"Der Fall Arbogast": Thomas Hettches brillanter Kriminalroman nutzt die Eigenheiten des Genres: Tief in den Körpern liegt ein Geheimnis

Am ersten September 1953 nimmt der junge Metzgerssohn Hans Arbogast eine Anhalterin in seiner hellblauen Borgward Isabella mit. Die junge Frau, Marie, ist Anfang zwanzig, kommt aus Berlin und ist im Flüchtlingslager im badischen Ringsheim untergebracht. Die beiden jungen Menschen machen, was man damals wohl eine Spritztour genannt haben würde. Es ist ein sonniger Spätsommertag, der Neuanfang des überstandenen Weltkriegs hat für sie noch keine festen Lebensrollen vorgesehen, eine ziellose Freiheit unbestimmter Möglichkeiten liegt in der Luft. So fahren sie durch die milden Hügellandschaften Badens, rauchen Kurmark und kommen sich näher. Irgendwann, es ist bereits Abend, stoppt Arbogast seinen Wagen, sie steigen bei einer Brücke aus und auf der Wiese neben dem Flüsschen lieben sie sich. Erst einmal, dann noch einmal. Sie lieben sich heftig, suchen in der Leidenschaft eine Gewalt, wie sie seltsam kontrastiert zu dieser durch und durch süddeutsch-wohltemperierten Idyllik. "Fester", fordert Marie, und es vergeht noch einige Zeit, bis Arbogast registriert, "daß sie schon einen unendlich langen Moment seinen Bewegungen nichts mehr entgegnete". Eine Tote hält Arbogast in den Armen. "Es ist der erste September 1953. " Was Thomas Hettche in "Der Fall Arbogast" erzählt, ist ein historischer Kriminalfall. Alles, was einen solchen Kriminalfall ausmacht, wird von Hettche mit bewunderungswürdiger Umsicht und Transparenz in den Erzählstrom eingearbeitet: Obduktionsberichte, Pressestimmen, der gerichtsmedizinische Forschungsstand, das Zeitkolorit der jungen Bundesrepublik. Aber ebenso auch kollektive Stimmungen und die Psychologie der Figuren: Alles erfasst dieser Erzähler mit einem eigentümlich intensiven Realismus. Selbst dort, wo er aus der Innenperspektive seiner Figuren berichtet, ihre Träume und inneren Monologe dem Leser zugänglich macht, geschieht dies auf eine so delikat-registrierende Weise, dass der objektive Realismus überhaupt nicht gebeugt scheint. Es ist der künstlerische Coup dieses großen Buches, dass es Hettche gelingt, einen allwissenden Erzähler zu installieren, der alles und zugleich doch nicht mehr als jeder andere wache Mensch auch sieht und weiß. Es ist eine transempirische Autorperspektive, die gleichwohl nur mit den Mitteln der menschlichen Sinne arbeitet. So entsteht ein schillernd-faszinierender Realismus, der weit mehr umfasst, als einer bloßen Dokumentation zugänglich wäre.Nach der tödlichen Liebesvereinigung verbringt Arbogast die Leiche an einen anderen Ort und stellt sich erst Tage später der Polizei. Der Körper der toten Marie weist Spuren von Gewalt auf: Kratzer auf ihrem Rücken, Bisswunden an ihren Brüsten. Der obduzierende Arzt protokolliert alle Zeichen dieses Körpers, die Hinweise auf seine Geschichte hergeben. Er macht Fotografien der Toten. Während des Gerichtsprozesses scheint es auf "Körperverletzung mit Todesfolge" hinauszulaufen, bis schließlich ein Gutachten des renommierten Gerichtsmediziners Maul die Wundmale am Hals von Marie als Würgespuren identifiziert - allerdings nur auf der Basis der Maul vorliegenden Fotografien. Das Wort "Perversion" entfaltet seinen magischen Bann, die Stimmung schlägt um, das Gericht entscheidet auf Mord.16 Jahre verbringt Arbogast hinter den Gittern des Bruchsaler Gefängnisses.Hettche erzählt auf berührendste Weise von den Wirkungen der Einzelhaft: Wie der gefangene Arbogast seine Zivil- durch die Sträflingskleidung ersetzt, wie ihm die bürgerlichen Ehrenrechte (wir befinden uns in den 50er-Jahren vor der großen Strafrechtsreform) aberkannt werden, wie die Mutter ihren ,perversen Sohn aufgibt, seine Frau sich von ihm scheiden lässt und wie der Mensch Hans Arbogast immer mehr verkümmert, wie seine Gesichtszüge zu zucken beginnen, wie seine Biografie durch die monoton mahlende Zei t zerrieben wird und seine Erinnerung zerfällt. Die Jahreszeiten lassen sich aus dem Gefängnisfenster noch feststellen, die Jahre selbst nicht mehr.Und so sehr Arbogast sich selbst verliert, sich selbst unwirklich wird, so wenig gelingt es seiner Mitwelt, sich von ihm ein Bild zu machen: Er ist zu einem gefangen gesetzten Körper geworden mit einem Geheimnis, dass so tief in ihn eingeschlossen ist, dass er selbst es nicht mehr kennt. 13 Jahre Haft liegen hinter Arbogast, als sich der engagierte Erfolgsschriftsteller Sarrazin und der Rechtsanwalt Klein sich seines Falles erneut annehmen. Zu vieles erscheint ihnen fragwürdig an diesem Prozess. Sie sorgen für Publizität - die Zeiten haben sich geändert, die Bundesrepublik projiziert ihren Schrecken vor dem eigenen geschichtlichen Zivilisationsbruch nicht mehr in eine Angst vor der Perversion - so reagieren die Zeitungen bereitwillig und kramen den Fall wieder hervor. Klein und Sarrazin schalten Experten ein, bringen neue Gutachten bei, schließlich gelingt ihnen die Wiederaufnahme des Verfahrens. Dem Menschen Hans Arbogast aber und dem, was am ersten September 1953 geschah, in dieser seltsamen Mischung aus archaischem Liebestod und der Gewalt der Körper, kommen sie nicht näher. Das Wiederaufnahmeverfahren bringt Arbogast die Freiheit. Das Gericht hat sich diesmal angesichts allzu vieler Zweifel für den Angeklagten entschieden. Was mit dieser Geschichte gesagt sein soll, bleibt völlig im Dunkeln. Sie wird erzählt, gründlich und präzise - aber sie gibt an keiner Stelle das preis, was der Leser von Literatur immer erwartet: Dass das Erzählen einer Geschichte seinen Grund haben müsse in tieferen Gründen, die sich einer aufmerksamen Lektüre irgendwann unter der Oberfläche des Stoffes als Sinn oder höhere Bedeutung zu erkennen geben. Ab einem bestimmten, angestrebten Erzählniveau - so die Reflexe unserer Lesegewohnheiten - stehen die erzählten Dinge nicht mehr nur für sich selbst, sie verwandeln sich in Zeichen, die einer über die konkrete Geschichte hinausweisenden Deutung zugänglich sein müssen. Die einzige Gattung, die sich dieser Unvermeidlichkeit der Interpretation oder Bedeutungsunterstellung entzieht, ist der Kriminalroman, weil in ihm die Deutung der Zeichen nur auf die Auflösung des in ihm geschilderten Falles hinweist. Die Aufklärung und die daraus resultierende Spannung, keine Hinterwelten, sind sein höchstes Ziel."Der Fall Arbogast" ist ein Kriminalroman. Hettche hat die Eigenheiten dieser Gattung hervorragend eingesetzt. Jede Beobachtung, jedes registrierte Detail ist ein technisches Indiz, das im Prozess der Aufklärung die Wahrheit des Falles zu rekonstruieren hilft. Nicht die Welt soll erklärt, sondern ein Todesfall geklärt werden. Besser lässt sich ein Roman gar nicht verschließen gegen die Interpretationsanmutungen unserer Lektüregewohnheit. Der Reichtum an Beobachtungen, den Hettche in seinem Meisterwerk zusammenträgt, würde in jeder anderen Gattung zu einem Bedeutungskollaps führen, nicht so im Kriminalroman. Alles dient ja nur der Wahrheit einer kruden Wirklichkeit. Und doch: Indem Hettche seinen Kriminalroman so vollständig vor Symbolisierungen abdichtet, gerät die gesamte, so realistisch dargestellte Wirklichkeit ins Schwirren, schlägt um in einen neuen Status und wird greifbarer und übermächtiger, als es nur je irgendein Symbol vermöchte. Die Gewalt der Körper und ihre Disziplinierung im Strafsystem, die sexuelle Lust als Gier nach einer anderen Lebensintensität und ihre Klimax im Tod, die fürchterliche Mechanik der Zeit und die Unergründlichkeit der Schuld, die Blicke der Menschen, mit denen sie in ihr Gegenüber eindringen wollen und doch immer nur an den Oberflächen des Körpers und seiner schweigenden Zeichen abprallen - all dies steht vor dem Leser so intensiv und unausdeutbar, als wären es Inbegriffe des Wirklichen selbst.Das ästhetische Prinzip von Hettches Roman ist die Vollständigkeit. Nichts wird ausgelassen, alles notiert. Und trotzdem bleibt ein uneinholbarer Rest. Mehr konnte mit allen inneren und äußeren Sinnen an Wirklichkeit nicht zusammengetragen werden, und doch geht die Gleichung nicht auf. Kein Teil des Puzzels hat der Erzähler übersehen, jedes Bruchstück immer wieder neu angeordnet, aber das Puzzle lässt sich nicht zu einem kohärenten Bild zusammenfügen. Eine Lücke bleibt, für die es in den Begriffen unserer Wirklichkeit keinen Ort gibt. Eine Unbekannte, die in der Gleichung dieser Welt noch nicht einmal als Platzhalter integriert ist. Ein schlechterdings nicht Erzwingbares: Der Körper, sein Begehren und sein Tod.Thomas Hettche: Der Fall Arbogast. Kriminalroman. DuMont Buchverlag, Köln 2001. 352 S. , 44 Mark.