Es gibt Geschichten, die haben einfach alles. Wer sie hört, liest oder sieht, der kommt schnell ins Grübeln, ob das Drehbuch dafür wirklich das wahre Leben geschrieben hat oder nicht doch irgendein versoffenes Genie in einem Studio in den Bergen von Hollywood. Oder in München. Der Fall der Rosemarie Nitribitt dürfte dazugehören.Die "blonde Rosi" war die Pretty Woman der späten Fünfziger. Ihre Freier sollen nicht die Männer von nebenan gewesen sein, sondern "die ganz großen Tiere". Im Gegensatz zu Pretty Woman fand Rosemarie Nitribitt allerdings kein Happy-End. Berühmt wurde sie erst, als ihre Putzfrau sie am 1. Dezember 1957 in ihrem "Luxusappartement" fand. Erwürgt. Vor dem Haus in der Seidelstraße 39 in Frankfurt am Main sitzt ein Bettler und flucht über den "scheiß Wind", der ständig seine Adventskerze ausbläst. Im 3. Stock fand die Dirne damals ihr Ende. Der Mörder wurde nie gefunden. Vielleicht reagieren die Mieter deshalb noch immer gereizt, als wir sie nach dem Mord in ihrem Haus fragen.Im Erdgeschoß ist ein Videoladen, der Pornokassetten, "heiß und geil", verleiht. Über die Außenwand des Gebäudes zieht sich neongrell eine Reklame mit der Telefonnummer einer großen Detektei. Auf einen Anruf reagiert die Dame am anderen Ende der Leitung gereizt: "Das ist blanker Zufall, daß wir ausgerechnet an diesem Gebäude werben. Wir haben mit dem Fall der Nitribitt nichts zu tun."Nachdem Rosemarie Nitribitt damals in diesem Haus gefunden wurde, begann der postume Aufstieg einer kleinen Prostituierten zur "Kurtisane der oberen Zehntausend". Die Blätter überschlugen sich mit Schlagzeilen wie "Edelnutte ermordet". Im spießigen Muff Wirtschaftsbosse, Politiker, ja sogar Regierungsmitglieder wurden als ihre Kunden ausgemacht. Beweise dafür gibt es bis heute nicht, aber das tat der Geschichte keinen Abbruch. Im Gegenteil.Es war die Zeit, als die Deutschen gerade dabei waren, die Schmach der Niederlage mit der Freude an Cocktailmixern, Nylonstrumpfhosen, dem ersten Fernsehen und ein bißchen Rock 'n' Roll zu verdrängen. Damals kamen die "Enthüllungen" über das Leben einer Hure gerade richtig. Man konnte über ein paar Dinge sprechen, die im spießigen Muff der Adenauerrepublik bis dahin eher verdrängt wurden. Daß Wirtschaftsbosse und sogar Politiker bei einer Prostituierten ein und aus gingen, wurde zum ersten Mal wieder so diskutiert, als ob es durchaus möglich wäre.Die Geschichte um eine schöne junge Hure, die hinter einem Duschvorhang erdrosselt wurde, war einfach zu schön, um sie nicht immer weiter auszuschmücken, und Rosemarie Nitribitt war die ideale Besetzung für ein Stück über Macht und Moral.Sie war ja nicht unbekannt in der Stadt am Main. Wer sich ein bißchen dafür interessierte, kannte das hübsche Mädchen. Schon deshalb, weil sie die gute Idee hatte, ihre Freier nicht auf dem Bürgersteig zu suchen, sondern von der Straße aus anzuhupen. Mit den Lichtern ihres Mercedes-Coupes SL 190. Ausgerechnet mit dem Symbol des Wirtschaftswunders auf der Kühlerhaube auf den Strich zu fahren, hatte irgendwie Stil.Genauso brauchbar für süffisante Spekulationen war die Tatsache, daß Rosemarie ziemlich gewissenhaft Tagebuch führte. Über ihre Einnahmen und ihre Freier. Eine Liste der Lust, brisant wie ein Nacktfoto vom Papst. Die Frage, warum der Mörder das Tagebuch am Tatort zurückgelassen hatte, wenn es doch voller Beweise gewesen sein soll, wollte damals niemand stellen. Außer Alfred Kalk.Heute ist der ehemalige Kriminalkommissar längst in Pension, und über seinen größten Fall will er eigentlich überhaupt nicht mehr reden. "Das ist doch alles Blödsinn. In dem Buch standen Namen, aber die waren nicht aus der großen Welt der Mächtigen und Reichen, sondern ganz normale Bürger. Das Höchste war ein Bankdirektor aus Bad Homburg."Darüber, was mit der Zeit aus der Geschichte wurde, regt er sich immer noch auf. "So ein Unfug. Wenn in dem neuesten Film über die Nitribitt das Mädchen ihren Mantel öffnet und einem Freier sagt, für Tausend darfst du mich mal, da kann ich ja nur lachen. Sie hat es schon für 80 Mark gemacht." Wie im Freudenhaus Als der Schriftsteller Erich Kuby ein halbes Jahr nach dem Mord das Drehbuch für den Erfolgsfilm "Das Mädchen Rosemarie" schrieb, orientierte er sich eher an den Schlagzeilen als an den tatsächlichen Ermittlungsergebnissen. Trotzdem fühlten sich die Chefetagen des Staates getroffen, als der "gesellschaftskritische" Streifen anlief. Was nicht verwunderte, denn wer wollte, konnte nach dem Film annehmen, in der Bonner Republik ginge es manchmal zu wie in einem Freudenhaus.Als der Film, der ja nur ein Film war, zu den Festspielen nach Venedig eingeladen wurde, forderte das Auswärtige Amt die Biennaleleitung sogar auf, den Streifen wieder abzusetzen. Man befürchtete, daß der Fall vom Ausland verallgemeinert würde und so dem Ansehen Deutschlands schaden könnte.Die Furcht war nicht ganz unbegründet, zumindest im anderen Teil Deutschlands war die Mutation eines eher gewöhnlichen Mordfalls im Frankfurter Prostituiertenmilieu zur Skandalgeschichte der Bonner Republik zufrieden belächelt worden. Für die Angst der "hohen Herren in Bonn" höhnte das "Neue Deutschland" damals sogar Verständnis: "In den Kreisen der Bourgeoisie und der Kapitäne des bundesdeutschen Wirtschaftswunders gehört es zum guten Ton, sich ein Mädchen, eine Prostituierte für außereheliche Amouren zu halten. Aber darüber spricht man nicht und man dreht schon gar nicht einen Film darüber." Adenauers Angst Das die Story des Filmes ungefähr so wahr war, wie die Geschichte mit Winnetou und dem Wilden Westen, spielte längst keine Rolle mehr. Das ostdeutsche "Bauernecho" befand kurzerhand: "Der Film wurde nach dem Schicksal der käuflichen Dirne Nitribitt gedreht, die mit den höchsten Kreisen aus Industrie und Bundesregierung ins Bett ging, zuviel wußte und deshalb ermordet wurde. Diese Tatsachen sind wahr und deshalb auch die Angst des allerchristlichen Kanzlers Adenauer vor der Aufführung des Films."Im Juni 1960 begann in Frankfurt der Prozeß gegen den angeblichen Nitribitt-Mörder Heinz Pohlmann. Aber der war weder Minister noch Industriekapitän, sondern nur ein guter Freund des Mädchens Rosemarie, meist finanziell klamm und manchmal auch unter dem Namen Heinz als Homosexueller unterwegs. Irgendwelche Beweise für Verbindungen in "bessere Kreise" gab es nicht. Dafür ein paar Erkenntnisse, die zeigten, daß Rosi eine Kindheit hatte, die alles andere als wirtschaftswunderlich war, weshalb sie schon ziemlich zeitig von zu Hause wegging. Fleißig, aber geizig Sie konnte kaum schreiben, hätte am liebsten den ganzen Tag Milchreis gegessen und ihre Freundinnen beschrieben sie als "fleißig, aber extrem geizig". Vielleicht war das nur Neid, denn von dem so gesparten Geld kaufte Rosemarie sich Kleider, die sie selber nicht hatten und in denen sie einfach Klasse aussah. Deshalb mußte sie nicht mit Männern mitgehen, die gerade von ihrem Job auf einer Baustelle kamen. Sie hatte die Wahl und das nutzte sie.Nur einer der Kunden war wirklich nicht aus der kleinen Welt der schönen Aufsteigerin. Sein Foto stand auf ihrer Kommode. Wenn der pensionierte Kommissar Kalk heute darüber spricht, klingt es, als würde er ein Geheimnis verraten: "Jetzt kann ich es ja sagen. Der Mann ist ja tot. Es war Harald von Bohlen und Halbach."Der Herr war ein Sproß der Familie Krupp. In ein paar Gesprächen, die Alfred Kalk damals mit dem Adligen führte, wurde schnell klar, daß dessen Beziehung zu Rosemarie rein platonisch war: "Er hat nie mit ihr geschlafen. Er hatte eine Neigung fürs Milieu und mochte Frauen wie sie. Einmal hat er ihr einen Tonträger mit karibischer Musik geschenkt." Das Geständnis fehlte Daß Heinz Pohlmann damals freigesprochen wurde, darüber ist Albert Kalk mittlerweile hinweg. Obwohl er weiterhin davon überzeugt ist, daß er der Mörder war. Aber Pohlmann bestritt die Tat bis zum Schluß und das Gericht befand die Indizien der Anklage als zu schwach. "Es fehlte das Geständnis. Aber egal. Das Urteil wird im Himmel gefällt", sagt Kalk. Er gibt die Hoffnung nicht auf.Weil bis heute niemand für den Mord verantwortlich gemacht werden konnte, ist der Fall eine Never-ending-Story geworden. Damals gab die Staatsanwaltschaft nur den Körper der Rosemarie Nitribitt zur Beerdigung frei, den Kopf behielt sie zwecks weiterer Untersuchungen ein. Später lag er dann wohl im Weg, weshalb ein Beamter mit dem Schädel zu ihrer Mutter geschickt wurde. Die Frau fiel in Ohnmacht.Seitdem liegt der Kopf, der einmal die halbe Republik verdrehte, im Frankfurter Polizeipräsidium. Tief unten im Keller. In einer Truhe aus Milchglas, das so verschwommen ist, wie die Grenze zwischen Wahrheit und Legende in dem ganzen Fall. Es gibt eben Geschichten, die haben einfach alles. +++