BERLIN. Zuletzt stellte sich der Fall verworrener dar denn je. Noch am Vorabend der Sondersitzung des Verbandsrates demonstrierte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), größere Ratlosigkeit. "Sechs Alternativen" bot er für den Umgang mit den dopingbelasteten Rekorden. Sie reichten von Annullierung über Einfrieren älterer Bestmarken als "Jahrhundertrekorde" bis zu dieser Offerte: "Man nimmt keine Veränderungen vor."Fast genauso ist es gekommen: Die Rekorde bleiben bestehen. Obwohl 43 von ihnen als fragwürdig gelten und gerichtfeste Beweise für die Einbindung der Rekordler ins ostdeutsche Zwangsdoping vorliegen. Nur eine winzige Änderung gibt es: Ines Geipel taucht nicht mehr in den Annalen auf. "Zukünftig wird statt ihres Namens ein Stern in den Rekordlisten stehen", teilte der DLV am Freitagabend mit. Die einstige Sprinterin hatte im August 2005 beantragt, ihren Namen aus dem 4x100-Meter-Vereinsweltrekord des SC Motor Jena von 1984 streichen zu lassen und damit die Debatte ausgelöst. Am Donnerstag reichte sie Unterlassungsverfügung nach. Nun sagt sie: "Was mich angeht, bin ich zufrieden. Aber der Verband hat die Chance verpasst, sich von einer historischen Hypothek zu befreien."Geipel rechnete mit dieser Minimallösung. Denn die Alternativen, von Prokop als "bewusst ergebnisoffenes" Angebot annonciert, waren von einem gewichtigeren Argument überlagert. Der ehemalige Bundesrichter Volker Röhricht hatte als Vorsitzender einer Prüfkommission eine juristische Drohkulisse aufgebaut: Rekorde könnten nicht annulliert werden, weil es damals, als sie erzielt wurden, keine Regeln zu ihrer Aberkennung gab.Vergeblich versuchte DLV-Ehrenpräsident Helmut Digel dem Verbandsrat mit einem eindringlichen Brief aus dem Alternativendschungel zu helfen: Er wies auf andere juristische Positionen hin, schlug vor, Klagen zu riskieren, wie sie einige Athleten angedroht hatten. "Die Idee des Fairplay steht in der Regel nicht auf deren Seite", schrieb er. "Doch genau diese Idee muss das Engagement des Verbands bestimmen." Digel empfahl also Jahrhundertzäsur und dazu die Annullierung von dopingverseuchten Bestmarken. Denn die seien "ein ungeeignetes Bezugssystem".Sein Appell verhallte ungehört. Lediglich eine Präambel in den Rekordlisten soll künftig auf Urteile zum DDR-Doping verweisen. DLV-Präsident Prokop fand in der Debatte zu persönlicher Weiterbildung: "Es war wichtig, sich grundsätzlich mit dieser Frage beschäftigt, Quellenanalyse betrieben und Erkenntnisse über Doping-Verfahren gewonnen zu haben." Aufnahmefähigkeit für historisch verbriefte Erkenntnisse hätte man dem bayerischen Amtsrichter noch dazu gewünscht. Geipel etwa hatte in ihrer Unterlassungsverfügung Hinweise gegeben: Für sie sei es "eine nicht hinnehmbare Zumutung", als Rekordhalterin geführt zu werden, obwohl "der Rekord durch Körperverletzung zustande kam und sportbetrügerisch erzielt worden ist".Weiterreichung des ProblemsBestehen bleibt auch diese Bestmarke - obwohl die Einbindung aller vier Läuferinnen in den Dopingstaatsplan belegt ist. Damit stellt sich der DLV ein dürftiges Zeugnis aus. Geipel hat demonstriert, wie die sportgeschichtliche Wahrheit doch in die Rekordlisten einzuschreiben ist: gegen den Willen des Verbandes. Und im Einklang mit dem Urteil des Bundesgerichtshofes, der im Zwangsdoping "schwerwiegenden Rechtsbruch" sah.Noch aber ist die Frage nicht geklärt, ob der Sport ein höchstrichterliches Urteil auf Dauer umschiffen und mit einem Sternchen in einem einzigen Leichtathletik-Rekord den Systemzwang ignorieren kann. Der DLV übergab das Problem an die höhere Instanz: Der neue Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird aufgefordert, eine "übergeordnete und zeitnahe Lösung" zu finden. Bisher ist der designierte DOSB-Präsident Thomas Bach allerdings noch nicht durch besonderes Interesse an derlei Problemen aufgefallen.------------------------------Foto: Weltrekord mit drei Namen: die Jenaer 4x100-m-Staffel von 1984 mit Bärbel Wöckel, Marlies Göhr, Ingrid Auerswald und Ines Schmidt Geipel (v. l.).