboren. Sein Vater ist Österreicher, daher hat auch der Sohn die österreichische Staatsbürgerschaft. Er wächst in München auf, wo er 1987 Abitur macht und an der Technischen Universität Informatik studiert.1991 geht er als Doktorand an die Universität Stanford. In den folgenden Jahren gründet er mit Partnern den juristischen Informationsdienst Findlaw, die Internet-Handelsplattform Trading Dynamics und die E-Mail-Plattform Egroups. Der Verkauf der Unternehmen macht ihn wohlhabend.Kalifornien ist seine Heimat geworden, aber Kontakte nach Europa gibt es nicht nur geschäftlich: Der Naturfreund fährt im Winter gern nach Kitzbühel zum Skilaufen und verbringt jeden Sommer ein paar Tage im Weinberg der Familie in der Toskana.------------------------------Foto: Martin Roscheisen präsentiert sein Produkt: die Solarfolie und die Tinte mit der geheimen Rezeptur