Im Dorf Trebbus, zehn Kilometer vom nächsten Bahnhof entfernt, gibt es ein paar Bauernhöfe, eine Kirche und eine Windmühle. Und seit 1992 den einzigen echten Derwisch-Konvent Deutschlands. Er ist in das größte Gehöft des Ortes eingezogen. Geleitet wird er vom deutschen Scheich Abdullah Halis Dornbrach. Im Gebäude seines Ordens ist außerdem die Bibliothek des "Instituts für Islamstudien" und das "Sufi-Archiv-Deutschland e. V." untergebracht. Wo einst ein Tanzsaal war, ist heute eine helle, geräumige Moschee. Sie ist das Herzstück des Konvents. Zwanzig Menschen haben sich am Karfreitag anläßlich des islamischen Opferfestes zum Essen, Beten und zur traditionellen Sufi-Meditation, dem Zikr, versammelt. In der Moschee bilden Frauen und Männer jeweils einen eigenen Kreis. Mit geschlossenen Augen stimmen sie Gesänge an und beginnen sanft mit dem Oberkörper zu wippen. Ihre Melodien unterbrechen sie immer wieder durch fast lautloses Wiederholen des Gottesnamens, das durch komplizierte Atemtechniken zu rhythmischem Schnaufen und Keuchen wird. Plötzlich löst sich der Scheich aus dem Kreis der Männer, hebt majestätisch die Arme, dreht sich um die eigene Achse. Dabei singt er mit seiner voluminösen Stimme immer weiter. Irgendwann hört er auf zu drehen, gibt ein Zeichen und die Meditation endet nach rund einer Stunde mit einem lauten "Uuuuuuh " Abdullah Halis Dornbrach ist ein tanzender Derwisch. Die tanzenden Derwische gehören zu den Sufis, die in festen Gemeinschaften eine mystische Form des Islam praktizieren. Als Dornbrach mit 19 Jahren zum Islam konvertierte, hatte er bereits im Buddhismus und Hinduismus nach religiösem Halt gesucht. Aber die Pflichten eines Moslems, die fünf Gebete und das Fasten im Ramadan, faszinierten ihn im Islam am meisten. "Keine andere Religion konfrontiert den Menschen so sehr mit sich selbst", sagt Dornbrach. Viele Jahre war der gebürtige Berliner selbst im Orient Schüler in verschiedenen Sufi-Orden. Im syrischen Aleppo hat er einst 1 001 Tage ein strenges Noviziat im Konvent des Mevlevi-Ordens abgeleistet, der die Tradition der drehenden Derwische praktiziert. Als Großmeister und ausgestattet mit verschiedenen Lehrerlaubnissen kehrte er nach Europa zurück. "Mit Sektierertum hat das überhaupt nichts zu tun", sagt Dornbrach. Er will in Deutschland gegen Vorurteile angehen und die "positiven Traditionen des Islam" vermitteln und erfahrbar machen. Von moderner Esoterik und Weltflucht distanziert er sich scharf. "Wir werben nicht um die Leute. Denn man findet schließlich auch keinen Juwelier mit dem Bauchladen auf der Straße."Wer vom Scheich etwas über den Weg der Sufis lernen möchte, unterwirft sich zunächst den "Benimmregeln" des Ordens. Unzählige Vorschriften regeln den gegenseitigen Respekt und sollen die Aufmerksamkeit füreinander wecken. Jedesmal, wenn man einen Raum betritt, wird gegrüßt. Wenn der Scheich sich erhebt, stehen auch alle anderen auf. Beim Tischdecken werden die Gläser verkehrt herum hingestellt ein Symbol dafür, daß man über die Fehler der anderen hinwegsehen soll. Innerhalb des Konvents spricht jeder nur von "Wir" das Wort "Ich" existiert nicht.Zu den zwölf Schülerinnen und Schülern des Scheichs gehört die 56jährige Mirijam. Aus Rebellion gegen ihre katholische Erziehung lehnte sie jede Religion ab. Als sie Dornbrach vor 16 Jahren zum ersten Mal traf, fand sie ihn daher "total daneben". Aber er diskutierte endlos mit ihr, wußte auf jede Frage eine Antwort. Schließlich reiste sie ihm hinterher und wurde zwei Jahre später seine Schülerin. Will man Schüler des Scheichs werden, lebt man erst probeweise eine Weile im Konvent. Dann wird ein "Lehrvertrag" geschlossen, der jederzeit wieder gelöst werden kann. Entweder besucht man dann wie die jetzigen Schüler den Scheich immer wieder; im Konvent von Trebbus ist aber auch das Noviziat der 1 001 Tage möglich. Bis jetzt hat das aber noch keiner gemacht.