In Sulden ist Reinhold Messner nicht. Für ihn sieht Paul Hanni in Messners Eis- und Gletschermuseum "Ortles", das sich unter dem gewaltigen Ortler duckt, nach dem rechten. "Er ist für uns ein Glücksfall", findet Hanni. Messner hat das Museum aufgebaut, den alten Bergbauernhof aus dem 16. Jahrhundert gerettet und illustres Publikum hergelockt. Auch deutsche Wirtschaftsbosse wie Schrempp und Burda waren schon da, erzählt Hanni. Im Museum betrachtet gerade eine Gruppe Italiener ehrfürchtig Messners Ausrüstung von der Antarktisexpedition und eine Nachbildung des Yetis, so wie er ihn damals im Himalaja gesehen haben will. Neben dem Haus weiden Yaks, Andenken an die Tibet-Reisen des Mount-Everest-Bezwingers. Die zotteligen Wiederkäuer nehmen weder von den Besuchern noch von dem Schneeschauer Notiz, der - als ironische Untermalung des Sommers - vom erzürnten Haupt des Ortlers herabweht.Auch auf Messners luftigem Stammsitz Juval ist von dem Schlossherren nichts zu sehen. Sein Faktotum führt uns mit dem Gestus und Tonfall eines Wanderpredigers durch das Märchenschloss, das als Sommerresidenz der Messner-Familie und als Museum fungiert. Die Ausstellung dort ist den heiligen Bergen und den Religionsstiftern gewidmet. Die Gemälde sowie die Götter- und Götzenfiguren hat der obsessive Sammler Messner in aller Welt zusammengetragen. Mancher Besucher interessiert sich freilich mehr für die Vorratskammer, wo von Frau Messner eingekochte Marmelade und Holundersaft stehen. Näher als hier kommt man der Privatperson Reinhold Messner kaum sonstwo.Von Juval braucht man mit dem Fahrrad nur einen halben Tag nach Bozen. Über der Südtiroler Hauptstadt lehnt auf einem Höhenrücken die imposante Ruine von Sigmundskron. Im Hof der mittelalterlichen Burg steht Reinhold Messner gestikulierend in einer Schar von Gästen. Hier hat der 61-jährige Gipfelstürmer, Bio-Bauer, Buchautor und ehemalige Grünen-Politiker soeben sein jüngstes Museum "MMM Firmian" eröffnet. Sigmundskron bildet das Herzstück des Messner Mountain Museum (MMM). Das Ortles und das Juval im Vinschgau sowie das Felsmuseum Dolomites auf dem Monte Rite gehören als Satelliten dazu."Das ist das Erbe, das ich einbringe", sagt Messner ernst. "Hier soll das Herz des Alpinismus pochen." Und doch erwartet den Besucher kein Bergsteigermuseum im eigentlichen Sinne. "Ich will zeigen, was geschieht, wenn wir uns der Gefahr und der Einsamkeit stellen", erklärt der philosophierende Abenteurer. Auf 1 100 Quadratmetern sind zahlreiche Skulpturen und Gemälde zu sehen, darunter Bergimpressionen von Künstlern wie Andy Warhol. Ein mächtiger Bronze-Stalaktit von Giovanni Pezzei hängt wie ein Damoklesschwert von der Decke. Manche werden jene Stücke am interessantesten finden, die Messner pathetisch "Reliquien" nennt, darunter Teile eigener Expeditionsausrüstungen und ein Biwaksack der Bergsteigerlegende Walter Bonatti. "Das löst Emotionen aus, die mich zum Weinen bringen", sagt der Museumschef und alle blicken betroffen auf den Mann mit der wilden Mähne, der längst selbst zur Ikone geworden ist. Auch ein Bergschuh seines 1970 bei der Besteigung des Nanga Parbat ums Leben gekommenen Bruders Günther wird gezeigt. Immer wieder beklagt Messner den rücksichtslosen Umgang des Menschen mit den Bergen. "Die Bergsteiger nehme ich von der Kritik nicht aus", betont er und deutet auf 100 Kilo Müll, die er auf dem Mount Everest aufsammeln ließ.In der wundersamen Welt des Reinhold Messner nehmen sakrale Kunstwerke vor allem aus der asiatischen Welt einen großen Raum ein. Im Nordturm ist unter anderem eine riesige tibetische Gebetsmühle zu bewundern. "Das alles ist Bergkultur", meint er. "Das interessiert mich viel mehr als die kurze Zeitspanne seit 1786, als die Menschen anfingen, in den Bergen umher zu klettern." Wer die komplette Anlage "erobern" will, muss mehrere hundert Höhenmeter zurücklegen. Das genau will der Hausherr: "Es soll eine Bergtour sein." Niemand darf hier mit dem eigenen Auto vorfahren. Die Besucher müssen zu Fuß den Burgberg erklimmen oder das Shuttle vom Parkplatz an der Autobahn nehmen.Im Norden ragen die Felstürme der Ötztaler Alpen auf. Gen Osten erhebt sich der herrliche Schlern. Die über tausend Jahre alte Anlage zählt zu den geschichtsträchtigsten Orten Südtirols. 1957 versammelten sich hier unter dem legendären Landeshauptmann Silvius Magnago mehr als 30 000 Menschen zur größten Protestkundgebung in der Geschichte des Landes, um die Autonomie zu verlangen. Viele Südtiroler wollten kein Messner-Museum hier oben. Sie haben dem Weltbürger nicht verziehen, dass er für die italienischen Grünen im Europaparlament saß und dass er auf dem Mount Everest statt der Südtiroler Fahne sein Taschentuch gehisst hat. So musste Messner jahrelang kämpfen, bis er auf Sigmundskron einziehen durfte. Jetzt hat er es geschafft und nennt das MMM Firmian rückblickend seinen "15. Achttausender".------------------------------SERVICEAnreise: Autobahn A 22 bis Bozen Süd, von da mit dem Shuttle.Veranstalter: Hubertus Tours, Tel.: 08024/303 93 30 bietet achttägige Reisen mit geführten Besichtigungen der Messner Mountain Museen ab 437 Euro an.MMM: Firmian, Tel.: 0039/04 71 63 12 64, geöffnet vom 15. Februar bis 24. Dezember täglich außer montags von 10 - 18 Uhr; Ortles, Sulden am Ortler, Tel.: 0039/04 73 61 32 66, geöffnet von Pfingsten bis Anfang Oktober und von Dezember bis Anfang Mai täglich außer dienstags von 14 bis 18 Uhr; Juval in Kastelbell, Tel.: 0039/04 73 66 80 56, geöffnet von Palmsonntag bis 30. Juni und vom 1. September bis Anfang November täglich außer mittwochs von 10 bis 16 Uhr, nur mit Führung; Dolomites, auf dem Monte Rite nahe Cortina d'Ampezzo, Tel.: 0039/04 35 89 09 96, geöffnet von Juni bis September.Im Internet: www.suedtirol.info------------------------------Foto (2): Die über 1000 Jahre alte Burg Sigmundskron zählt zu den symbolträchtigsten Orten Südtirols. Hier hat Reinhold Messner sein jüngstes Museum eröffnet.Reinhold Messner