Auf der Suche nach Werken jüdischer Künstler der 20er- und 30er-Jahre trifft die Kunstsammlerin Deborah Mandelbaum auf eine alte Dame, die Bilder aus damaliger Zeit anbietet. Diese Kunstwerke gehörten ursprünglich zur Sammlung des Berliner Unternehmers Heinrich Richard Brinn. Der Fund veranlasst Mandelbaum nun, zusammen mit dem Historiker Karl Klein Stück für Stück eine Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Nea Weissberg-Bob und Thomas Irmer haben sich für ihre packende Dokumentation "Heinrich Richard Brinn: Fabrikant - Kunstsammler - Frontkämpfer" diese zwei Figuren geschaffen, um das Leben des Apothekers und Chemikers der Vergessenheit zu entreißen. Hilfestellung bei ihren Recherchen gab die nicht jüdische, fast 90-jährige einstige Haushaltshilfe. Es ist die Geschichte eines jüdischen Deutschen, der 1895 zum Protestantismus konvertiert. Der gut betuchte Mann fühlt sich der Kunst verbunden. Das Gästebuch des Palais Brinn in der Charlottenburger Tannenbergallee 30 ist wie ein Spiegelbild der Gesellschaft aufstrebender Maler, Bildhauer und Architekten im Berlin der 20er-Jahre. Der Schriftsteller Arno Holz hat sich darin mit einem Gedicht verewigt. Vergeblich versuchte die Witwe nach Ende der NS-Zeit das schlossartige Gebäude - den Künstlertreff - zurückzubekommen. Der Kunstliebhaber Brinn arbeitete sich damals auch zum Mitinhaber der Lackfabrik Warnecke & Böhm in Weißensee hoch. Doch der "arische" Firmenkompagnon drängte gleich nach der Machtübernahme der Nazis Brinn aus dem gemeinsamen Unternehmen. 367 Juden müssen - wie Brinn selbst bei Stiebel Eltron - bei Warnecke zwangsarbeiten. Hermann Simon vom "Centrum Judaicum" ist es gelungen, dies anhand von Personalunterlagen nachzuweisen. Heinrich Richard Brinn gehört einer Epoche deutsch-jüdischer Kultur an, die es niemals mehr geben wird. Der Unternehmer ist 1944 in Auschwitz ermordet worden. Auf seiner letzten Grußkarte schrieb er noch von seiner Hoffnung, von der "Bekennenden Kirche" unterstützt zu werden.Nea Weissberg-Bob und Thomas Irmer: Heinrich Richard Brinn (1874-1944), Dokumentation einer "Arisierung", Verlag Lichtig, Berlin 2002, 263 S. , 21,50 Euro.