Zunächst der Sachverhalt: Brandenburgische Ausländerbehörden haben die Abschiebung zweier Asylbewerber gutgeheißen, weil - ja: weil - sie Opfer des Hasses geworden waren. Der eine verlor sein Bleiberecht, weil er in Guben miterlebt hatte, wie sein Freund zu Tode gehetzt wurde. Infolge dieses "traumatischen Ereignisses" sei er, so befand das Innenministerium, nur "bedingt in der Lage, sein Leben eigenständig zu meistern". Dem anderen wurde in Elsterwerda seine Pizzeria "Ali Baba" angesteckt, woraufhin dem Ägypter mitgeteilt wurde: "Die Aufenthaltsbefugnis war stets an die Betreibung des Betriebes gebunden."Beide Entscheidungen dokumentieren eine erschreckende Arbeitsteilung zwischen Mob und Ministerium. Sie zeigen, wie sich der Terror der Straße in bürokratisierte Repression umwandeln lässt. Oder, um es etwas vornehmer mit Wolfgang Thierse zu sagen: Es entsteht der Eindruck, so schrieb er an den Potsdamer Innenminister Schönbohm, "dass deutsche Regierungsstellen die Ergebnisse und Konsequenzen rechtsextremer und rassistischer Vorfälle nicht nur hinnehmen, sondern sogar nutzen, indem sie Teil offizieller Argumentation werden".Dem ist wenig hinzuzufügen. Die brandenburgische Landesregierung hat seit 1991 - seit dem sechstägigen September-Pogrom in Hoyerswerda - stets die im Land weit verbreiteten Ausflüchte ergriffen und fast nichts zum Schutz der Gefährdeten unternommen. Das Grundprinzip der Französischen Revolution, demnach die Verletzung der Freiheit und Würde eines einzigen Menschen die Verletzung der Freiheit und Würde aller bedeutet, blieb in Brandenburg bis heute unbekannt. Und deswegen hat der oberste Verharmloser Stolpe Recht, wenn er den Brief des Bundestagspräsidenten als das nimmt, was er ist: "Ein Vorwurf gegen das ganze Land." Die Feststellungen Thierses richten sich gegen das von Manfred Stolpe so typisch verkörperte Milieu der verfolgten Unschuld, in dem niemand nichts sieht und weiß. In dem jedoch der Konsens herrscht, dass die Opfer - schon ihrer puren Anwesenheit wegen - die eigentlich Schuldigen seien.Die Gründe für den mehrheitlich hingenommenen, fortgesetzten Bruch des Brandenburger Landfriedens finden sich im Inneren des Landes. Sie liegen erstens in der massenhaften Verwahrlosung der heranwachsenden Jugend, und zwar nicht, weil es an öffentlicher Aufmerksamkeit fehlte, sondern weil sich die Familien oder deren Reste zu Hunderttausenden ihrer erzieherischen Pflichten entziehen. Diese Haltung ist im Osten Deutschlands sehr viel stärker ausgeprägt als im Westen. Die sozialistische Fiktion einer Veredelung des Menschen durch den Staat hat schwere Verwüstungen hinterlassen. Der Begriff Gesellschaft existiert in bestimmten ostdeutschen Regionen nicht, weil er mit dem Begriff Staat gleichgesetzt wird, der seinerseits als Synonym für die von jeder persönlichen Verantwortung freie Beglückung von oben gilt.Der zweite, vielleicht gravierendere Grund findet sich im Egalitarismus der DDR. Die Verheißung sozialer Gleichheit verheißt für eine ferne Zukunft das Paradies, im Elend der Gegenwart aber richtet es sich gegen den Andersartigen schlechthin. Im ewigen Zustand der Unerfülltheit bietet ein starres, gewissermaßen lebenslängliches Freund-Feind-Schema Halt.Zwanglos berühren sich an dieser Stelle linker und rechter Egalitarismus. So einfach die Umpolung des Parteigenossen zum Volksgenossen ist, so leicht vermischen sich die Vorstellungen von sozialer und ethnisch-völkischer Homogenisierung. Das hat sich nach 1989 in einer Dramatik gezeigt, die bis dahin nur Wenige geahnt hatten. In fast allen postsozialistischen Ländern haben sich nationalistische Kräfte mit den nicht reformfähigen Kräften des Kommunismus verbunden.Das macht den Fall Brandenburg so schwierig. Jede Intervention von außen, ob wohlmeinend, langmütig oder hart, wird als Angriff "gegen das ganze Land" empfunden - gegen das Kollektiv Brandenburg. Statt für die Verfassung hat sich Stolpe für das Volksempfinden entschieden. Brandenburg ist nicht mit einem Verbot der NPD geholfen. Dort muss das Recht auf die Unverletzlichkeit eines jeden einzelnen Menschen gegen die Mehrheit durchgesetzt werden, notfalls mit Hilfe der Bundesgewalten. Nach Artikel 37 des Grundgesetzes, daran sei erinnert, ist die Bundesregierung aufgefordert, ein Land dann unter Bundeszwang zu stellen, wenn es sich beharrlich weigert, seine gesetzlichen und grundgesetzlichen Pflichten zu erfüllen.Der oberste Verharmloser Stolpe hat Recht, wenn er Thierses Brief als das nimmt, was er ist: "Ein Vorwurf gegen das ganze Land. "