KÖPENICK Gespenstische Ruhe im Rundfunkkomplex an der Nalepastraße. Wo zu DDR-Zeiten bis zu 600 Hörspiele jährlich produziert wurden, läuft derzeit fast nichts mehr. Für das Areal wird ein Investor gesucht.Die riesigen Flure in den Backsteinbauten sind wie leergefegt. Kaum vorstellbar, daß auf dem 15 Hektar großen Gelände zwischen Spree und Nalepastraße einmal rund 5 000 Leute beschäftigt waren. Auch in den verglasten Holzschränken entlang der Korridore ist nichts mehr. Die bis zur Decke reichenden Regale dienten einst als Wort- und Tonarchiv. Verlassene Studios Verlassen sind die zahlreichen Studios im sogenannten Block A. Die Rundfunkanstalten, die dort einst produzierten, haben ihre Technik mitgenommen. Der Berliner Rundfunk, Fritz - sie senden inzwischen aus anderen Objekten. Und so fühlt sich Steve Winkler, freier Journalist, "ziemlich allein in dem großen Haus", wie er sagt. Er gehört zu dem Team, das ein einziges Studio gemietet hat und dort noch verschiedene Sendungen produziert. Gerade ist ein Musikbeitrag für den MDR fertiggeworden.Im anschließenden Block B ist es stockduster. Die endlosen Flure wirken gespenstisch. Nur eine Tür ist geöffnet. Vier Mitarbeiter vom ORB - Radio Brandenburg - produzieren gerade: Eine Familiengeschichte wird aufgenommen. Schauspielerin Ingeborg Medschinski sitzt hinter dem Mikrofon und liest ihren Text. Toningenieur Peter Kainz hat sie dabei genau im Visier und betätigt die Regler. Noch vor drei Jahren war dies nichts Besonderes, doch inzwischen nutzt der ORB als einziger Sender eines der beiden Hörspielstudios. Der 72jährigen Schauspielerin will nicht in den Kopf, weshalb die, wie sie sagt, einmaligen Studios, leerstehen. Mehr als 50 Hörspiele hat Ingeboreg Medschinski in den vergangenen Jahren an der Nalepastraße produziert. Für die es auch einige Preise gab. "Kein Wunder, denn was wir durch den Äther geschickt haben, klang wirklich echt." Ermöglicht durch die einmaligen Ausrüstungen im Rundfunkhaus. "Einfach märchenhaft", schwärmt die Schauspielerin. Schritte auf Sand So gibt es in einem Raum fünf unterschiedliche Fußbodenbeläge nebeneinander. Die Schauspieler machten ihre Schritte je nach Hörspiel-Idee auf Gehwegplatten, Schotter, Sand, Holz und kleinen Pflastersteinen. In dem danebenliegenden Keller gab es vor allem Aufnahmen von mystischen Szenen. Der Riegel einer Eisentür rastete bei Gefängnis-Stücken lautstark ein. Auch eine nachgebaute Telefonzelle mit Drehscheibenapparat sowie eine Treppe mit unterschiedlichen Belegen gehören zum Inventar. "Doch aus finanziellen Gründen werden die Anlagen größtenteils nicht mehr genutzt", sagt Peter Hartung von der Neue Länder Grundstücksverwertung und Verwaltung GmbH (NLG).Die Gesellschaft verwaltet seit 1992 den riesigen Gebäudekomplex. Deren Hauptaufgabe besteht nun darin, einen neuen Nutzer zu finden. "Aber das ist nicht so einfach", beschreibt Geschäftsführer Dirk Wilschke die Situation. So werde mancher Interessent abgeschreckt, weil die Gebäude unter Denkmalschutz stehen. "Dadurch sind keine großen Umbauten möglich", erklärt Wilschke. Erschwerend käme die schlechte Infrastruktur rund um das Areal hinzu und die unzureichende Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Erste Verkaufsgespräche Dennoch steht bereits fest: Das ehemalige Verwaltungsgebäude des Rundfunks, entlang der Rummelsburger Landstraße, wird künftig von der Polizeidirektion Köpenick genutzt.Erste Gespräche mit vier möglichen Investoren für die anderen Bauten gab es auch schon. Wilschke geht davon aus, daß der Komplex im kommenden Jahr verkauft wird. Der genaue Preis ist aber nicht zu erfahren. "Er liegt in zweistelliger Millionenhöhe", teilt Wilschke mit. Ideal wäre ein Investor aus dem Medienbereich, betont der Geschäftsführer. Bernhard Kohlenbach von der Denkmalschutzbehörde des Senats stimmt zu. Er könnte sich beispielsweise die Einrichtung eines Rundfunkarchivs, gekoppelt mit Produktionsfirmen, vorstellen. "Auf jeden Fall sollte der große Sendesaal künftig für öffentliche Veranstaltungen zur Verfügung stehen", fordert Kohlenbach. +++