Vor dem neuen Café am Markt sitzen Gäste aus aller Welt in der Sonne und blicken zum goldenen Georgsbrunnen hinüber, als habe der schon immer vor Rathaus und Schloss gestanden. Dieser Brunnen war jahrzehntelang an die Seite vor die Kirchentür geschoben, auf dass er den Aufmärschen erst der Volksgenossen und dann der sozialistischen Menschengemeinschaft nicht im Wege stehe. In St. Georgen, wo Luther in der Kurrende sang und Bach getauft wurde, reist der Strom der Busgruppen so wenig ab wie am Lutherhaus um die Ecke, und auf der Wartburg ist sowieso immer Betrieb. Eisenach lebt von der Reformation recht wohl. Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.Auf den Tourismus kann die Stadt bauen, da ist die neue Opel-Autofabrik auf der grünen Wiese bloß das Zubrot. Neben dem Bachhaus am Frauenplan entsteht ein gewaltiger Museumsanbau, der dem 21. Jahrhundert gemäßer und hässlicher kaum gedacht werden kann, aber viel Geld kostet. Der Marktplatz ist historisch gepflastert worden und wirkte beinahe alt, wenn die Steine nicht so ehrpusselig saubergeputzt aussähen. Die Bombenlücke neben dem Rathaus ist erst nach der Wende bebaut worden, und just darin findet eine bescheidene, sehr wesentliche Ausstellung statt, über die es in der Stadt kaum einen Hinweis gibt. Eine Ausstellung über eine große Schande. Ein Appendix der Reformationsgeschichte. Das Jahr 2017 wirft seine Schatten voraus. Es sind zum 500. Reformationsjubiläum noch elf Jahre, das ist wenig für eine Trauerarbeit.Auf der Wartburg ist nicht nur die Bibel übersetzt worden. Auf der holden Wartburg ist von der "Glaubensbewegung Deutscher Christen" "die rassische und religiöse Minderwertigkeit" der Juden gepredigt worden, obwohl Jesus Jude war. Auf der Wartburg ist am 4. April 1939 das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gegründet worden. Es befand sich bis 1945 in Eisenach, Bornstraße 11, im selben stattlichen Haus, wo das evangelisch-lutherische Predigerseminar untergebracht war. Im Treppenhaus und im Hörsaal des Seminars hingen statt Kreuze Hitlerbilder. Das "Entjudungsinstitut", wie es bündig hieß, wurde von dreizehn deutschen evangelischen Landeskirchen getragen, von denen sich keine geweigert hat, mitzumachen. Bestenfalls die Gelder hatte man gelegentlich verzögert überwiesen. Das Institut hatte anfangs 80, in seiner "Blütezeit" sogar 200 Mitarbeiter - vornehmlich Theologieprofessoren und Pfarrer. Nicht alle in Eisenach, sondern verstreut in den verschiedenen Landeskirchen.Der Name war Programm. Das Alte Testament sollte ganz verschwinden. 1940 gab das Institut ein "entjudetes" Testament, ein vollständig überarbeitetes Gesangbuch und einen "judenreinen" Katechismus heraus, in dem Jesus Christus als Arier dargestellt wurde. Die "entjudete" Version des Neuen Testaments, auch als "Volkstestament" bezeichnet, hieß "Die Botschaft Gottes" und erschien in einer Auflage von 250 000 Exemplaren. Ganze Teile der Evangelien waren gestrichen. Hebräische Worte wie Amen, Hosianna und Halleluja, dazu alle Verweise auf das Alte Testament und sämtliche Zusammenhänge zwischen Jesus und dem Judentum waren getilgt. Das "entjudete" Gesangbuch "Großer Gott, wir loben dich" erschien in einer Auflage von 100 000 Exemplaren und enthielt auch Kampflieder. Es war als Feldgesangbuch gedacht. Der 1941 veröffentlichte Katechismus formulierte die Theologie-Grundsätze: "Jesus aus Nazareth in Galiläa erweist in seiner Botschaft und Haltung einen Geist, der dem Judentum in allen Stücken entgegengesetzt ist. Der Kampf zwischen ihm und den Juden wurde so unerbittlich, dass er zu seinem Kreuzestod führt. So kann Jesus nicht Jude gewesen sein."Dass es ein solches Institut in Eisenach überhaupt gegeben hat, war der nach dem Krieg aufgewachsenen Generation nicht bekannt. Die alten Pastoren haben das Wissen um den schmählichen Vorgang vielleicht nicht weitergeben wollen, um peinliche Fragen an sich selbst zu vermeiden. Die Bewegung der Deutschen Christen hatte, wie die Nazibewegung überhaupt, in Thüringen besonders stark Fuß gefasst. Erst Mitte der 90er-Jahre ist in der evangelisch-lutherischen Landeskirche begonnen worden, die Geschichte des Institutes aufzuklären, heißt es in einer kurzen Presseerklärung der Landeskirche zu dieser Ausstellung. Die Dokumente lagen in den Archiven der Thüringer Kirche und der Stadt Eisenach.Es waren fünfzig Schüler der 11. Klassen des kirchlichen Martin-Luther-Gymnasiums in Eisenach, die der gott- und menschenverachtenden Arbeit des Instituts nachgegangen sind. Ihrer Ausstellung im Eisenacher Rathaus gaben die jungen Leute den Titel "Gratwanderungen". Thomas Giesa, der Direktor des Gymnasiums, sagte: "Die Landeskirche war während der Nazizeit auf einem unseligen Irrweg und hat sich gegenüber dem Judentum schuldig gemacht. Heute pflegen wir den jüdisch-christlichen Dialog und betonen als Christen ausdrücklich die jüdischen Wurzeln unseres Glaubens. Das darzustellen, wird auch dabei helfen, dem Antisemitismus entgegen zu treten".Die Ausstellung zeigt Fotos, Briefe, das "entjudete" Gesangbuch, alte Kirchenzeitungen, Verlautbarungen der Deutschen Christen, und man ist allein schon über die Gewalt entsetzt, die man der Sprache antat. Tondokumente mit Umfragen unter Kirchgliedern, was sie wussten, sind zu hören. Das mehrseitige Schreiben von Professor (Fortsetzung auf Seite 29) (Fortsetzung von Seite 27) Grundmann, der nur das Gute ge wollt habe, an die thüringische Landesregierung, die ihn 1945 als Professor in Jena entließ, erinnert im Tonfall und Wortwahl an die Wendehälse anno 89.Das Ende der Deutschen Christen in Eisenach hat der Theologieprofessor Klaus-Peter Hertzsch in seiner Autobiografie "Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehn" (2002) beschrieben. Der Eisenacher Pfarrerssohn war 1945 fünfzehn Jahre alt: "Als die Amerikaner eingezogen waren, zog mein Vater Erich Hertzsch mit Pfarrer Moritz Mitzenheim in den Landeskirchenrat oben auf dem Pflugensberg, und sie setzten kurzerhand die deutsch-christliche Kirchenleitung ab, die unsere Thüringer Kirche vielfach korrumpiert hatte - vor allem durch ihren programmatischen Judenhass. Sie sagten nicht 'Amen', weil das ein hebräisches Wort ist. Stattdessen sagten sie: 'Das walte Gott'. Einige habe ich in SA-Uniform amtieren sehen."Die Pfarrer Hertzsch und Mitzenheim hatten im Dritten Reich der Bekennenden Kirche nahegestanden. Sie führten 1945 die alte evangelisch-lutherische Gottesdienstordnung wieder ein, aber entließen nicht die Schuldigen. Als Mitzenheim Landesbischof wurde, so erinnert sich Klaus-Peter Hertzsch, sang der Bachchor in der Georgenkirche stimmgewaltig die Bach-Motette "Singt dem Herrn ein neues Lied". In der Rückschau stellt Hertzsch heute fest: "Außer wenigen deutsch-christlichen Pfarrern, die oft gar keine abgeschlossene Ausbildung hatten, amtierten dieselben Pfarrer in Stadt und Land weiter. Die Kirche war wahrscheinlich die einzige Institution, die ähnlich wie die umgebende Landschaft und die Wartburg über der Stadt bruchlos weiterexistierte."Der Neutestamentler Professor Walter Grundmann, Mitglied der NSDAP seit 1930, der selbstverständlich fließend griechisch las und übersetzte und keineswegs ein halbgebildeter Theologe war, leitete das "Entjudungsinstitut" seit Gründung. Als Theologieprofessor in Jena sorgte er 1936 dafür,dass der Hebräischunterricht abgeschafft wurde. 1934 formulierte Grundmann die These, dass Jesus kein Jude sei, sondern etwas völlig anderes - eine "Wunderneuschöpfung", ein Galiläer. Die Galiläer seien ein arischer Stamm im jüdischen Herrschaftsgebiet gewesen, denen die jüdische Religion aufgezwungen worden sei. Grundmann, der 1932 die Deutschen Christen mitbegründet hatte, betonte die Verschiedenheit Jesu vom jüdischen Volk: "Christus ist nicht Spross und Vollender des Judentums, sondern Todfeind und Überwinder". Walter Grundmann war dann von 1950 bis 1954 Pfarrer in Waltershausen/Thüringen und leitete unter Bischof Mitzenheim seit 1955 das Katechetenseminar in Eisenach. Er wurde 1975 zum Kirchenrat ernannt. Als ein Schüler Professor Grundmann in den 70er-Jahren auf seine Vergangenheit anspricht, antwortet er: "Wissen Sie, meine Herren, da kann ich nur von Schuld reden und auf Vergebung hoffen." Grundmann liegt auf dem Friedhof in Eisenach begraben. Zum Begräbnis hat er sich selbst eine Stelle aus Lukas gewählt: "Meine Augen haben den Heiland gesehen. Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren."------------------------------Eine Ausstellung über eine große Schande50 Schüler der 11. Klassen des kirchlichen Martin-Luther-Gymnasiums in Eisenach (Direktor: Thomas Giesa) stellten die Schau über das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben", kurz "Entjudungsinstitut", zusammen.Das 1939 gegründete Institut brachte ein "entjudetes" Testament, ein vollständig überarbeitetes Gesangbuch und einen "judenreinen" Katechismus heraus, in dem Jesus Christus als Arier dargestellt wurde.Die "entjudete" Version des Neuen Testaments, auch als "Volkstestament" bezeichnet, hieß "Die Botschaft Gottes" und erschien in einer Auflage von 250 000 Exemplaren.Gratwanderungen. Die Geschichte der Thüringer Kirche im Nationalsozialismus. Rathaus Eisenach, bis 15. August Mo-Do 8-18 Uhr, Fr 8-16 Uhr------------------------------Foto: Ein evangelischer Jungpfarrer mit NSDAP-Abzeichen bei der Bibelarbeit mit Konfirmanden in HJ-Uniform------------------------------Foto: Reichsbischof Müller mit Hitler-Ikone. Karikatur: H. Vogeler, 1937/38.

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