Der erste Kinderladen in Prenzlauer Berg wurde im Jahr 1980 gegründet. Er war wohl der einzige Kinderladen in der DDR. Eine der Initiatorinnen war die damalige Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe. Sie habe ihr erstes Kind damals nicht in eine staatliche Krippe geben wollen, sagt sie. Die Betreuung dort habe einer Fließbandarbeit geglichen, die Kinder seien kaum beschäftigt, sondern eher abgefertigt worden. Sie und einige andere Frauen entschlossen sich, einen Kinderladen zu gründen, nach dem Vorbild der Kinderläden in West-Berlin. Sie nutzten die Ladenwohnung von Freunden in der Husemannstraße 14, die gerade wegzogen, und deren Miete sie einfach weiterbezahlten - eine Notlösung in einem Land ohne freien Wohnungsmarkt.Eine Kinderkrankenschwester wurde eingestellt, außerdem war immer ein Elternteil anwesend. Maximal wurden acht Kinder betreut. Die Eltern kochten abwechselnd, bis man sich über einen nahe gelegenen Kindergarten mitversorgte. Einmal im Monat gab es mit der Krankenschwester ein Gespräch über Erziehung. "Wir haben Spiele ohne Sieger bevorzugt, um das Konkurrenzdenken nicht zu fördern", sagt Ulrike Poppe.Im Sommer 1983 wurden die Eltern aufgefordert, die Wohnung zu räumen. Sie werde für eine kinderreiche Familie gebraucht. Ulrike Poppe schrieb eine Eingabe und wurde daraufhin vor den Bezirksbürgermeister geladen. Sie kann sich erinnern, dass dieser sagte, man könne es nicht dulden, dass eine Alternative zum staatlichen Erziehungssystem errichtet werde, zumal dieses weltweit für seine hohe Qualität bekannt sei. Um sich der Solidarität der Nachbarschaft zu versichern, veranstaltete der Kinderladen daraufhin einen Tag der offenen Tür. Doch im Dezember 1983 fuhr morgens um sechs ein Lkw vor die Husemannstraße 14, ein paar Männer stiegen aus, schlugen die Fensterscheibe der Ladenwohnung ein und luden Betten und Spielsachen auf den Wagen. Die von Nachbarn alarmierten Eltern eilten herbei, konnten aber nur zusehen. Die offizielle Begründung für die Zwangsräumung war, die Wohnung sei zweckentfremdet worden. Ulrike Poppe sagt: "Sie haben den Kinderladen als Provokation verstanden." Eine kinderreiche Familie ist jedenfalls nicht in die Wohnung gezogen. Sie blieb bis zur Wende leer. (suz.)"Wir haben Spiele ohne Sieger bevorzugt, um das Konkurrenzdenken nicht zu fördern. " Ulrike Poppe