BATOKUNKU. Jeder kennt sie; der staatliche Fernsehsender Gambia Television, Radio Gambia und die Tageszeitung Daily Observer haben über sie berichtet. Nennt man am Banjul International Airport den Ort Batokunku als Zielort, dann hebt sogar der Kontrolleur seinen Kopf. "Haben Sie die Windmühle gesehen?". Sie ist der Star.Wer Batokunku an Gambias Atlantikküste besucht, kann die Windenergieanlage nicht verfehlen. Die 150-Kilowatt-Turbine ragt auf ihrem 30 Meter hohen Gittermast markant über die flache Küste hinaus. In ihrem ersten Leben erzeugte sie im dänischen Nystedt grünen Strom, auch ihr Hersteller, die Firma Bonus, war dänisch. Seit Januar speist die robuste Anlage in Gambia Strom ins Netz ein. Sie ist die erste Windkraftanlage in dem rund 1,5 Millionen Einwohner zählenden Staat, dem kleinsten Afrikas. Mehr noch: Sie ist die erste Anlage in Westafrika überhaupt.Chaos aus dem ContainerIn einem Schiffscontainer war die Second Hand-Anlage im Frühjahr 2006 von Hamburg nach Gambia gekommen. An der Mündung des Gambia-Flusses, im wuseligen Hafen der Hauptstadt Banjul, nahm Peter Weissferdt die Einzelteile in Empfang. Sechs Jahre zuvor war der deutsche Ingenieur mit seiner Frau Gitta nach Gambia umgezogen. Die Idee von der Nutzung erneuerbarer Energien hatte er mitgebracht in die Subtropen."Die Anlage war in einem unglaublich schlechten Zustand", erinnert sich Weissferdt an jenen Moment, als er die Container öffnete. "Der Gittermast war in tausend Einzelteile zerlegt und wahllos in den Container geworfen worden." Weissferdt und der von ihm gegründete Verein Dorfelektrik Gambia in Kiel hatten lange Spenden für den Kauf der Anlage gesammelt. Nun war er enttäuscht. Unter einer gebrauchten Anlage hatte sich der erfahrene deutsche Netztechniker etwas Vorteilhafteres vorgestellt.Dickfellig, unbeirrt und fachlich firm hatte der 67-Jährige sein persönliches Ziel, in Gambia die Windenergie ans Netz zu bringen, verfolgt. Auf eigene Faust hatte er an einem zwölf Meter hohen Mast Windmessungen vorgenommen. 2004 stellte er einen großen Dieselgenerator aufs eigene Grundstück in Batokunku neben das Haus mit Veranda und Meerblick und beschickte mit diesem Aggregat ein selbst ausgebautes, insgesamt sieben Kilometer langes Stromnetz. Über die gleiche Distanz ließ er Wasserleitungen legen, so dass die 2 000 Einwohner des Dorfes seither nicht nur mit Strom, sondern auch mit ausreichend Wasser versorgt werden. Immer hatte er die Idee, den Strom aus dem Dieselaggregat durch Windstrom zu ersetzen. Für das dörfliche Stromnetz erstritt sich Weissferdt später den Status eines Versorgers.Von soviel Initiative ließ sich ein alter Bekannter Weissferdts, der nordfriesische Windanlagenbetreiber Dirk Ketelsen anstecken. Er entwickelte sogar den Gedanken, einen ganzen Windpark mit ausrangierten Turbinen der ersten Anlagengeneration in Gambia zu errichten. Doch der gambische Versorger Nawec sprang kurz vor Vertragsunterzeichnung ab. Die Verantwortlichen trauten plötzlich dem Windstrom nicht mehr. Sie fürchteten, schwankende Stromeinspeisungen würden ihr Netz schädigen. Der Streit mit der Nawec raubte Weissferdt und seiner Frau reichlich Nerven. Immer wieder erklärte er in Briefen die Technik und Lösungen für alle erdenklichen Probleme. Immer wieder wurde abgelehnt. Erst als das gambianische Parlament eine zuständige Behörde schuf, kam die Wende. Sie zwang die Nawec, sowohl die Netzeinspeisung als auch den Betrieb eines lokalen Netzes zuzulassen."Die Nawec ist eines dieser typischen staatlichen Unternehmen in Afrika, in dem noch viele Bürokraten alter Schule arbeiten, die einfach Angst vor Entscheidungen und gegenüber Neuem haben", sagt Walter Klotz. Der deutsche Elektroingenieur kennt den gambischen Strom- und Wasserversorger bestens, seit über einem Jahr steht er dort unter Vertrag, soll ihm zu Effizienz verhelfen.Über Batokunku weht eine frische Brise. Die Gischt der aufschlagenden Atlantikwellen zieht sich wie einer weißer Strich entlang des menschenleeren Sandstrandes. Fischer rudern mit ihren Pirogen parallel zur Küstenlinie. Sie werfen Netze aus, um Barrakudas oder Red Snapper zu fangen. Hinter der Küste liegt eine besiedelte lichte Baumlandschaft. Aus 30 Metern Höhe wirkt sie grüner als sie es zu Beginn der Trockenzeit tatsächlich ist. Die meisten Felder liegen nach der Ernte der Erdnüsse, Gambias wichtigster Ackerfrucht und bedeutendstem Exportgut, brach. Von der Gondel der 150 Kilowatt-Windkraftanlage betrachtet, wirkt die nur ein paar hundert Meter entfernte Moschee für Batokunku merkwürdig überdimensioniert.Am Fuß der Windmühle steht ein Pick-up der Firma Global Energy, Reggaemusik brummelt. Die kleine Firma wartet die Anlage. Der holländische Chef, Milko J. Berben, der seit mehr als zehn Jahren in Gambia lebt und arbeitet, freut sich über den Job. Sein Monteur-Team hält sonst Dieselmotoren instand, repariert Schiffsmaschinen und ähnliches. Er hofft, dass die 150er Bonus nicht die einzige Windenergieanlage in Gambia bleibt und sich vielleicht auch im Bioenergie-Bereich etwas bewegt. Seine Mitarbeiter haben in der Installationsphase der Mühle beobachtet, was die aus Deutschland eingeflogenen Servicemonteure der Windstrom SH aus dem schleswig-holsteinischen Viöl alles angestellt haben, um die altgediente Mühle wieder flott zu kriegen. Alle Maschinenteile mussten durchgecheckt werden.Den Betriebsstart am 21. Januar haben sie dann alle gefeiert: die Monteure, die Leute von Batokunku, natürlich die Mitglieder des fünfköpfigen Komitees, das im Namen des kommunalen Betreibers Batokunku Windpower und des Vereins Dorfelektrik Gambia sowohl über die Windenergieanlage als auch über das dörfliche Netz wacht und alle operativen Entscheidungen fällt. Und sie haben Peter Weissferdt, den im Dorf lebenden Deutschen, gedankt."Durch seine Strom- und Wasserleitungen hat sich so viel bei uns geändert. Wir haben Licht in unseren Häusern, haben Kühlschränke angeschafft, ein Kino hat eröffnet, Nähmaschinen werden betrieben und kleine elektrisch betriebene Ölpressen laufen. Es ist ein vollkommen anderes Leben als vorher", sagt Ebrima Touray, einer der Dorfvertreter. "Wir hoffen, dass wir hier auch bald eine Schule haben." Das nötige Geld erarbeitet die Windenergieanlage. Weil noch keine Tarife für Windstrom existierten, hat der Betreiber Batokunku Windpower eigens einen Einspeisevertrag mit der Nawec abgeschlossen. Bei einer Laufzeit von fünf Jahren hat sich der Versorger verpflichtet, für jede Kilowattstunde 80 Prozent des Endverbraucherpreises zu zahlen: derzeit umgerechnet stattliche 18 Eurocent.Billiger als KerzenSeither ist etlicher Wind über Batokunku gestrichen - wegen Windmangels hat die Mühle noch nie stillgestanden. Im März lieferte sie 35 000 Kilowattstunden. Es gab einen Netzausfall des Energieversorgers, und die Freileitungsisolatoren waren mal versalzen, sind aber längst wieder geputzt. Die Einwohner zahlen weniger für Energie als früher für Kerzen oder Lampenkerosin, es gibt weniger Brände, und der Wind weht jede Menge Geld in die Gemeindekasse. Batokunku sei zur reichsten Gemeinde Gambias geworden, sagt Weissferdt. Die Betriebskosten sind leicht bezahlt, alle Überschüsse werden für soziale Zwecke in der Gemeinde verwendet. Vom Elektrokomitee des Dorfes ist Weissferdt begeistert: "Die machen das perfekt - Zählerablesen, Buchhaltung, Rechnung schreiben, kassieren. Wer länger als fünf Tage säumig ist, wird abgeklemmt."Und weil die Anlage so gut funktioniert, kommen die Staatsgäste nach Batokunku. Alle wollen jetzt Windstrom. Weissferdt arbeitet an einem Projekt mit vier gebrauchten Mühlen für ein großes Hotel. Der nationale Energieversorger hat ihn gebeten, Angebote aus Europa für Windmühlen zu beschaffen. Ein anderes Dorf will zwei Anlagen. "Gambia hat das Windkraftfieber erwischt", sagt Weissferdt, "was jahrelang behindert wurde, kann jetzt nicht schnell genug gehen."Proteste von Anwohnern wegen Verschandelung der Landschaft sind noch nicht bekannt geworden.------------------------------Abhängig vom ÖlDie Kraftwerksleistung ist bescheiden: Gambia verfügt über etwas mehr als 60 Megawatt Leistung, ausschließlich von Dieselgeneratoren erzeugt. 80 Prozent aller Staatsausgaben dienen dem Öleinkauf. Diese Abhängigkeit vom Öl bereitete im Sommer 2008, als die Ölpreise explodierten, dem Land große Probleme.Die Energieversorgung ist lückenhaft: Erst jeder zweite Stadtbewohner ist ans Stromnetz angeschlossen, auf dem Land erst jeder vierte. Die Netzverluste sind enorm - rund 40 Prozent der einspeisten Energie sollen verloren gehen, vor allem durch Leitungsschwächen oder Diebstahl.Die Weltbank erstellt derzeit eine Tarifstudie für erneuerbare Energien in Westafrika. Sie wird wohl ergeben, dass Energie aus Wind, Solar und Biomasse mittelfristig Chancen hat, besonders, weil eine neue Mittelspannungsleitung alle westafrikanischen Länder miteinander verbindet und höhere Einspeisungen möglich macht.Der Verein Dorfelektrik in Gambia e.V. braucht für neue Projekte auch Spenden: Kto.Nr.7704935. Commerzbank BLZ 21040010.------------------------------Karte: Gambia------------------------------Foto: Hoch über Batokunku: Peter Weissferdt auf der Windkraftanlage.