Albert Maysles und sein 1987 verstorbener Bruder David zählen zu den bedeutendsten amerikanischen Dokumentarfilmern. Sie waren Mitbegründer des Direct Cinema, einer Bewegung, die den Dokfilm in den 1960ern revolutionierte. Geschichte schrieben die Maysles-Brüder mit Arbeiten wie "Salesman", der als einer der besten Dokumentarfilme aller Zeiten gilt. Und mit Dokumentationen über die Beatles, Rolling Stones, über Truman Capote, Marlon Brando, Muhammad Ali, Christo. Albert Maysles wird morgen 80 Jahre alt.Mr. Maysles, Sie haben Direct Cinema mal so definiert: Es habe nichts zwischen Ihnen und den Protagonisten gestanden. Ist die Kamera nicht immer dazwischen?Man kann die Kamera als Hindernis betrachten oder als Instrument benutzen, um näher an jemanden heranzukommen. Ich habe sie immer als etwas Nützliches gesehen. Wenn Menschen wissen, dass sie gefilmt werden, haben sie eher die Tendenz sich zu öffnen, als sich zu verschließen. Sie möchten erkannt werden. Die Kamera nähert sich diesem Geheimnis.Wie hat das Direct Cinema den Dokumentarfilm verändert?Erstens bemerkten die Zuschauer plötzlich, dass sie wirklich dabei sind, wenn etwas geschieht im Film. Zweitens macht hier die Erfahrung anderer die Substanz des Films aus, und man kann Anteil nehmen.Wie so oft in der Filmgeschichte schoben technische Entwicklungen diese Revolution erst an.Genau. Früher war die Technik umständlich und schwer; die Kamera konnte nur das Bild und nicht gleichzeitig den Ton aufnehmen. Man musste aufwändig Licht aufbauen. Als wir dann um 1960 antraten, wurden kleine Kameras entwickelt, die man auf die Schulter nehmen konnte. Wichtiger war es indes, Erfahrungen aufzunehmen, ohne sich einzumischen. Handkamera und der direkte Blick - das waren die Errungenschaften.In Ihrem Film "Salesman" (1969) sieht man Vertreter mit Bibeln von Haus zu Haus ziehen. Wie kommt es, dass diese Leute die Kamera nicht mehr wahrnehmen?Wenn wir Berühmtheiten gefilmt haben, wurden wir oft gefragt: Diese Leute können sich so gut präsentieren - wie kann man da glaubwürdig drehen? Bei einfachen Leuten kam immer die Frage: Die sind es nicht gewohnt, gefilmt zu werden - wie könnt Ihr mit denen umgehen? Die Person hinter der Kamera muss sich dessen bewusst sein, dass sie da wirklich hingehört. Der Film, den man macht, ist ein Geschenk für die Leute, die da gefilmt werden, denn er drückt eine authentische Wahrheit über ihr Leben aus.Warum haben Sie Handelsvertreter zu Filmhelden gemacht?1967 drehten David und ich den Film über Truman Capote. Er hatte mit "Kaltblütig" eine neue literarische Form erfunden, den dokumentarischen Roman. Wir versuchten etwas in der Art für den Film zu entwickeln, hatten aber kein Thema. Capotes Verleger Joe Fox brachte uns dann auf die Handlungsreisenden. Nach langer Suche stießen wir auf Bibel-Verkäufer. Die Bibel als Produkt - damit konnten wir etwas Grundlegendes über die USA erzählen. Wir hatten als jüdische Kinder sehr unter dem Antisemitismus irischer Vertreter gelitten. Der Film erschien uns als gute Gelegenheit, das besser zu verstehen.Ihre Meisterwerke sehen aus wie Spielfilme. "Grey Gardens" (1975) etwa zeigt eine exzentrische Mutter-Tochter-Beziehung. Die alte Dame - das könnte auch Bette Davis sein ...Tatsächlich wird es eine Spielfilmversion von "Grey Gardens" geben, mit Drew Barrymore und Jessica Lang. Ein Musical wurde ja schon draus gemacht. David und ich, wir erzählten die Geschichte erst am Schneidetisch. Wir waren das ganze Team.In "Grey Gardens" sieht und hört man das Team. Warum machten Sie, anders als es sonst üblich ist, kein Geheimnis aus Ihrer Präsenz?Weil das Publikum irgendwann fragt: Wie verhält sich das Team zum Geschehen? Das Hauptverhältnis besteht hier natürlich zwischen den Frauen, aber es gibt eben auch eine Beziehung zu uns. Gleich zu Beginn des Films machen wir klar, dass wir keine Angst haben zu zeigen, wer wir sind. So kann sich das Publikum auf den Film konzentrieren.Diese Offenheit prägt auch "Gimme Shelter" (1970), Ihren Film über das Rockfestival Altamont, bei dem ein Mord verübt wurde. Die Rolling Stones sehen sich vor laufender Kamera den Film über ihren Auftritt an ...Die Stones wollten unseren Film vor Vollendung sehen; so kamen wir zu dieser Szene. Der Mord wurde von David und einem Assistenten aufgenommen. Besonders für Mick Jagger war es dann sehr schwer, den Film freizugeben; es hat Monate gedauert, bis er es tat.Das Gespräch führte Knut Elstermann.------------------------------Foto: Für Regisseur Albert Maysles ist ein Film ein Geschenk für die Leute, die gefilmt werden.