Um das Stück "Die Sorgen und die Macht" von Peter Hacks rankt sich der größte Theaterskandal der DDR, der unter anderem 1963 zur Absetzung des DT-Intendanten Wolfgang Langhoff führte. Heute gräbt Jürgen Kuttner das unter fünf Jahrzehnten Zeitgeschichte verschüttete Stück für das Deutsche Theater wieder aus. Wir verabredeten uns mit ihm in dem Biesdorfer Einfamilienhaus des Regisseurs Klaus Gendries. Er war es, der 1960 in Senftenberg die Uraufführung von "Die Sorgen und die Macht" inszenierte. Gendries war extra bei der Akademie der Künste und hat ein paar Mappen mit Dokumenten aus seinem Vorlass dabei. Kuttner trägt sein Material im iPad mit sich herum. Es gibt Kaffee und Kuchen.Herr Kuttner, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR, kommen Sie und wollen "Die Sorgen und die Macht" zusammen mit Tom Kühnel in den Kammerspielen des Deutschen Theaters inszenieren. Das Stück über Arbeiter einer Brikettfabrik, dessen Aufführung 1959 genau dort vor der Premiere verboten wurde. Wollen Sie uns das DDR-Theater zurückbringen?KUTTNER: Quatsch. Ich mach das, weil es mich interessiert. DT-Intendant Ulrich Khuon wollte ein Projekt von uns haben, aber für Projekte gibt es in Berlin genug Häuser, da muss das Deutsche Theater nicht auch noch damit anfangen. Ich war Jahrzehnte nicht mehr da. Ich war sauer.Warum denn?KUTTNER: Ich fand, dass dort die Chance vertan wurde, die DDR-Theatertradition aufzuarbeiten. Das wäre der Ort, das wären die Leute dafür gewesen. Aber die haben nach der Wende sofort nach den Zehlendorfer Zahnarztgattinnen geschielt. Da hat sich bei mir so eine Art Trotz entwickelt, den man bei Hacks gut lernen kann. Hacks hat mich auch als Person sehr interessiert und deshalb dachte ich, jetzt müsste man mal "Die Sorgen" auf diese Bühne bringen.Herr Gendries, Sie haben 1960 in Senftenberg "Die Sorgen und die Macht" auf den Spielplan gesetzt, nur kurz, nachdem es in Berlin abgesetzt worden war. Wollten Sie Krieg mit dem Parteiapparat? Wollten Sie den Staat stürzen?GENDRIES: Um Gottes Willen. Peter Hacks wollte das auch nicht. Wir wollten schon das System erhalten, aber es verbessern. Das Stück wurde zum Zankapfel, an dem sich die Dogmatiker im Machtkampf mit den Reformisten der SED festgebissen hatten. Die "Lohndrücker" und "Korrekturen" von Heiner Müller sind in den Jahren davor ja noch reibungslos durchgegangenWarum hat man Ihnen damals das Stück nicht einfach verboten?GENDRIES: Die SED-Bezirksleitung Cottbus hat es versucht. Ich bin sofort ins Auto und nach Berlin, zum Ministerium für Kultur, dann zum ZK und schließlich zum Staatsrat. Der Genosse Hans Rodenberg vertrat den Staatsratsvorsitzenden. Das war mein Glück, denn Rodenberg hatte mich nach Berlin engagiert, als er noch Intendant am Theater der Freundschaft war. Zwei Tage später kam ein Reitender Bote aus Cottbus und verkündete, die Proben dürfen aufgenommen werden.Haben Sie zur Premiere Ärger befürchtet?GENDRIES: Es war jedenfalls sehr aufregend. Alles, was Rang und Namen hatte, kam aus Berlin. Im Stück gibt es diesen Hitler-Monolog von einem Brikett-Arbeiter. Erich Petraschk, ein alter Senftenberger, spielte den. Petraschk hat mal die Kreissparkasse geleitet und war als alter Parteigenosse nach 1945 nicht mehr tragbar. Wurde er eben Schauspieler. Der geht da also an die Rampe, hält Daumen und Zeigefinger hoch und spricht leise: "Einen so kleinen Hitler, wenn ich hätte. Mit der Flasche würde ich ihn aufpäppeln, bis er einmal groß ist und kräftig." Du hättest eine Stecknadel zu Boden fallen hören können; zu klatschen hat sich aber keiner getraut - auch wenn das später in den Kritiken behauptet wurde. Danach ließ ich die Kampfgruppen aus der Braunkohle aufmarschieren, in Uniform, bewaffnet. Der ganze Zuschauerraum stand zu Ovationen auf. Da dachte ich, ich hätte gesiegt, jetzt wäre es durch.Wie war die Premierenfeier?GENDRIES: Die fand im Klub der Intelligenz statt. Hacks, Müller, Langhoff, was alles da war, haben gefeiert. Die Genossen aus Berlin zogen sich zur Beratung ins Intendanzbüro zurück. Nach einer Stunde kamen sie, ich hatte schon ein paar Gläschen drin und wurde zum Gespräch gebeten. Ich dachte, jetzt kommt die Absetzung. Aber beanstandet wurde nur ein Toilettenschild, das zu nah an einem Lenin-Bildnis hing, und die ungebügelte Hose des Parteisekretärs. Das war alles! Wir haben dann 34 Vorstellungen gespielt, mit sehr guter Resonanz, bis auf die gesteuerten Kritiken. Wir haben "Die Sorgen" durchgespielt. Die Behauptung, dass die Arbeiter die Absetzung des Stückes erzwungen hätten, ist eine Propaganda-Lüge gewesen.Herr Kuttner, versprechen Sie sich auch so einen Erfolg? Wie dürfen wir uns Ihre Inszenierung vorstellen?KUTTNER: Wir wollen uns weder darüber lustig machen, noch in Ostalgie verfallen. Mich interessiert das Material, die Figur Hacks und der Skandal. Das ist ja heute undenkbar, dass es eine ernsthafte gesellschaftliche, sicher manchmal auch lächerliche Auseinandersetzung um Kunst gibt, dass man solche Fragen stellt wie: Was soll Theater, was kann es bewirken? Mit der großen Angst, dass es eine Konterrevolution auslösen könnte, und der Hoffnung, dass sich im Theater die Leute zum Kommunismus bekehren lassen würden.Sie finden Peter Hacks interessant, die Diskussion um das Stück - was ist mit dem Stück selber? Sind die abgehandelten Probleme mit Planwirtschaft, Parteisekretären und Prämien nicht obsolet geworden in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung?KUTTNER: Daran zu erinnern, dass es auch andere gesellschaftliche Modelle gab, andere Modelle vorstellbar sind, scheint mir nicht obsolet zu sein. Wir tun immer so, als würden wir hier in einer Gegenwartsgegenwart leben. Als gebe es weder Vergangenheit noch Zukunft. Jeder denkt, es war schon immer so und es muss auch immer so bleiben. Man wollte schon immer nur glücklich sein und Latte macchiato trinken und Rucolasalat essen. Nach dem Mauerfall saßen viele der Ideologie auf, die Geschichte sei zu Ende, der Kapitalismus habe gesiegt, jetzt müsse man ihn nur noch ein klein wenig sozialer und ein bisschen ökologischer gestalten. Aber das ist doch Propaganda! Da ist man als Ostler doch gestählt!Jene ernsthaften gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hatten damals Folgen für die Beteiligten. Wie ging es mit Ihnen nach "Die Sorgen" weiter, Herr Gendries?GENDRIES: Die Stimmung im Land änderte sich. Im August bauten sie die Mauer, und im November hatten wir für acht Tage eine Untersuchungskommission im Hause, die mit einem regelrechten Tribunal endete. Oben saßen die Genossen aus Berlin, angeführt von Siegfried Wagner, dem Leiter der Abteilung Kultur im ZK der SED. Ich kam mir vor wie ein Verbrecher und sollte Stellung zu meiner Inszenierung nehmen. Ich bin aufgestanden und habe gesagt, ich wollte mit dem Theater helfen, die Welt zu verändern. Da hat der Wagner, ein Fleischer-Gesicht und einstiger Wehrmachtsleutnant, losgebrüllt: "Die Welt ist seit 1917 verändert, da müssen nicht Sie kommen! Wir haben genug Material, um Sie hinter Gitter zu stecken!" Da hatte ich doch Angst.Dachten Sie, dass man Sie einsperrt?GENDRIES: Das vielleicht nicht, aber ich dachte an Tragelehn, der eine Woche zuvor aus der Partei ausgeschlossen und für ein knappes Jahr zur Bewährung in die Braunkohle geschickt wurde.Sie haben sich dann sozusagen beim Fernsehen der DDR bewährt.GENDRIES: Ich hatte schon einen Vertrag für das Schauspiel Dresden, der dann aber annulliert wurde. Ich hätte in Senftenberg bleiben können oder zu Benno Besson an die Volksbühne gehen - aber als Schauspieler. Bei meiner letzten Premierenfeier in Senftenberg wurde ich an den Tisch von Fernsehintendant Heinz Adameck geholt, und der ließ mir eine halbe Stunde Zeit, mir zu überlegen, ob ich zu ihm kommen wolle.War das ein Karrieresprung?GENDRIES: Ich empfand es nicht so. Es war schon mein zweites Angebot vom Fernsehen, das erste hatte ich ausgeschlagen und zu denen gesagt: Glauben Sie wirklich, dass ich zum Fernsehen gehe und bei meinen Regiekollegen in Verruf geraten möchte? So großkotzig war ich da noch. Aber jetzt stand die Mauer, ich hatte zwei Kinder, wo sollte ich hin?Die berühmteste Inszenierung von "Die Sorgen und die Macht" kam dann in Berlin am Deutschen Theater heraus, inszeniert 1962 vom Intendanten Wolfgang Langhoff. Nach ein paar Vorstellungen und einer unvergleichlichen Kampagne wurde diese Inszenierung abgesetzt; Langhoff, der alte Kommunist, übte schwere Selbstkritik. Da heißt es unter anderem: "Das Stück hat nicht zur Stärkung der Kampfkraft der Partei beigetragen, es hat sie im Gegenteil geschwächt, es hat die allerwichtigste Frage, die Frage des Vertrauens des Volkes, der Arbeiterklasse zu ihrer Partei, entstellt und so den Gegnern der Partei in die Hände gearbeitet." Was haben Sie da gedacht?GENDRIES: Ja, seine "Sorgen" wurden abgesetzt, und er hat die Intendanz verloren. Sie haben ihn davongejagt, und er ist bald darauf gestorben. Das ist ein finsteres Kapitel. Was sie mit mir gemacht haben, ist dagegen eine Kleinigkeit. Dennoch, ich habe gedacht: So will ich nicht werden.Wie verstehen Sie diese Selbstkritik, Herr Kuttner? Meint Langhoff, was er sagt?KUTTNER: Ich kann das nur aus der Distanz sehen. Vom KZ Börgermoor, in dem er als Häftling das "Lied vom Moorsoldaten" gedichtet hat, zu diesem Reue-Text, den er auch gedichtet hat. Das sind Lebensläufe, bei denen mein Urteilsvermögen versagt und mein Interesse anspringt.GENDRIES: Mich erinnert das an die großen Schauprozesse in der Sowjetunion, wo die Verurteilten noch einmal Väterchen Stalin hochleben ließen, bevor sie über den Jordan gingen. So jemand wie Langhoff verrät die Partei nicht, auch wenn sie Fehler macht. Er hatte diesen deutschen ehrlichen Treue-Begriff. Das war Partei-Disziplin. Ich bin eigentlich immer eher spielerisch mit solchen Dingen umgegangen. Der tiefe Ernst ist mir wohl nicht gegeben, alles auf die Ursprünglichkeit des Daseins hin zu werten und zu betrachten - ach, nö.Sie gingen später auch in die Partei, warum?GENDRIES: Aus arbeitstechnischen Gründen. Ich musste als Abteilungsleiter stets den Raum verlassen, wenn über Partei-Interna gesprochen wurde. Andererseits stand ich bei meinen Mitarbeitern in der Informationspflicht. Das war einfach zu lästig.Und bei Ihnen, Herr Kuttner? Sollten oder wollten Sie?KUTTNER: Ich wollte. Ich wollte mich einmischen, was machen. Ein vielleicht naiver reformerisch-schwärmerischer Ansatz. Aber ich bereue das nicht nur nicht, sondern finde es auch nach wie vor richtig.In dem Stück wird auch die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes gutgeheißen. Das ist doch eine stalinistische Stelle, bei der es einen friert.GENDRIES: Ja, das ist nun aus dem Wissen der heutigen Zeit heraus gesagt. Der Sozialismus war damals in einem Entwicklungsstadium, und die Gesellschaft hat sich von ihm noch etwas erhofft.KUTTNER: Ist diese Stelle so stalinistisch? Ich könnte jetzt zynisch sein und meine Regierung zitieren, die meint, dass "gezielte Tötungen" nun einmal zu einer "wehrhaften Gesellschaft" gehören und vom Völkerrecht gedeckt seien. Im Grunde ist das doch eine ganz schöne Szene. Die Arbeiter stehen da und fragen, was los ist.GENDRIES: Und der Parteisekretär zögert. Er hat kein Papier, er kann nicht denken.KUTTNER: Das ist doch durchaus realistisch. Außerdem spricht da ja auch nicht einfach Hacks, sondern eine Figur: ein alter Kommunist, der sich seine Geschichte ansieht und versucht, ohne Ansage von oben, die Geschehnisse historisch einzuordnen, und dem dann aber die hohe jambische Form allmählich ins Prosaische verläppert. Ansonsten gilt wohl der alte Satz von Mao, dass eine Revolution kein Deckchensticken ist. Eine Konterrevolution übrigens auch nicht.Haben Sie geglaubt, auf der richtigen Seite zu sein?GENDRIES: Wäre mir dieser Schlamassel früher passiert, ich wäre rübergegangen. Ich habe das der Partei übel genommen, dass sie so kleinkariert und dogmatisch reinquatscht.Herr Kuttner, Sie waren ja ein Funktionär und haben sich als Dolmetscher zwischen den Behörden und den Künstlern versucht.KUTTNER: Ich bin zum Künstlerverband gegangen, weil mir die Universität zu hermetisch war. Ich fand es eine Zeit lang auch ganz interessant über Walter Benjamin zu diskutieren, aber ich wollte sehen, wie es in der Kultur so zugeht. Ich habe im Verband mit Leuten zu tun gehabt, die ihren Kultur- und Kunstbegriff irgendwann in den 60er-Jahren auf irgendeiner Parteischule gelernt hatten, das passte nicht mehr so richtig zur Realität. Und da habe ich versucht zu vermitteln. Das war ja eher so ein bisschen ausputzen.Ist diese Einmischung nicht ein Systemfehler? Hätte die DDR eine Chance gehabt, wenn die Partei bei ihrer Einmischung in die Kultur kompetenter und geschickter gewesen wäre?GENDRIES: Ich glaube schon. Letztendlich ist die DDR auch an ihrer Medienpolitik zugrunde gegangen. Wenn sie Ehrlichkeit und Wahrheit zugelassen hätte, hätte sie im Volk mehr Zuspruch gefunden. Es ging nicht nur um die Reisefreiheit. Es war auch das Klima in diesem Land gewesen, das zu dieser Entwicklung geführt hat. Das war auch die Schuld der Theater und der Medien, die sich von der Partei haben reglementieren lassen und nicht genügend Freiraum für Träume, Wünsche und Gedanken erkämpft haben. Das haben wir mit "Die Sorgen und die Macht" versucht.KUTTNER: Die Kunst und die Kulturpolitik werden überschätzt, was den DDR-Zusammenbruch betrifft. Das waren welthistorische Vorgänge und ökonomische Prozesse.Wann ging es Peter Hacks besser: Als er verboten wurde, als seine Stücke abgesetzt wurden, als ihm die Partei reinredete und sich für ihn interessierte, oder nach der Wende, als er schreiben konnte, was er wollte, und kaum jemanden, schon gar keinen Politiker hat es interessiert?GENDRIES: Es ging ihm besser vor der Wende, aber er war ja in dem Sinne auch nicht verboten. Er hatte mit zwei Stücken Ärger, mit den "Sorgen" und mit "Moritz Tassow". Parallel feierte er sensationelle Erfolge. Er war der meistgespielte deutsche Dramatiker, ist reich geworden spätestens mit "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" - gespielt in 190 Theatern in 24 Ländern der Welt. Er hat den Nationalpreis Zweiter und Erster Klasse bekommen. Also, er war ein geachteter, hochdotierter DDR-Bürger. Das war nach der Wende kaputt, darunter hat er gelitten. Wenn er da seine verschwörerischen CIA-Theorien ausbreitet, ist das, glaube ich, reine Verletzung.Ist das dieser Hacks-Trotz, den Sie so interessant finden, Herr Kuttner?KUTTNER: Das ist kein Trotz, sondern kluge Ironie und lässige Provokation. Man kann die Texte nicht einfach wörtlich nehmen, sondern muss selber mitdenken ... Blöde ist Hacks ja nun nicht gewesen. Ich bin in vielen Dingen nicht seiner Meinung, aber es ist immer ein Vergnügen seine Texte zu lesen. Das Tolle an Hacks ist das aufklärerisch Aufgeklärte, dass er alles ernst nimmt und darum ringt, seine Thesen nachvollziehbar zu entwickeln. Er glaubt an die Kraft des guten Arguments. Ist selten geworden.Bei seinen Verschwörungstheorien sind die Argumente aber schwer zu überprüfen.KUTTNER: Haben Sie es versucht? Ich jedenfalls finde, dass in unseren komplettverblödeten Zeiten Verschwörungstheorien der letzte Hort der Vernunft sind, weil in ihnen noch der Versuch unternommen wird, die Welt mit Hilfe des Verstandes zu erklären. Man fragt wenigstens nach Interessen, nach Verantwortlichen. Wie verstiegen das auch immer sein mag. Ansonsten verhält man sich doch heutzutage der Gesellschaft gegenüber, als sei sie ein Naturereignis. Ich finde diesen dumpfen Fatalismus intellektuell kränkend, dass man so tut, als könnte man leider überhaupt nichts machen. Außerdem, nur weil jemand paranoid ist, heißt das ja nicht, dass er nicht verfolgt würde! Mich inspiriert jemand wie Hacks, auch wenn er sich versteigt und übertreibt. Hacks ist da durchaus widersprüchlich. Nehmen Sie seinen Blick auf Heiner Müller: schärfste Beleidigungen; gleichwohl hat er ihn immer als den einzigen DDR-Dramatiker neben sich gelten lassen.GENDRIES: Er wollte auf keinen Fall zu Müller auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Sie hätten sich nicht genug zu sagen, dass es für die Ewigkeit reichen würde.Sie haben Hacks kennengelernt, Herr Gendries, was lässt sich denn zu seiner Umgänglichkeit sagen?GENDRIES: Mir wurde bei der ersten Begegnung sofort klar, dass er mir in allen geistigen und künstlerischen Belangen überlegen gewesen ist. Ich habe nach "Sorgen" noch ein Stück von ihm inszeniert. Dann hatte ich aber keinen Kontakt mehr. Ich war ja bei der Filmerei gelandet und wusste, dass ich mit seinen Stücken dort nicht durchkommen würde. Und dadurch gab es keine Notwendigkeit, mit ihm Kontakt zu halten. Und er von sich aus hat es schon gar nicht versucht, warum sollte er auch?Das klingt fast so, als würden Sie sich schämen. Sie galten als großer Fernsehlustspielregisseur und "des Landes Muntermacher".GENDRIES: Ich bin stolz auf meine Straßenfeger. Für "Aber Vati" habe ich den Nationalpreis bekommen, da habe ich über 90 Prozent erreicht. Oder "Florentiner 73" mit Agnes Kraus. Solche Sachen haben zu Buche geschlagen. Später wechselte ich von der "Abteilung Heitere Dramatik", die ich leitete, zur Abteilung "Dramatische Kunst", da konnte ich mich neu aufstellen und ein bisschen was Gehaltvolleres machen: Literaturverfilmungen.Bis zur Wende.GENDRIES: 1989 war dann ja alles zu Ende. Da habe ich gelernt, was es heißt, auf einen Anruf zu warten. Der kam dann zum Glück, man bot mir die Regie für eine Kinderserie an, das war mein Start und dann habe ich in zehn Jahren hundertfünfzig Fernsehserienfolgen gemacht: "Forsthaus Falkenau", "Der Bergdoktor", "Der Landarzt", "In aller Freundschaft" und was weiß ich. Das Haus, in dem ich wohne, ist davon gebaut. So, und dann habe ich mit zunehmendem Alter gesagt, danke, die Fabrikarbeit ist nun auch getan, nun würde ich gern wieder zum Theater gehen. Und als einzige Möglichkeit ergab sich da das Theater am Kurfürstendamm, an dem ich einige sehr erfolgreiche Inszenierungen mit Walther Plathe erarbeitete. So kann ich froh sein, dass ich mit 80 Jahren noch inszenieren darf. Und spielen tu ich ja nebenbei auch noch.Haben Sie Ihren ästhetisch-moralischen Anspruch durchhalten können?GENDRIES: Ja, eigentlich ja. Es gab kleine Zugeständnisse, weil ja der Zensor immer wach war. Ich habe nicht alle Textstellen durchgekriegt. Man konnte nicht die ganze Kulturpolitik bestimmen und umkrempeln, aber kleine Siege feiern. Mir war es wichtig, die Wahrheit zu erzählen, ehrlich zu bleiben und nicht etwas von der Idee oder der Aussage eines Stückes zu verkaufen für etwas, das man nicht selber bejaht und hinter dem man nicht steht. Und da habe ich mir vor meinem Gewissen nichts vorzuwerfen.Sprechen Sie jetzt auch von Ihren Fernsehserien?GENDRIES: Ach so, nein, da standen diese Fragen ja gar nicht. Da sind es ja immer nur allgemein-menschliche Probleme, charakterologische, emotionale Konflikte. Da gibt es ja keine gesellschaftliche oder politische Auseinandersetzung, überhaupt nicht.Dann frage ich Sie auch: Wann haben Sie sich besser gefühlt, als Sie gegängelt wurden in den 60ern oder nach der Wende.GENDRIES: Ich kann nur sagen: Das, was bei uns die Ideologie war, ist im Westen das Geld. Das Reingequatsche der Produzenten und Redakteure ist zwar um einen anderen Gegenstand, aber es ist genau so nervend, lästig, und man muss genauso sehen, dass man mit dem Rücken an die Wand kommt.Haben Sie Sehnsucht nach der DDR?GENDRIES: Nach der DDR nicht. Aber nach dem Geist der friedlichen Revolution, der sich in der DDR entwickeln konnte. Ich glaube, dass sich damit die Gesellschaft auf einem besseren Weg befand. Um Hacks zu zitieren: "Der Menschen Volk, vom Kapital regiert, ist wie ein Diamant, mit Kot beschmiert."Und Sie, Herr Kuttner?KUTTNER: Das ist eine Frage, die mich nicht so beschäftigt. Da halte ich es mit Thomas Brasch, der zur Bayerischen Filmpreisverleihung sagte: "Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung" und "ich danke den Verhältnissen für ihre Widersprüche". Die DDR war die DDR, ich finde auch das Heute interessant und spannend. Ich sehe meine DDR-Sozialisation als eine Art von kulturellem Kapital. Sehnsucht nach der DDR! Ich wüsste nicht, was das sein soll.------------------------------Klaus GendriesGeboren 1930 in Stettin1944 Flucht mit der Familie nach Oldenburg, wo er als Schauspieler debütierte1950 Engagement im Berliner Theater der Freundschaft1959 Oberspielleiter in Senftenberg1963 Engagement beim Fernsehen der DDR, zahlreiche Lustspiele, später auch historische und literarische StoffeNach 1989 drehte er 150 Folgen für Fernsehserien, inszeniert für das Kudamm-Theater und tritt als Schauspieler auf.------------------------------Jürgen KuttnerGeboren 1958 in Berlin (Ost)1976 Abitur, Grundwehrdienst, abgebrochenes Physikstudium, diverse Jobs (Ausgräber, Klubleiter, Hausmeister)1976-1983 Vereinzelte Stasi-Kontakte, aber kein belastendes Material1980-1985 Studium der Kulturwissenschaft1987 Promotion, dann Funktionär beim Verband Bildender KünstlerNach 1989 Mitbegründer der Ost-taz, Radiomoderator, Videoschnipsel-Vorträger, Regisseur, Autor, Welterklärer