Ein stilles, helles Haus in Pankow. Seit 42 Jahren wohnt hier, umgeben von einem Garten, Kurt Sanderling, einer der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. An diesem sonnigen Septembernachmittag steht er in der Tür, Hund Lennie - benannt nach Leonard Bernstein - ist an seiner Seite. "Kommen Sie herein, legen Sie ab", sagt der Gastgeber und geht vor, durch einen Flur ins Wohnzimmer, in dem ein nussbrauner Stutzflügel steht. Im Regal an der Wand sind Unmengen von kleinen Kontrabass-Spielern aufgestellt, Figuren aus Plüsch, Gummi, Holz. "Alles Geschenke für meine Frau", sagt Kurt Sanderling. Barbara Sanderling spielte sechzehn Jahre lang als Kontrabassistin im Berliner Sinfonie-Orchester unter seiner Leitung.Bevor er sich auf einen Ledersessel setzt, sagt er entschieden: "Ihr Platz ist dort auf dem Sofa." Die Lederhunde, erklärt er dann, lägen nicht zur Zierde dort. "Sondern damit Sie - wenn Sie mögen - Ihre Arme darauflegen oder es sich im Rücken bequem machen können." Am Telefon hatte er angekündigt: "Ein kräftiger Kaffee erwartet Sie." Genau so ist es nun.Sie lieben starken Kaffee? Dabei haben Sie doch so lange in Moskau und Leningrad gelebt hat und müssten eigentlich ..Tee trinken. Ja, ja, aber ich habe dort die Fahne immer hochgehalten.Gab es in der Sowjetunion überhaupt Kaffee zu kaufen?Ja, und zwar reichlich, weil ihn dort niemand kaufte. Wenn Sie irgendwo zu Gast waren, gab es immer Tee. Während des Krieges hatten wir Glück. Wir waren mit der Leningrader Philharmonie nach Nowosibirsk evakuiert worden. Und ein Hilfszug mit Lebensmitteln, darunter Riesenmengen ungebrannten Kaffees, der nach Moskau gehen sollte, strandete in Nowosibirsk. So hatten wir den ganzen Krieg über reichlich Kaffee. Sogar sehr reichlich!Sie kommen aus Arys in Ostpreußen, und die Ostpreußen waren sicherlich Kaffeetrinker?Das waren Kaffeetrinker. Ein schrecklicher Kaffee, aber immerhin Kaffee. Tee war die große Ausnahme.Ihr Vater leitete ein Sägewerk, Ihre Mutter führte das Haus. Waren Ihre Eltern musikalisch aufgeschlossen?Meine Mutter vielleicht mehr als mein Vater. Sie spielte etwas Klavier. Meinen Hang zur Musik haben die beiden jedoch vor allem dadurch befördert, dass sie ihn über sich ergehen ließen.Für preußische Militärmärsche konnten Sie sich ja schon als Vierjähriger begeistern.Ja! Die sind ja auch oft großartig. Arys war der zweitgrößte Truppenübungsplatz in Deutschland. Und in guten Zeiten war er voll besetzt. Da war ein reges Leben der Soldaten. Ich rannte oft genug als kleiner Junge mit der Musik weg. Meine Eltern holten mich dann vom Schießplatz zurück. Die wussten ja immer, wo ich war: Wo die Musik spielt.Sie haben in fünf deutschen Staaten gelebt: dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem "Dritten Reich", der DDR, der BRD. Als Kind fühlten Sie sich einsam, erzählten Sie einmal, weil Sie als Jude von den Deutschen immer ausgeschlossen worden waren. Hat diese Einsamkeit Ihr Leben bestimmt?Ja, wenn ich jetzt zurückblicke, dann muss ich sagen: Jude-Sein, das hat man nicht nur als Kind erlebt, sondern eigentlich sein ganzes Leben lang. Außer einer kurzen Zeit in der Sowjetunion - wo ich vielleicht nur die Illusion hatte, dass das keine Rolle spielte - wurde ich immer mit der Nase drauf gestoßen, dass ich ja eigentlich Jude bin. Aber ich muss offen gestehen: In der Bundesrepublik habe ich das am wenigsten gespürt. Das mag daran liegen, dass ich in Berlin in einem Kreis von Menschen lebe, für die Antisemitismus ein Schimpfwort ist. Das mag auf dem flachen Lande und in kleinen Städten anders aussehen. Das weiß ich nicht. Aber ich persönlich habe mich als Jude nie so frei gefühlt wie in der Bundesrepublik. Wenn ich aber mein Schicksal vergleiche mit dem vieler Tausender und Hunderttausender anderer - ich rede schon gar nicht von denen, die im Holocaust umgekommen sind - so ist mein Schicksal doch eigentlich verhältnismäßig gnädig gewesen. Sehen Sie, 1941, da war ich 29 Jahre alt und wurde Dirigent eines der bedeutendsten Orchester der Sowjetunion, der Leningrader Philharmonie. Das ist doch ein unglaublicher Glücksfall.Sie waren 1935 als Jude aus Deutschland ausgebürgert worden und emigrierten 1936 in die Sowjetunion zu Ihrem Onkel. Ab wann wurde es dort auch schwierig für Sie?Mir schien das ruckartig mit dem Beginn des Krieges anders zu werden. Ich erkläre mir das so, aber ich weiß nicht, ob es auch so war: Es hat ja in der russischen Bevölkerung in alter Tradition einen latenten Antisemitismus immer wieder, immer noch gegeben. Dazu kam, dass ein großer Teil der Revolutionäre Juden waren, so dass der Teil der Bevölkerung, der innerlich gegen das neue Regime war, die Juden als Ursache allen Übels sah. Ich habe es anfangs weder gesehen noch gespürt. Doch mit Beginn des Krieges - wo man mit allen Mitteln den Patriotismus des Volkes und vor allem derer, die die Waffen in den Händen hatten, stimulieren wollte - achtete man nicht mehr so sehr darauf, dass die Grundregeln des Umgangs mit den jüdischen Bürgern beachtet wurden, die bislang gegolten hatten.Hatten Sie mit Ihrem Deutsch-Sein damals völlig abgeschlossen?Schon viel früher. Als ich aus Deutschland ausgebürgert worden war. Aber nicht mit dem Deutsch-Sein hatte ich abgeschlossen! Mit dem Deutscher-Staatsbürger-Sein. Das Deutsch-Sein konnte ich nicht eliminieren, wollte es auch nicht. Genauso, wie ich das Jude-Sein nicht eliminieren konnte, obwohl ich das zu Zeiten gewollt hatte.Wann wollten Sie das?Bis 1936, bis zu dem Moment, wo ich die Grenze zur Sowjetunion überschritt, habe ich unter der Tatsache, dass ich Jude war, nur gelitten. Ich wollte ja Deutscher sein. Ich wollte deutscher Jude sein, für mich war das kein Gegensatz. In der Sowjetunion war das auf einmal kein Gesprächsthema mehr. Es wurde zum ersten Mal Gesprächsthema, als ich den sowjetischen Pass bekam und gefragt wurde, was ich reinschreiben sollte als Nationalität. Ich wollte "Deutscher" schreiben. Doch mein Onkel, der viel weitsichtiger war als ich, sagte: "Weißt du, 'deutsch' klingt hier nicht so gut jetzt. Schreib 'Jude'. Du bist doch auch Jude". Na, und so schrieb ich "Jude" rein. Das hat mich auch davor bewahrt, im September 1941 aus Moskau nach Kasachstan evakuiert zu werden. Alle, die "Deutsch" im Pass hatten, wurden eo ipso dorthin evakuiert, mit Ausnahme derer, die in der Komintern (Kommunistische Internationale, d. Red.) arbeiteten oder von der Partei her Aufträge hatten. Also, ich wäre damals nach Kasachstan gekommen. Ob ich das überlebt hätte, weiß ich nicht. Da hat mich vielleicht die Tatsache, dass ich Jude war, gerettet.Aber nach dem Krieg - wollte man Sie da nicht plötzlich aus der Leitung der Leningrader Philharmonie weghaben?Ja. Aber wissen Sie, wer mich weghaben wollte?Parteifunktionäre wahrscheinlich.So darf man's auch nicht sehen. Es ist nicht so, dass mich die kleinen Funktionäre weghaben wollten. Sondern mein Fall hängt zusammen mit einer Gepflogenheit, die dort herrschte: Vor großen Parteitagen oder Parteikongressen fanden immer Reinigungen des Apparats statt von Leuten, die nicht genügend auf Parteilinie waren. Nun stand 1952 ein großer Kongress der Partei bevor, der letzte übrigens, an dem Stalin noch teilnahm, obwohl er schon nicht mehr redete. Und da musste in Leningrad auch gesäubert werden. Also ging eine Kommission im Sommer durch die ganzen Kulturinstitute, nahm sich die Personalakten vor und fand einen Mann mit einem so unrussischen Namen. Jude war er auch. Und - shocking! - studiert hatte er auch nicht laut seiner Akte. Das war doch ein wunderbarer Fall, der als Beispiel dafür gelten konnte, wie unaufmerksam gewisse Teile des Apparates waren. Und so wurde ich einfach - ohne Kenntnis dessen, was das für Leningrad bedeutete - auf Grund meiner Biografie zur Disposition gestellt.Waren Sie der Einzige?Nein. Ich war einer von drei Leuten: Der zweite war der Direktor des literaturwissenschaftlichen Instituts, Eichenbaum, ein hochverdienter Wissenschaftler, der als kleiner Junge noch mit dem alten Lew Tolstoi Schach gespielt hatte, aber nun sehr alt war und gewiss vielen Vorstellungen einer normalen Parteikarriere nicht entsprach. Wer der dritte war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass alle drei Juden waren. Und da sich die Partei nicht irrte - die Partei irrte sich nie! -, war ich so gut wie abgeschrieben, nachdem ich auf der Tagung in Leningrad öffentlich genannt worden war. Im Normalfall waren solche Verurteilungen endgültig. Da gab es gar keine Appellation. Und es gehört zu den Positiva von Jewgenij Mrawinskij .. dem Chefdirigenten der Leningrader Philharmoniker, dessen Co-Dirigent Sie waren ..dass er nicht etwa die Gelegenheit benutzte, sich eines - wie ihm scheinen konnte - nicht ganz ungefährlichen Rivalen zu entledigen.Er ging sonst für seine Karriere über Leichen.Ja, aber hier setzte er sich ein, den Parteibeschluss rückgängig zu machen. Das aber hieß, auf dem Parteitag Stalin selbst aufmerksam zu machen: Dies und das sei passiert, und das sei wohl nicht ganz recht. Und dafür wurden zwei Leute ausgesucht: der Lieblingsschauspieler von Stalin, zugleich ein guter Freund von Mrawinskij, Nikolaj Tscherkassow, der die Titelrollen in Sergej Eisensteins Filmen "Alexander Newskij" und "Iwan der Schreckliche" gespielt hatte. Und der zweite war Schostakowitsch. Den beiden traute man eben die Möglichkeit zu, sich auf dem Parteikongress durch die Unzahl von Absperrungen durchzuschlagen, um zu Stalin zu gelangen. Sie trugen Stalin alles vor, und am nächsten Tag war der "Fall Sanderling" gelöst.Durch Stalins persönliches Eingreifen?Ja, ein Wink von Stalin zu seinem Adjutanten, ein Telefongespräch von dem nach Leningrad - und der Fall war erledigt. Also ich wäre ein Opfer nicht direkt des Parteiapparats geworden, sondern ein Opfer dieser unglückseligen Umstände, dass im Sommer in der Leningrader Philharmonie niemand da war, der hätte sagen können: Diese Kommission, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte, habe sich geirrt. Ich wäre also ein Opfer der Kommission gewesen und keineswegs ein Opfer "des Apparats". Sie sehen: "Der Apparat" hat das sogar zurückgenommen. Was allerdings außerordentlich war und allgemeines Erstaunen in der Öffentlichkeit hervorrief.Da hat Ihnen Schostakowitschs Fürsprache vielleicht das Leben gerettet. Inwieweit prägt Ihre persönliche Bekanntschaft mit ihm auch Ihre Sicht auf seine Musik?Na, zunächst mal stört mich ein kleiner formaler Fehler in Ihrer Frage: Ich habe nicht dadurch, dass ich Schostakowitsch persönlich kannte, eine besondere Sicht auf seine Musik gewonnen, sondern dadurch, dass ich die Verhältnisse kannte, unter denen seine Musik geschrieben wurde. Ich kannte ja seine Musik bereits, bevor ich ihn kannte. Sehen Sie: Keine Kunst ist ein Abstraktum, die im luftleeren Raum entsteht und im luftleeren Raum exekutiert wird. Und für bestimmte künstlerische Bestrebungen kann es wichtig sein, wenn man die historischen Bedingtheiten, unter denen ein Werk entstanden ist, versteht. Und insofern hatte ich gegenüber vielen anderen Dirigenten im Westen den Vorteil zu wissen, worüber Schostakowitsch redet. Die anderen konnten es bestenfalls erahnen. Bei Schostakowitsch kommt hinzu, dass er ja eine Musik schrieb, die das eine bedeutete, aber von der er selbst zugleich glaubte, angeben zu müssen, sie bedeute etwas anderes.Es gab mehrere Kampagnen Stalins gegen Schostakowitsch, weil seine Musik nicht der Doktrin eines Sozialistischen Realismus entsprach. Er selbst hatte stets Angst, verhaftet und hingerichtet zu werden.Ja, nehmen Sie zum Beispiel eines seiner tragischsten Werke: das achte Streichquartett, das ja eine Selbstbiografie ist. Das widmete er aber vielsagend den Opfern des Faschismus, damit es politisch genehm war. Nun brauchen Sie dieses Werk deshalb nicht anders zu spielen, obwohl Sie es vielleicht anders spielen würden, wenn Sie es als persönliches Bekenntnis des Autors nähmen, als wenn Sie es als Geschichtsdokument spielten.Ärgern Sie sich manchmal über Schostakowitsch-Aufführungen anderer Dirigenten, weil Sie spüren: Da ist vieles verfehlt?Ja. Aber: Herr, sie wissen nicht, was sie tun! Sie können ja nichts dafür. Ein Beispiel ist die 15. Symphonie. Ein zutiefst tragisches Werk, ein Bekenntniswerk. Und Schostakowitsch, der ein Leben lang - nicht zu Unrecht - unter Verfolgungswahn litt, gab noch 1971 - in einer Zeit, wo er gar keinen Grund mehr dazu gehabt hätte, das Stück nicht wahrheitsgemäß zu betiteln - an: Das sei eine heitere Symphonie, der erste Satz ein Spielwarenladen. Der Optimismus war ja Staatsphilosophie. Wenn ich nun ein westlicher Dirigent wäre, der die Bedingungen, unter denen Schostakowitsch lebte, nicht kennt - bestenfalls vom Erzählen -, wenn ich also diese Partitur in den Händen hielte und dann noch die Erklärung des Autors dazu nähme, ja, dann könnte ich auch auf gar keine anderen Gedanken kommen und würde es so falsch spielen, wie viele es gespielt haben.Woher wussten Sie, dass Schostakowitschs Beschreibung der 15. Symphonie nicht stimmen konnte?Ich saß in der ersten Aufführung dieses Werkes in Berlin in der Loge der Staatsoper neben Schostakowitsch, 1972, wo es ganz vorzüglich vom russischen Staatsorchester gespielt wurde. Und ich wusste nur das, was in der sowjetischen Presse veröffentlicht worden war: "Ein heiteres Werk, Spielwarenladen der erste Satz." Und da ich den Autor und die Verhältnisse kannte, hörte ich in dem Werk das, was er gemeint hat. Und in vollständiger Verwirrung und Unsicherheit wandte ich mich nach dem ersten Satz zu ihm. Und da ich wusste, wie man fragen muss bei ihm, sagte ich: "Sagen Sie, Dmitrij Dmitrijewitsch, irre ich mich - oder ist das ein zutiefst tragisches Werk?" Und er wandte sich zu mir um und sagte mit tiefer Stimme: "Sie irren sich nicht."Da ist es Ihnen doch bestimmt kalt den Rücken runtergelaufen.Nein, mir lief es gar nicht kalt über den Rücken. Ich war einfach nur glücklich, dass ich das Werk richtig gehört hatte. Aber es lief mir vielleicht kalt über den Rücken, dass Schostakowitsch selbst seinen Zuhörern das Werk erstmal verschlossen hatte. Ich erinnere mich: Als ich in London beim Philharmonia Orchestra diese Symphonie spielen wollte, sagten die dort: "Ach nein, im vorigen Jahr war Schostakowitsch selbst hier. Und sein Sohn hat diese Symphonie dirigiert. Die hat uns nicht gefallen." Da sie zu mir aber sehr nett waren, gaben sie meinen Bitten nach. Und es gelang mir, auch den Einführungstext dorthin zu befördern, den ich für die Aufführung hier in Berlin durch meinen Dramaturgen Hans Bitterlich hatte schreiben lassen, um den Hörern einen anderen Zugang zu eröffnen. Mit Folge eins: Am nächsten Tag stand in der Times: "Wir müssen wohl umdenken, wir haben das Werk bisher ganz falsch gehört." Und Folge zwei: Ich habe es in den nächsten Jahren noch drei oder vier Mal dort gespielt. Das gehört zu den Dingen, auf die ich natürlich mit einiger Befriedigung zurücksehe.Haben Sie mit Schostakowitsch über solche Dinge reden können?Schostakowitsch sprach nur sehr ungern über sein eigenes Werk. Einer solchen Frage, die - wie bei mir in der Staatsoper - von hintenherum formuliert war, der antwortete er. Ein anderer Fall: Als ich zum ersten Mal die Fünfte von Schostakowitsch in Moskau spielte, war er zusammen mit - ich glaube - Aram Chatschaturjan im Konzert. Und ich spielte entgegen der Aufführungstradition den vierten Satz grundsätzlich anders. Statt pompös und mit Bombast zu beginnen, fuhr ich herein im vollen Tempo wie eine Maschine, die alles niedermacht. Schostakowitsch kam nach der Vorstellung zu mir mit Chatschaturjan und sagte die üblichen lobenden Worte. Da fragte Chatschaturjan: "War nicht vielleicht das Tempo im vierten Satz am Anfang zu schnell?" Und Schostakowitsch sagte ganz aufgeregt: "Nein, nein! Lass ihn so spielen! Lass ihn so spielen!" Er hatte es also zugelassen, dass dieses Stück viele Jahre nicht so gespielt wurde, wie er es sich vorgestellt hatte. Und so gibt es eine Reihe von Dingen in den Werken von Schostakowitsch, die - glaube ich - anders gemacht werden müssten. Was ich tat. Und er hat mich nicht korrigiert.Daniel Barenboim sagte kürzlich, dass er mit Schostakowitsch nicht viel anfangen könne, weil ihm die Musik zu wenig komplex sei. Wenn er allerdings jemals Schostakowitsch-Symphonien dirigieren würde, dann wolle er versuchen, der Richtung zu folgen, die Kurt Sanderling ihm gewiesen habe. Sie haben offenbar Spuren hinterlassen, sicher nicht nur bei Barenboim.Ja, mit den Spuren, das ist so eine Sache. Ganz sicher hat es diesen oder jenen beeindruckt und vor Fehlern bewahrt. Aber wieweit es mir gelungen ist, prinzipiell in der Interpretation von Schostakowitsch weltweit etwas angestoßen zu haben, das kann ich nicht beurteilen. Doch aus unserem Gespräch könnte der Eindruck entstehen, ich mache alles richtig, und die andern machen alles falsch. Das ist natürlich Unsinn. Dennoch fällt mir auf, dass viele westliche Interpreten Schwierigkeiten mit Schostakowitsch haben. Ich erinnere mich an Eugene Ormandy, der mit seinem Philadelphia Orchestra in den späten Fünfzigerjahren zu einem Gastspiel nach Leningrad kam. Er dirigierte die Fünfte von Prokofjew und die Fünfte von Schostakowitsch. Die Fünfte von Prokofjew, wie man sie sich schöner nicht denken kann, die Fünfte von Schostakowitsch aber völlig daneben. Schostakowitsch verlangt wohl doch eine genauere Kenntnis seiner Lebensumstände.Vor fünf Jahren haben Sie Ihr letztes Konzert gegeben und dirigieren nun nicht mehr. Schauen Sie sich trotzdem noch Partituren an?Aber ja! Heute erst. Und zwar - Sie werden es kaum glauben - die sechste Symphonie von Tschaikowsky, die ich ja mehr als fünfzig Mal dirigiert habe. Sehen Sie, ich habe jetzt die Zeit und die Muße, viele der großartigen Werke, die ich dirigiert habe, abzuklopfen auf Dinge, die ich bislang übersehen habe. Als Interpret hat man immer große Probleme. Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, nicht an eine Aufführung denken zu müssen, sondern dem Werk, so gut ich kann, auf den Grund zu gehen, es abzuklopfen daraufhin, wie man es aufführen sollte, aber ohne den Druck, zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig zu sein.Sie leben jetzt ganz in einer unhörbaren Musik, allein zu Ihrer eigenen Bildung?Nein, zu meinem eigenen Vergnügen! Ich tue es nicht, um mich zu bilden, sondern aus dem Bedürfnis heraus, das in Ruhe nachzuholen, was ich in einigen Fällen vielleicht übersehen habe, und in anderen Fällen, um mich einmal in einer Partitur umtummeln, austummeln zu können.Es klingt, als gingen Sie spazieren in den Stücken?Wenn Sie so wollen. Es ist vielleicht ein etwas gewagter Vergleich, aber er ist nicht ganz falsch. Eines der Stücke, die ich vor kurzem noch einmal durchgesehen habe, ist auch die vierte Symphonie von Sibelius.Warum gerade die?Ich hatte sie im Grunde nur ein einziges Mal dirigiert, dann auf Schallplatte aufgenommen und nun den Verdacht, den berechtigten Verdacht, dass ich in dem Stück nicht alles herausgebracht, aus ihm nicht alles herausgeholt habe, was es beinhaltet. Ich habe vielleicht das Werk damals in seiner ganzen Abgründigkeit nicht bis zu Ende erfühlt. Und ich fühlte mich deshalb diesem Werk gegenüber etwas schuldig und habe das jetzt nachgeholt.Und die Schuld gegenüber dem Werk ist nun abgetragen?Ich will es hoffen. Zu Ende ist man mit einem musikalischen Kunstwerk niemals. Es bleibt immer neu zu entdecken, weil es auch immer neu in die jeweilige Zeit hinein gespielt und empfunden werden muss. Vielleicht können wir heute die Abgründigkeit dieses Werkes besser nachvollziehen, als es frühere Generationen vermocht haben. Sie haben so viel Schrecken nicht gesehen und so viel Einsamkeit auch nicht erlebt wie heute.Über einen ungeheuren Zeitraum hinweg haben Sie Musik gemacht. Hat sich das Musizieren verändert?Ja, sehr. In seiner allgemeinen Tendenz - ohne zu sagen, dass dies für alle zutrifft - ist es viel schneller geworden und damit in einigem viel liebloser und viel weniger - wie man früher sagte - tief schürfend. Ich habe neulich im Rundfunk den großen Es-Dur-Walzer op. 18 von Chopin gehört. Aber wenn ich das Stück nicht gekannt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, die Melodie herauszuhören. Ich weiß nicht, wer da gespielt hat - aber es war grauslich! Selbst virtuose Musik hat eine Grenze, wo sie umschlägt in bloße Mechanik. Diese Grenze kennt man zuweilen kaum mehr. Heute spielt man die langsamen Dinge zu langsam und die schnellen zu schnell. Das ist nicht von mir. Das ist ein Zitat, ich weiß aber nicht, von wem.Liegt das an der Loslösung des Spielens vom Singen? Daran, dass so viele Spieler nicht mehr aus eigener Erfahrung wissen, wie man singt?Bis zu einem gewissen Grade sicher. Aber es hat auch damit zu tun, dass sich schneller - also virtuoser - besser verkauft. Doch es gibt - Gott sei Dank - auch heute immer noch Interpreten, die ein untrügliches Gefühl und volles Verständnis dafür haben, wie ein Werk zu spielen ist.------------------------------Kurt SanderlingWurde 1912 in Ostpreußen geboren. Nach der Schulzeit arbeitete er an der Städtischen Oper Berlin, nach dem Machtantritt der Nazis als Pianist beim Jüdischen Kulturbund. Weil er Jude war, wurde er 1935 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert. Er emigrierte zu seinem Onkel in die Sowjetunion.1941 wurde Sanderling Co-Dirigent von Jewgenij Mrawinskij bei den Leningrader Philharmonikern.1960 ging Kurt Sanderling in die DDR und übernahm die Leitung des Berliner Sinfonie-Orchesters, das heutige Konzerthausorchester. 1977, mit 65 Jahren, legte er das Amt nieder und war Gastdirigent aller großen Orchester Europas und der USA.Sein letztes Konzert gab er am 19. Mai 2002 im Berliner Konzerthaus, noch einmal mit dem Berliner Sinfonie-Orchester. Im Herbst 2002 erschien seine Autobiografie "Andere machten Geschichte, ich machte Musik" - ein Interviewbuch von Ulrich Roloff-Momin.Am 19. September 2007 bereitete das Konzerthaus ihm ein Geburtstagskonzert. An dem Konzert wirkten auch Sanderlings Sohn Michael als Cellist und seine Frau Barbara als Kontrabassistin mit.Seit 1963 ist Kurt Sanderling in zweiter Ehe mit Barbara Sanderling verheiratet. Die Söhne Thomas, Stefan und Michael sind alle Musiker geworden.------------------------------Foto (2) :Kurt Sanderling und seine Frau (r.)an seinem 95. Geburtstag im Konzerthaus am Gendarmenmarkt