Am 1. Dezember 1976 wurde Horst Pehnert zum Stellvertretenden Minister für Kultur der DDR und Leiter der Hauptverwaltung (HV) Film berufen. Das war ein Schleudersitz; viele seiner Vorgänger hielten sich nur wenige Jahre, einer sogar nur elf Monate im Amt. Regelmäßig stand die Defa, die einzige, vom Staat finanzierte und von der Partei beaufsichtigte Filmgesellschaft des Landes, unter politischem Druck. Dabei ging es meist darum, dass das Kino als verlängerter Arm der Agitation in die Pflicht genommen werden sollte. So gab Erich Honecker dem Defa-Generaldirektor Hans Dieter Mäde im Mai 1977 auf den Weg, er wünsche sich Filme, "die unvermittelt die Klassenauseinandersetzung mit dem BRD-Imperialismus unterstützen". Das Machen von Kunst, so Honecker, sei dabei nicht gefragt.Der Konflikt war offensichtlich, und auch Horst Pehnert war ihm ausgesetzt: Als staatlicher Leiter und oberster Chef aller Defa-Betriebe hatte er den Erwartungen seiner Obrigkeit, die nur zum Teil seine eigenen waren, zu genügen. Aus den Studios, von einer Reihe von Künstlern, kam der Druck, Film als Seismograph gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen zu begreifen und sich ehrlich zu machen. Auch im Publikum war das Verlangen nach Wahrhaftigkeit, nach ästhetischen Entdeckungen statt ideologischen Bestätigungen groß; außerdem wollte es gut unterhalten sein.Jetzt hat Horst Pehnert ein Buch über seine Zeit als DDR-Filmminister geschrieben, dessen Titel "Kino, Künstler und Konflikte" ein Nachdenken über jene Widersprüche erwarten lässt, die diese Funktion einst begleiteten. Tatsächlich ist von gravierenden Einschnitten zu lesen: dem Exodus von Schauspielern nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns; dem langjährigen Verbot des Films "Jadup und Boel"; der politisch bedingten Auflösung des Dokumentarfilmstudios Heynowski & Scheumann; dem Zurückziehen sowjetischer Filme aus den DDR-Kinos 1988. Allerdings erweckt der Text den Eindruck, dass Pehnert nur das zu erzählen bereit ist, was aus anderen Memoiren längst bekannt war. Konflikte werden nicht ausgelotet, sondern nur gestreift; wesentliche Zusammenhänge der DDR-Filmpolitik kommen gar nicht erst vor: Es ist ein Unding, dass Pehnert mit keinem Wort den Filmverantwortlichen der Abteilung Kultur im ZK der SED, Jürgen Harder, erwähnt, der mit ihm und der HV Film doch symbiotisch verbunden war.Statt dessen zitiert Pehnert seitenlang aus alten Reden, Artikeln und Interviews, die "authentisch belegen" sollen, "was wir gewollt, wie wir gedacht und geredet haben, wie wir uns gesehen haben und wie wir gesehen wurden". Den Plural verwendet er bewusst - mit der großen Geste des staatlichen Leiters, der noch heute beansprucht, für "alle Kolleginnen und Kollegen in der Hauptverwaltung Film" zu sprechen, "denen das Kino der DDR Herzenssache gewesen ist". Hat er sie je gefragt?"Kino, Künstler und Konflikte" ist ein enttäuschender Text. Angelegt als Plädoyer fürs Defa-Kino, in erster Linie aber eine Rechtfertigungsschrift für seine eigenen dreizehn Ministerjahre, lässt sich Pehnert nur am Rande auf ein Nachdenken über strukturelle Defizite der DDR-Kulturpolitik ein. Zu Recht schreibt er über einige Erfolge seiner Amtszeit, wie "Solo Sunny", "Die Verlobte" oder "Die Beunruhigung". Nach wie vor aber lehnt er es ab, die HV als Instrument staatlicher Zensur zu sehen: "Wir waren die Produzenten! Und Produzenten, ob private, öffentlich-rechtliche oder staatliche, haben nun mal das Recht mitzureden, wenn es darum geht, mit sehr viel Geld Filme herzustellen."Dass der Staat als Produzent seinen Künstlern auch andere Freiräume einräumen konnte, wie in Polen und Ungarn, ist für Pehnert keinen Gedanken wert. Dem am meisten gegenwartskritischen Film seiner Ära, "Jadup und Boel", bescheinigt er auch jetzt noch eine "ziemlich aufdringliche politische Absicht"; Evelyn Schmidts "Das Fahrrad" nennt er "trist". Sein Urteil von damals hat sich in vielen Fällen nur verfestigt, nicht verändert.Ein Satz wie "Manche Fehler hatten ihre Gründe auch in Feigheit" besitzt im Buch Seltenheitswert. Warum schreibt Pehnert kein Wort über den Umgang mit dem "Offenen Brief" des Regisseurs Frank Beyer an den Leiter des Defa-Spielfilmstudios, in dem er 1978 darlegte, welchen Repressionen er durch die DDR-Kulturpolitik ausgesetzt war? Nichts ist darüber zu lesen, weshalb Pehnert bis fast zuletzt unter keinen Umständen bereit war, die Verbotsfilme des 11. Plenums neu zu befragen. Und nichts über die beiden jungen Defa-Mitarbeiter Sibylle und Hannes Schönemann, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten und daraufhin verhaftet wurden. Hat das Studio das Ministerium nicht darüber informiert? Welchen Einfluss nahm die Stasi überhaupt auf die Filmproduktion der DDR? Der Platz, den eitle anekdotische Nichtigkeiten über Johannes Heesters oder den österreichischen Kommerzfilmer Franz Antel einnehmen, wäre sinnvoller zu nutzen gewesen.Dem Verlag kann man den Vorwurf nicht ersparen, seinen Autor nicht gefordert zu haben, sich präziser und detaillierter zu erinnern. Vermutlich ist das Manuskript so, wie es im Haus landete, gedruckt worden. Auch mit allen Sachfehlern, von denen es nur so wimmelt. "Ehe im Schatten" wurde nicht, wie behauptet, im Admiralspalast uraufgeführt, sondern im Filmtheater am Friedrichshain (S. 48); der Mitbegründer der Defa heißt Karl Hans Bergmann, nicht Bergemann (S. 44), Günter Reisch nicht Reich (S. 67); und Karl Gass kam nicht 1946, sondern erst 1948 in den Osten und so weiter.Zumindest ein sachlicher Irrtum erweckt den Eindruck, als hätte sich der Autor damit unbewusst von Mitschuld entbinden wollen: "Als ich antrat, war Manfred Krug schon weg", schreibt Pehnert (S. 36) - was nicht stimmt, und er befreit sich mit diesem Satz gleichsam von jeglicher Reflexion über das von seiner Behörde jahrelang mit ausgetragene Gerangel um eine Uraufführung von "Das Versteck" und "Feuer unter Deck", den beiden letzten Filmen Krugs für die Defa.Horst Pehnerts Erinnerungen bezeugen einen stark verengten Blick auf die Vergangenheit. Der Autor hat sich seine Wahrheit, die noch immer von der Parteiräson geprägt zu sein scheint, dem "Gegner" möglichst nichts preiszugeben und Fehlerdiskussionen zu umschiffen, zu bequem zurechtgelegt. Ein Buch, das heute den Anspruch erhebt, Auskunft über Filmproduktion und Filmpolitik in der DDR zu erteilen, muss anders geschrieben sein.Horst Pehnert: Kino, Künstler und Konflikte - Filmproduktion und Filmpolitik in der DDR. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2009. 220 S., 12,90 Euro.------------------------------Pehnert hat sich seine Wahrheit, die noch immer von der Parteiräson geprägt zu sein scheint, zurechtgelegt.------------------------------Foto: Zeigte sich nachdenklich: Horst Pehnert im Jahr 1982.