MÜNCHEN. Als der Angeklagte in den Sitzungssaal im Landgericht München I geführt wird, trägt er einen weißen Schutzanzug, weiße Gummihandschuhe und einen Mundschutz. Er muss in einem Glaskasten Platz nehmen. Auch die Justizbeamten, die ihn begleiten, haben Schutzkleidung angelegt wie in einer Quarantänestation. Der Grund ist eine gefährliche Keiminfektion, die der Angeklagte sich im Krankenhaus zugezogen hat. Aber der Anblick hat auch etwas Symbolisches. Denn der hochgewachsene Mann, der hier vor Gericht steht, wird einer Serie von Verbrechen beschuldigt, die ihn von vielem entfernen, was menschliche Gemeinschaft gemeinhin ausmacht.Ende des SchweigensDer 61-jährige Ulrich Sch., besser bekannt unter seinem Künstlernamen Oliver Shanti als einer der größten Popstars der Esoterikszene, soll zahlreiche ihm anvertraute Kinder in Deutschland und Portugal sexuell missbraucht haben. Jahrelang gehörte der als Guru verehrte Chef einer esoterischen Hippiegemeinschaft zu den meistgesuchten mutmaßlichen Verbrechern Deutschlands, bis er im Juni 2008 in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon verhaftet werden konnte.Beim Prozessauftakt verliest eine junge Staatsanwältin die Anklage. Sie wirft dem gebürtigen Hamburger vor, zwei portugiesische Mädchen und vier deutsche Jungen in mindestens 314 Fällen sexuell missbraucht zu haben. In vielen abstoßenden Einzelheiten schildert sie die Vorfälle. Die missbrauchten Kinder seien zur Tatzeit zwischen acht und vierzehn Jahre alt gewesen. Shanti drohen dafür bis zu zehn Jahre Haft und eine anschließende Sicherheitsverwahrung.Die sexuellen Übergriffe sollen in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren erst in München und später im Norden Portugals stattgefunden haben, wo Shanti und seine Musikkommune 1986 ein Landgut erworben hatten. Dort lebte der damals schwer übergewichtige "Guru" bis 2002, als er erfuhr, dass die deutsche Polizei nach ihm suchte und er die Flucht ergriff.Seit er vor einem Jahr gefasst, nach Deutschland ausgeliefert und ins Gefängnis Stadelheim überstellt wurde, hat Oliver Shanti zu den Vorwürfen geschwiegen. Dieses Schweigen bricht er nun im Landgericht. "Ich habe keine Kinder missbraucht, das versichere ich Ihnen. Ich habe Kinder sehr lieb", lässt er einen seiner zwei Pflichtverteidiger erklären. Dann ergreift er selbst das Wort. Geschwätzig und ausufernd schildert der Beamtensohn seine Karriere als Seemann, Hippie und Schallplattenmillionär. Als 13-Jähriger brach er die Schule ab, fuhr zur See, entdeckte dort seine Homosexualität, arbeitete im berühmten Hamburger "Starclub", gründete in Indien eine Hippiekommune und kehrte 1980 nach Deutschland zurück, wo er mit Anhängern den esoterischen "Sattva-Musikverlag" gründete. "2002 machten wir zwei Millionen Mark Umsatz im Monat!" brüstet sich Shanti vor dem Gericht.Alle Vorwürfe gegen ihn weist er wortreich zurück. Er sei absolut unschuldig. Er interessiere sich nur für "junge Männer von 17, 18, 19, 20 Jahren" und habe ausschließlich in festen Beziehungen gelebt. "Ich werde hier als Monster dargestellt, das ich nicht bin", sagt er. Die Anzeigen und Ermittlungen gegen sich führt er auf ein Komplott ehemaliger Mitstreiter zurück, um ihn zu diffamieren. Daher auch die absurde Unterstellung, er sei ein Sektenguru gewesen. "Wir haben jahrelang in Frieden und Freundschaft gelebt. Aber das Geld hat alles zerstört." Seine einstigen Gefährten hätten plötzlich "Neid, Hass und Intrigen" entwickelt und ihn um 5,5 Millionen Euro geprellt. Sein Reichtum sei der Grund für ihre Anzeigen und Lügen gewesen. "Ich besaß vieles mehr, also musste ich weg."Bisher hat sich Oliver Shanti nicht von Psychologen begutachten lassen. Doch er agiert an diesem Tag vor Gericht so offen, dass ein deutliches Bild seiner Persönlichkeit entsteht - das eines gebrochenen Mannes, der sich eine Wunschwelt zusammenfantasiert. Die Aussagen der Opfer und Belastungszeugen stimmen in wesentlichen Punkten überein. Ein Zeuge ist Anton V., der jahrzehntelang ein Jünger Shantis war. "Drei Jungen, die er als seine Kinder ausgab, lebten ständig bei ihm in Portugal und wurden jahrelang vergewaltigt", sagt er. "Zehn weitere kamen oft zum Urlaub und wurden dann von ihm sexuell missbraucht." Die Eltern hätten sie ihrem verehrten Guru bedenkenlos anvertraut. Einige Opfer seien später heroinsüchtig geworden, einer hätte Selbstmord verübt.Schlafstörungen und Albträume"Die deutsche Polizei hat bei den Ermittlungen versagt", sagt die Rechtsanwältin Ricarda Lang, Vertreterin eines Shanti-Opfers, die mit ihren Anzeigen die Ermittlungen 2002 in Gang brachte. "Man hätte ihn viel früher verhaften können." Ihr Mandant, heute 22 Jahre alt und Student, leide noch immer unter Schlafstörungen und Albträumen. Am Ende des ersten Prozesstages sagt Ricarda Lang, die seit Jahren Opfer von Kinderschändern vertritt: "Shanti redet wie der typische Pädophile: er liebt die Kinder, sie sind so gern bei ihm. Er hat noch nicht einmal angefangen zu begreifen, was er ihnen angetan hat."------------------------------Foto: "Ich habe Kinder sehr lieb", sagt Oliver Shanti, der mit einer Atemmaske vor Gericht erscheint, weil er sich eine gefährliche Keiminfektion zugezogen hat.