ROSTOCK, im August. Seit einigen Tagen wird in Mecklenburg-Vorpommern eine lustige Geschichte erzählt. Sie geht so: Der Generalstaatsanwalt in Rostock sei vom Ministerpräsidenten zur Routinesitzung nach Schwerin gerufen worden und frisch gebräunt nach sonnigem Urlaub unverzüglich hin geeilt. Zu seiner Verblüffung jedoch habe ihm der Ministerpräsident die Entlassungsurkunde überreicht und ihn nach drei Minuten verabschiedet. Dann habe der ehemalige Generalstaatsanwalt innerhalb von drei Stunden unter Aufsicht sein Dienstzimmer räumen müssen. Seitdem dürfe er die Behörde, in der er neun Jahre gearbeitet habe, nicht mehr betreten.Das Lustigste an der Geschichte ist, dass bisher niemand dem Mann verraten hat, warum er davongejagt wurde. Vermutlich löst diese lustige Geschichte noch heute in der Landesregierung herzliches Gelächter aus. Nur einer verzieht keine Miene: Alexander Prechtel, 52, der ehemalige Generalstaatsanwalt, hat offenbar die Pointe nicht verstanden.Vermutlich ist es gut, dass Harald Ringstorff, Ministerpräsident und Justizminister von Mecklenburg-Vorpommern, nicht hören kann, wie Prechtel die Geschichte seiner Entlassung erzählt. Denn dieser zeigt nicht die geringste Dankbarkeit dafür, dass Ringstorff mit der Bekanntgabe des Rauswurfs fürsorglich gewartet hatte, "um Herrn Prechtel seinen Urlaub nicht zu verderben". Vielleicht ist der um 12 Uhr mittags entlassene Generalstaatsanwalt ein wenig beleidigt, dass sein Nachfolger bereits eine Stunde später die Ernennungsurkunde erhielt. Vielleicht verdrießt ihn auch, dass sein früherer Dienstherr bei einer zufälligen Begegnung kein Wort an ihn gerichtet hat. Wahrscheinlich aber ist, dass Prechtel nicht einsehen mag, warum eine seit fünfzig Jahren geltende Grundregel der bundesdeutschen Justiz in Mecklenburg-Vorpommern außer Kraft gesetzt worden ist: "Noch niemals wurde ein Generalstaatsanwalt unter so entwürdigenden Umständen und ohne Angabe konkreter Gründe rausgeworfen." Wie gesagt Prechtel hat offenbar die Pointe nicht verstanden.Die Ehrenerklärung blieb aus Hätte Prechtel nur ein wenig Sinn für solchen Humor, dann hätte er ihn schon vor Jahren erkannt. Zum Beispiel bei der Rotlicht-Affäre. Die hatte 1995 damit begonnen, dass zwei Staatsanwälte Prechtel direkter Verbindungen zum Rostocker Milieu bezichtigten. Schnell, wie man in Mecklenburg-Vorpommern zumindest in diesen Dingen ist, avancierte Prechtel zum "Rostocker Rotlicht-König". Dann hieß es, er habe bei privaten Baumaßnahmen ABM-Kräfte eingesetzt, dann hieß es, er sei mit Dealern gesehen worden, schließlich hieß es, seine Amtsführung sei autoritär und willkürlich. Vorsorglich ordnete der damalige Justizminister Rolf Eggert (SPD) Vorermittlungen gegen Prechtel an, und fürsorglich entzog er ihm die Zuständigkeit für Sonderermittlungen zur organisierten Kriminalität. Die Vorwürfe stellten sich durchweg als haltlos heraus, aber das war erstens kein Grund für den Justizminister, eine Ehrenerklärung für seinen Generalstaatsanwalt abzugeben, zweitens aber eine schöne Gelegenheit, allen übrigen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Das Disziplinarverfahren gegen einen der Staatsanwälte, die Prechtel verdächtigt hatten, wurde eingestellt wegen Verjährung.Schon damals hat Prechtel, wie gesagt, nichts begriffen. Er hat nicht begriffen, dass es nicht genügt, ein exzellenter Strafrechts-Praktiker zu sein, dass es manchmal gleichgültig ist, einen Ruf als unbestechlicher Staatsanwalt und eigenständiger Kopf zu haben. Denn Qualifikation ist das eine und das Parteibuch das andere Prechtel ist Mitglied der CDU. Auch das dürfte dem damaligen Oberstaatsanwalt bei der Karlsruher Bundesanwaltschaft Ende 1990 den Ruf der damaligen CDU-FDP-Landesregierung nach Rostock eingetragen haben. Und deshalb lag es vermutlich für die PDS nahe, gleich zu Beginn der Koalition mit der SPD im Herbst 1998 den Rauswurf Prechtels zu verlangen. Das Anliegen wurde dringlich, als mehrere PDS-Politiker die Aufmerksamkeit des Generalstaatsanwalts fanden, insbesondere die PDS-Fraktionsvorsitzende Caterina Muth, die in einem Kaufhaus Kosmetika einfach in die Tasche steckte (und wegen Diebstahls verurteilt worden ist). Vermutlich hat sich Prechtel bei der PDS nicht viele Sympathien erworben, als er den Diebstahl im Radio kommentierte. Da lag es auf der Hand, Prechtel ("Ich mag die PDS nicht.") parteipolitische Motive zu unterstellen, und natürlich wurden sie ihm sofort unterstellt. Übrigens nicht von der CDU, aus deren Reihen schon vorher Abgeordnete, Landräte und einmal ein Staatssekretär wegen Unfallflucht von Prechtel verfolgt worden waren. Wenn es also kaum die Parteipräferenz in Ermittlungsverfahren war, was hat ihn dann um sein Amt gebracht? Prechtel beginnt es allmählich zu verstehen. Dann sagt er Sätze wie: "Die Demokratie in den neuen Ländern ist noch jung." Diesen Satz sagt er dem Generalstaatsanwalt von Posen, der sich nach den Gründen für Prechtels Rauswurf erkundigt. Oder er sagt: "Demokratie hat auch mit Stil zu tun." Diesen Satz sagt er einem deutschen Kollegen, der ebenfalls nach Einzelheiten fragt. Vermutlich erwidert er das auch den SPD-Politikern und sozialdemokratischen Richtern, Staatsanwälten und Anwälten, die sich über das Verhalten ihrer mecklenburg-vorpommerschen Genossen erregen. Langsam, so scheint es, dämmert Prechtel, dass ihn neben dem Parteibuch noch etwas anderes die Karriere gekostet hat.Denn die Pointe dieser Geschichte hat zwei Namen. Beide lauten Harald Ringstorff. So heißt einerseits der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern und andererseits der Landesjustizminister. Ersteres ist Ringstorff geworden, weil er die Wahl gewonnen hat, Letzteres vermutlich, weil er gelernter Chemiker ist. Die Idee, das Justizressort mit einem anderen zusammenzulegen, ist nicht neu: In Nordrhein-Westfalen wurde seine Fusion mit dem Innenministerium kürzlich für verfassungswidrig erklärt. Aber die Proteste der Berufsverbände der Richter und Anwälte haben Ringstorff offenbar in seiner Haltung bestätigt, die Belange der Justiz seien in seiner Staatskanzlei gut aufgehoben."Die Unabhängigkeit der Justiz verbietet die Zusammenlegung mit einem anderen Ministerium", sagt Prechtel. "Aber gefährlich wird es, wenn das Justizressort ausgerechnet der Staatskanzlei zugeschlagen wird. Und einfach nur schlimm wird es, wenn dann auch noch das Ressort von einem geführt wird, der davon nichts versteht." Eben das meint Prechtel, wenn er die Lage der Demokratie in den neuen Ländern erklärt dass sie vielleicht nicht besonders gefestigt erscheint, wenn ein Chemiker das Justizressort mit der Staatskanzlei zusammenlegt und den Generalstaatsanwalt ohne weitere Begründung wegen fehlenden Vertrauens in den Ruhestand schicken kann.Dass Ringstorff das darf, will Prechtel nicht bestreiten. Denn "politische Beamte" können ohne Angabe von Gründen entlassen werden. Nach dem Warum muss man nach allem nicht mehr lange fragen. Nicht unbedingt bußfertig sagt Prechtel über sich: "Ich gebe zu, ich bin kein typischer Beamter." Wenn er etwas für richtig halte, dann sage er das, "solange es mir nicht ausdrücklich verboten wird". Damit entspricht er ziemlich genau den allgemeinen Erwartungen an einen Generalstaatsanwalt, aber offensichtlich nicht dem Anforderungsprofil der Landesregierung. Da ist Prechtels reibungslos benannter Nachfolger Uwe Christian Martensen schon ein anderes Kaliber. Er versicherte nach den Gesprächen sowohl mit dem Ministerpräsidenten als auch mit dem Justizminister, "dass wir nicht auseinander stehen". Das wäre auch, wird Ringstorffs Idee der Gewaltenteilung nur richtig verstanden, in Mecklenburg-Vorpommern gar nicht mehr möglich. Und das hat inzwischen auch Alexander Prechtel begriffen.