Lesen ist dran: "Ihr .", sagt die Lehrerin. Der kleine, auch für einen Erstklässler kleine Türke Fuat hat die Zeile verloren. Die deutsche Nachbarin Laethicia zeigt sie ihm. "Ihr .", wiederholt Fuat und freut sich kurz, weil er das nächste Wort kann: "Ihr Papa ."- die Freude ist vorbei, nun beginnt die Arbeit. Die Kamera sieht ihm in das braune Gesicht, die großen Augen versuchen die Buchstaben zu fixieren, die Brauen spannen sich immer wieder zum Entschlüsselungsprozess an, müssen aber gleich wieder durchgelockert werden. "K", "ko", "koc", gleich hat er es - doch die Lehrerin löst eine Sekunde zu früh auf: "Kocht. Ihr Papa kocht . Nun? Was kocht der Papa?" Fuat sieht ein Ungetüm von einem Wort vor sich und kapituliert. "Wer weiß es?", fragt die Lehrerin in die Runde. Ein Junge hilft: "Kamillentee." Noch einmal zuckt kurz ein Lächeln über Fuats Gesicht, Kamillentee, das hat er schon mal gehört. Überhaupt: Ein Papa, der Kamillentee kocht - schöne Sachen passieren da im Lesebuch.Später erzählt Fuat von seinem Papa. Der hat sich mit Fuats Mutter gestritten und ist gerade in eine andere Wohnung gezogen. Fuat glaubt, dass sein Vater wiederkommt, wenn er sich mit der Mama vertragen hat. In dem Moment fällt ihm auf, dass das ganz schön lange dauert. Warum ist der Vater eigentlich immer noch nicht zurück gekommen? Er hat wohl keine Lust, will nicht seine ganzen Sachen wieder zurückzubringen. Das Scheidungskind schafft die erste Klasse nicht und begreift erst nach den Sommerferien, dass "Sitzenbleiben" heißt, alle mühsam erkämpften Freunde zu verlieren. In Fuats Leben passieren gerade nicht so schöne Sachen."Der Die Das", der Abschlussfilm der Babelsberger Filmhochschulabsolventin Sophie Narr, kommt gerade zur rechten Zeit, ein paar Tage vor Schulbeginn in Berlin, ins Kino. Vor allem Eltern und Lehrer sollten ihn sich ansehen und sich konkret vor Augen führen, was ihnen für ein Abenteuer bevorsteht. Der Film porträtiert vier Kinder einer ersten Klasse an der Anna-Lindh-Grundschule im Berliner Wedding. Die Regisseurin - und buchstäblich auch die Kamerafrau Anne Misselwitz - begeben sich auf die Augenhöhe der Kinder. Der Film beschränkt sich auf ihr neues Leben in der Schule, macht vor der Wohnungstür halt. Indem er auf Einordnungen und Kommentare verzichtet, verhindert der Film, dass der erwachsene Zuschauer die Unwägbarkeiten und die Herausforderungen, denen die Kinder ausgeliefert sind, mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen relativiert. Der Film versucht also gar nicht erst, die Sphären des Elternhauses und der Schule in ein Bild, einen Erzählraum zu integrieren.Er nimmt damit so ziemlich die entgegengesetzte Perspektive der Eltern ein, die ihre Kinder mit der Einschulung zu einem entscheidenden Teil in eine fremde Welt und aus ihrem Macht- und Sorgebereich entlassen. Prinzipiell beginnt dieser Vorgang zwar schon mit der Entbindung - aber das Wunder, dass man ein eigenständiges, früher oder später unabhängiges menschliches Wesen geschaffen hat, ist nur in Portionen zu verkraften, die für sich genommen schon ziemlich kühn genug sind: Man überlässt sein Kind stundenweise einem Babysitter, man stellt das Bettchen in ein anderes Zimmer, man gibt es im Kindergarten ab. Doch diese Entscheidungen sind einem noch selbst überlassen, man darf jederzeit einen Rückzieher machen. Nun aber greift der Staat mit der allgemeinen Schulpflicht zu. Es wird offenbar: Mein Kind ist nicht mehr nur mein Kind.Auch ein wohlsituierter, ortsansässiger Bildungsbürger bekommt da Muffensausen. Ihm wird bewusst, in welch halsbrecherisches Wagnis er sich - und seinen Nachwuchs - gestürzt hat, als er zur Fortpflanzung schritt. Indem der Film von Kindern aus sozial schwachen und Einwanderer-Familien erzählt, macht er diesen Zwiespalt noch deutlicher: Für Eltern, die die Sprache nicht beherrschen, in der an der Schule unterrichtet wird, ist die Welt, der sie ihre Kinder mit der Einschulung überlassen, natürlich noch fremder. Wo derart unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinander stoßen und Einflussbereiche auseinander driften, scheint es unvermeidlich, dass sich für die Kinder am ersten Schultag die Welt spaltet - worüber die symbolische vertrauensbildende Maßnahme der Schultüte hinwegtrösten soll: Zuckerschock vor Kulturschock. Diese bald zweihundertjährige Erfindung aus dem harmoniesüchtigen Sachsen ist ja schon ihrer Form nach sehr geeignet zum Eintrichtern. Das Unheimliche an dem Brauch geriet fast in Vergessenheit: Der Zuckertütenbaum soll der Legende nach im Keller der Schule wachsen. Und Fuat kriegt gleich zwei von diesen süßen Monstren.Auch die Deutsche Laethicia ist fremd in der Schule. Traurig lässt sie ihre mit rosafarbenen Plastikdiamanten besetzten Ohrringe wackeln und erzählt, dass ihre Eltern "Hartz-IV-Anfänger" sind. Deswegen - und jetzt wird ein Kichern hinter ihrer Brille sichtbar - wurde sie auch noch nie von ihrer Mutter geküsst. Sie nutzt die gespaltene Welt, um ihre Phantasie ein bisschen von der Leine zu lassen. Sie wolle so gern einmal zu ihrer Tante reisen, das sei die einzige Frau auf der Welt, die einen Bauernhof habe, mit Ponys, Fröschen, Spinnen und Elefanten.Je weniger Elternhaus und Schule miteinander zu tun haben, desto irrer sind die Geschichten, die man auftischen kann. Laethicia weiß noch nicht genau, wie man die Geschichten dosiert, aber sie bringt den wahren Kern schon sehr glaubwürdig rüber. Sie spinnt zwar ein ziemlich, aber vielleicht nur in dem Maß, wie sie ihre sehr wahre Traurigkeit nicht begründen kann. Es wird stimmen, dass ihr großer Bruder Konstantin, der schon 15 ist, die zehnte Klasse vielleicht nicht schaffen wird. Vielleicht isst er auch schlecht, wie Laethicia erzählt. Aber wiegt er wirklich nur noch zehn Kilogramm?Alle Porträtierten und auch jene Kinder, die zufällig ins Bild rücken, haben ihre Momente, in denen sie staunend, fragend und ein bisschen ängstlich aus der Wäsche gucken. Die Lehrerin will irgendwas, die anderen Kinder sind nicht immer nett. Es gibt Konflikte zwischen den Kleinen, bei denen ihre Eltern sie vielleicht nicht wiedererkennen würden. Da fliegen die Fäuste und auch Schimpfworte, die auch diejenigen, die teilweise sehr schlecht Deutsch sprechen, vergleichsweise flüssig über die Zunge bringen - selbst wenn sie kaum wissen werden, womit sie in ihrer Wut drohen, wenn sie die anderen "in Aasch pfückn" wollen.Man ahnt, wenn man diesen Film sieht, was mit der aus der Pisa-Hysterie geborenen Idee, Kinder zum Beispiel in Berlin ein Jahr früher in die Schule abzukommandieren, angerichtet wurde. Einige der Fünfjährigen werden keine Erinnerungen behalten vom Tag ihrer Einschulung, sie werden vielleicht sogar die Schultüte vergessen. Der Film hilft, sich und auch seinem Kind bewusst zu machen, dass ihm ein Riesenschritt in die eigene Welt bevorsteht, den es mit Lust, Schwung und Vertrauen zu tun gilt.Als Fuat mal wieder gehänselt wird, ruft er vom Gipfel der Verzweiflung: "Dich lad ich nicht zu meinem Geburtstag ein." Das hat etwas Märtyrerhaftes, wie er, von Sonnenflecken bestreut, allein auf einer Bank sitzen bleibt. So eine Feier ist ja nicht nur eine Gelegenheit, endlich - zumindest fürs Protokoll - die Hauptrolle zu spielen, sondern auch dafür, zwei Welten in Berührung zu bringen: den Eltern die Mitschüler und den Mitschülern die Eltern vorzuführen. Dazwischen - in der Klemme vielleicht, oder im Loch - wird ein Kind viel zu schnell groß.------------------------------Eine Reise zurück in die KindheitDer Die DasEin Dokumentarfilm von Sophie Narr, Kamera: Anne MisselwitzDeutschland 2008, 92 min., Farbe.Ab Donnerstag im FSK-Kino am OranienplatzZum Kinostart lädt das FSK-Kino zur Filmpremiere mit Team und Filmgespräch - am Freitag, 18.30 Uhr.DVD erhältlich im Fach- und Buchhandel sowie unter www.klooundco.de/shop oder www.derdiedas-film.deDie DVD enthält zwei Sprachfassungen (engl., dt.) sowie zwei Versionen: die volle Kinofassung (92 min.) und eine kurze Fassung (58 min.), die speziell zur Bildungsarbeit eingesetzt werden kann.Schulen und Bildungseinrichtungen können im Herbst unter bestimmten Bedingungen die DVD kostenfrei erhalten. Informationen hierzu unter: 47 37 29 80------------------------------Foto: Das Schulkind Fuat wünscht sich an die Seite seines Vaters, der zu Hause ausgezogen ist.Foto: Schulkind Laethicia wünscht sich an die Seite ihrer Tante, die als einzige auf der Welt einen Bauernhof mit Ponys, Fröschen und Elefanten hat.