Nicht jeder von uns ist zum Geheimagenten geboren. Wer spionieren will oder andere Menschen aushorchen soll, der muss seine Persönlichkeit verleugnen und fremde Leben leben können. Und er muss vor allem eins beherrschen: das Schweigen. Weder dem Partner noch dem vertrautetstem Freund darf er erzählen, wie er die Welt oder zumindest das eigene Land gerettet hat. Nur im kleinen Kreis der Kollegen kann er sein Herz ab und zu öffnen, aber auch hier regiert das Misstrauen: Der Feind - und der Konkurrent - ist überall.Nun ist es aber auch so, dass nicht jeder Geheimdienstler zum Agenten geboren ist. Vor allem das Schweigen fällt ihnen schwer, das Understatement, wo man doch so viele sexy Geschichtchen kennt aus dem Halbdunkel des Agentengewerbes, mit denen man sich interessant machen kann.Helmut Roewer ist so ein mitteilsamer (manche sagen auch: geschwätziger) Geheimdienstler. Ex-Geheimdienstler muss man inzwischen sagen, denn Roewer, der sechs Jahre lang das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz geleitet hatte, wurde im Jahr 2000 aus dem Dienst entfernt. Rausgeschmissen, weil das Erfurter Landesamt in seiner Amtszeit diverse Affären und Skandale produzierte. Daneben gab es noch den Vorwurf, Roewer habe rund 120 000 Euro im Dienst unterschlagen. Ein 2005 eröffneter Untreue-Prozess gegen ihn ist Anfang dieses Jahres geplatzt - wegen fortdauernder Verhandlungsunfähigkeit des 58-Jährigen.Roewer hat also seit dem Jahr 2000 sehr viel freie Zeit, die er nach eigenen Angaben als freiberuflicher Schriftsteller verbringt. Auf seiner homepage steht, er lebe und arbeite in Weimar und Italien. Entstanden ist so das gemeinsam mit anderen Autoren herausgegebene "Lexikon der Geheimdienste" und das Buch "Skrupellos", Band 1 einer geplanten Trilogie über die Machenschaften der Geheimdienste in Russland und Deutschland."Skrupellos" befasst sich mit den Jahren 1914 bis 1941. Noch vor dem zweiten Band, in dem es um die Kriegsjahre gehen soll, ist nun im Gustav Lübbe Verlag Teil 3 der Trilogie erschienen: "Im Visier der Geheimdienste" heißt das Buch, und es geht um den kalten Krieg. Doch so unoriginell wie der Titel des 650 Seiten starken Bandes ist leider auch sein Inhalt.Offenbar hat Roewer nach seinem Rausschmiss als oberster Thüringer Geheimdienstler viel freie Zeit auch damit verbracht, einschlägige Literatur über KGB, BND und Stasi zu lesen. Man sieht beim Lesen seines neuen Buches förmlich das Regal mit den Geheimdienstbänden vor sich, aus deren Seiten sich Tausende gelbe Post-it-Blättchen kringeln. Denn "Im Visier der Geheimdienste" ist über weite Strecken nicht mehr als eine Zusammenfassung all der Geschichten und Ereignisse aus dem kalten Krieg zwischen Ost und West, die in den letzten 18 Jahren recherchiert und veröffentlicht worden sind. Der Fall Guillaume, die Steiner/Wienand-Affäre, die angeblichen KGB-Verbindungen von Brandt, Wehner und Genscher, die "Saufkumpane" (Roewer) Strauß und Schalck-Golodkowski, die von Stasi und KGB eingefangenen Westjournalisten - alles bekannt, alles schon beschrieben, keine Überraschungen. Zwar liest sich Roewers Wälzer recht flüssig, das Manko des fehlenden Neuigkeitswerts gleicht das aber nicht aus.Man muss schon viel Geduld aufbringen, um dann doch noch auf das eine oder andere interessante Detail zu stoßen. Etwa über einen KGB-Agenten im SED-Politbüro, über einen russischen Spion im unmittelbaren Umfeld des damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Josef Duchac (CDU) oder über einen Journalisten, der in den neunziger Jahren zwischen deutschen und russischen Geheimdiensten hin- und herpendelte, um die jeweils andere Seite mit Informationen zu verwirren. Pingpong-Spiel heißt das im Dienste-Latein, wie Roewer schreibt. Aha.Mehr ins Detail geht der Autor dann aber nicht, er belässt es bei Geraune und Spökenkiekerei. Auch im Fall des ZDF-Journalisten Hanns Werner Schwarze, Gründer des Magazins "Kennzeichen D", den Roewer verblüffend unverblümt eine "nachrichtendienstliche Anbindung" an KGB und Stasi andichtet, obwohl dafür - wie der Autor selbst einräumt - keine Beweise vorliegen.Trotz seines möglichen Insiderwissens versäumt es Roewer, bestimmte politische und geheimdienstliche Ereignisse der Vergangenheit einmal aus einer weitergefassten Perspektive zu betrachten und zu bewerten. Hinter allen Vorgängen, von der Ostpolitik über die Friedensbewegung bis hin zum Sturz des SED-Regimes, wittert Roewer immer nur Kommunisten und linke Journalisten im Westen, die von Moskau und Ostberlin ferngesteuert wurden, oder verwirrte DDR-Bürgerrechtler, die "nicht besonders klug waren", wie Roewer schreibt. Das ganze Buch belegt letztlich den Hang des Autors zur Simplifizierung von Geschichte und politischen Vorgängen.Da ist Roewer dann eben wieder ganz der Geheimdienstmann - Aspekte, die nicht ins einmal geschaffene Bild passen, werden einfach ausgeblendet.------------------------------Foto: Helmut Roewer: Im Visier der Geheimdienste. Deutschland und Russland im Kalten Krieg. Luebbe, Bergisch Gladbach 2008. 416., S. 29,95 Euro.