Anfang der siebziger Jahre schrieb Heiner Müller einen im Osten unmöglichen und für den Westen schwer verständlichen Text "KULTURPOLITIK NACH BORIS DJACENKO". Er wurde erst nach 1992 gedruckt."Boris Djacenko sagte mir Nach dem Verbot / Meines Romanes HERZ UND ASCHE Teil zwei/ In dem zum ersten Mal beschrieben wurden / Die Schrecken der Befreiung durch die ROTE ARMEE / Lud mein Zensors mich zu einem privaten Gespräch ein / Und der beamtete Leser zeigte mir stolz das verbotene / Typoskript in kostbares Leder gebunden SO / LIEBE ICH DEIN BUCH DAS ICH VERBIETEN / MUSSTE / IM INTERESSE DU WEISST ES UNSERER / GEMEINSAMEN SACHE / In der Zukunft sagte Boris Djacenko / Werden die verbotenen Bücher gebunden werden / IM INTERESSE DU WEISST ES UNSERER / GEMEINSAMEN SACHE / In Leder gegerbt aus den Häuten der Schreiber / Halten wir unsere Häute intakt sagte Boris Djacenko / Damit unsre Bücher in haltbarem Einband / Überdauern die Zeit der beamteten Leser."Boris Djacenko wurde das Fell über die Ohren gezogen. Weder HERZ UND ASCHE Teil zwei überdauerte die Zeit noch sein Fall. Einer der beamteten Leser nannte ihn eine "Panne". Die "Panne" passierte der Partei 1958. 1958 agierte die Partei noch ungeschminkt und unbehelligt. Djacenko gehörte zur Vorzeit der Fälle, in der von Fall zu Fall ihre Allmacht zerbröselte. Kein politischer Aufruhr bei Djacenko wie bei der Biermann-Ausbürgerung. Keine Solidarisierung wie beim Ausschluss von Stefan Heym und Kollegen aus dem Schriftstellerverband. Kein Westen, der auf verbotene Manuskripte wartet. Es ist eine Geschichte aus der Vorzeit des bundesdeutschen Interesses. Djacenko muss allein mit der Sache fertig werden. Er schafft es nicht, wie er es nicht schafft, im Kanon der Opfer der Zensur einen Platz zu bekommen.Djacenko hatte in seinem Roman gewagt, Dinge zu beschreiben, die noch in keinem DDR-Buch gestanden hatten. Djacenko schilderte die Vergewaltigung einer Deutschen durch einen Rotarmisten. Er griff das stalinistische Gulagsystem an. Djacenko redete über die russische Jagd auf deutsche Raketentechniker nach dem Kriegsende.1958, als sein Buch eine Explosion auslöst, ist Djacenko ein Mann in den besten Jahren. 1917 in Tallin, Estland geboren, hat er einen abenteuerlichen Lebenslauf hinter sich. Wegen illegaler politischer Tätigkeit gegen das halbfaschistische Ulmanis-Regime von Verhaftung bedroht, flieht der Philosophiestudent Anfang 1939 nach Rotterdam und gelangt quer durch Europa nach Nordafrika und schließlich nach Paris. In Frankreich wird er 1940 verhaftet und in das Internierungslager le Vernet gebracht das Tausende schluckt. Emigranten, Hochstapler, Spanienkämpfer, Nazis, Kommunisten, russische Monarchisten, Kriminelle, Arthur Koestler, Rudolf Leonhard, Friedrich Wolf, Luigo Longo, Franz Dahlem, Alfred Kantorowicz, Bruno Frei, den Mann von Anna Seghers Lazlø Radvany. Der namenlose Djacenko wird nach Deutschland abgeschoben, versucht nach Dänemark zu fliehen, ist Zwangsarbeiter, Illegaler in Berlin, erlebt die Eroberung der Stadt durch die Rote Armee als Befreiung, wirkt einige Zeit als Beauftragter der Zehlendorfer Kommandantur in Dahlem, schreibt für die "Tägliche Rundschau". In der DDR wird er Autor von Romanen, Erzählungen und Stücken. 1954 erscheint der 1. Band von "Herz und Asche", der um den "antifaschistischen Widerstandskampf" kreist. Djacenko hat damit großen Erfolg. Er erzählt spannend bis an den Rand der Kolportage. Ein anderer noch fesselt die nicht eben mit "Geschichten" verwöhnten Leser. Erwin Strittmatters Simplicius "Tinko" hat gerade ihre Herzen gewonnen. Es ist ein Zufall und dann doch kein Zufall, dass sich die beiden treffen. Gleich zu Anfang gehen die Wogen hoch. Als Sinnbild der Freundschaft tauschen sie ihre Hemden. Djacenko und Strittmatter sind Verbündete und Rivalen in der gleichen Sache: Schreiben abseits der Schablonen und ideologischen Vorgaben. Sie beginnen ihre neuen Manuskripte voller Hoffnung.Stalin ist tot. Auf dem IV. Schriftstellerkongress im Januar 1956 hat Stefan Heym die einseitige ideologische Ausrichtung der Literatur kritisiert und Ulbricht öffentlich widersprochen. Ehrenburgs Roman "Tauwetter" ist erschienen, der den Jahren den Namen gibt. Der Gulag hat Erich Mühsams Witwe, Kreszentia, nach Berlin entlassen. Djacenko schreibt draußen in den Wäldern vor Berlin, wo er im Dorf Kolberg auf dem Sandberg über dem Wolziger und Kutzingsee eine Holzhütte besitzt. Was auf den Konferenzen und Kongressen in Berlin vor sich geht, kümmert ihn wenig. Er achtet darauf, dass das halbe Dutzend Bleistifte im Wasserglas vor ihm immer nadelfein gespitzt ist. In den 2. Teil von "Herz und Asche" schreibt er eine Auseinandersetzung zwischen Pertuchow und dem Offizier Tirmulanow über den Gulag hinein. Tirmulanow hat den aus Frankreich in die Sowjetunion zurückgekehrten Ingenieur Lagin zu 15 Jahren Lager verurteilt und damit es keine Spuren gibt, seine Frau gleich mit verschwinden lassen. "Es gab viele Fälle, Pertuchow, da ich auch gegen Menschen vorgehen musste, die alles andere waren als Feinde unseres Staates .", sagt Tirmulanow.Djacenko traut der DDR solche Sätze zu. Kein anderer schreibt zwischen 1956 und 1957 ähnliche. Djacenko in Kolberg hat der DDR auch die Beschreibung einer Vergewaltigung zugetraut. Er traut ihr nicht zu, dass er das einfach so schreiben kann. Er kleidet die Tat in die umlaufenden Apologien ein. Hass und Wut über die Verbrechen der Deutschen treiben den Soldaten. Die Armee verurteilt ihn zum Erschießen und begnadigt ihn, denn er kommt aus der Blockadestadt Leningrad. So müsste es gehen, denken Djacenko, sein Verlag "Neues Leben", die "Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel" bei der Druckgenehmigung, die "Neue Berliner Illustierte" beim Vorabdruck. Sie alle sind Illusionisten. Seit der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes im Oktober 1956, wird auch in der DDR eine imaginäre literarische Konterrevolution gejagt. Der Verfasser Kuba hat auf dem 32. Plenum des ZK der SED gebellt: "Die Tragikomödie, in der Schriftsteller eine führende Rolle spielten, ist zu Ende . Ergo muss die Auseinandersetzung neu beginnen." Der Vorabdruck zündete den Sprengsatz.Der Parteiapparat ist wachsamer als Illustrierte, Verlag und Hauptverwaltung. Ein gewisser G. R. Fritz aus der Kulturabteilung des ZK erstellt am 18. Januar 1958 ein "Gutachten" das mit der Festlegung beginnt: "Nach einer eingehenden Überprüfung des mir übergebenen Umbruchexemplars des II. Bandes von Boris Djacenko Roman Herz und Asche bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass dieses Buch auf gar keinen Fall in der vorliegenden Form erscheinen kann.Ich mache darauf aufmerksam, dass in Anbetracht der Tatsache, dass die Neue Berliner Illustrierte Nr. 3 des Jahrgangs 1958 mit dem Vordruck des II. Bandes begonnen hat, schnellstens Handeln geboten ist, um zu verhindern, dass die Hauptverwaltung und der Verlag von der Öffentlichkeit auf eine erneute Panne aufmerksam gemacht werden müssen." Fritz offeriert einen seitenlangen Katalog von "Stellen" für "eine feindlich und schädliche Wirkung auf die Bewusstseinsbildung unserer Menschen . Hier wird die jahrelange Vergewaltigungs-Hetze der westlichen Schmutzpresse unterstützt bzw. bestätigt! . Über diese direkte Bestätigung der von ihnen propagierten Auffassungen von der Rolle und den Methoden der sowjetischen Sicherheitsorgane werden sich die westlichen Schreiberlinge bestimmt freuen!"Anfang Februar stellt die "Neue Berliner Illustrierte" den Vorabdruck mit der Lüge ein, der Autor habe das Manuskript zurückgezogen, da er es noch wesentlich umarbeiten wolle. Das Karl-Marx-Werk in Pößneck hat am 13. Januar den 2. Umbruch ausgedruckt. Die Bogen werden zu keinem Buch mehr gebunden. Der Schlag trifft Djacenko ohne Vorwarnung. In dieser Situation muss er sich an Strittmatter gewandt haben. Es gibt eine Antwort."Schulzendorf, den 17.II. 1958.Lieber Boris!Ich habe Dein Buch gelesen. Seit mein großer Sohn damals ausriss und seit Brechts Tod, hat mich nichts wieder so mitgenommen wie jetzt Dein Versagen.Bei unserem letzten Zusammensein hatte ich nach Deinem Reden den Eindruck, ich könnte vielleicht noch helfen. Wenn es sich ausschließlich um politische Fehler oder ideologische Fehler handeln würde, hätten wir streiten können; aber so können wir es für die nächste Zeit nicht. Du hast viel und gescheit zuweilen über Kunst geredet, aber hast in diesem Buch keine gemacht. Dieser zweite Band verhält sich zum ersten wie 70 zu 0. Ein Drittel Kolportage verwandter Schwulst, ein Drittel Philosophie, die in perfektes Objektivieren ausartet, was Höhe vortäuschen soll. Nur wenige Szenen gefallen mir und liegen etwa auf der Höhe der guten Szenen des ersten Bandes.Du kannst nicht so verblendet sein und glauben, dass Dir die ganze Welt nicht wohl will. Ich habe das Buch als Freund gelesen, auch ganz ohne Verbitterung darüber, dass Du keinem der Ratschläge, die ich Dir damals nach dem Lesen des ersten Drittels gab, berücksichtigtest.Ich frage mich: Was hast Du in den drei Jahren getan? Wie konntest Du so täuschen? Woher die Überheblichkeit? Woher die Haltung eines Vulkans - der zum Schluss Bimsstein gebiert?Aber Du kannst niemand verantwortlich machen. Die Gründe Deines Versagens liegen bei Dir selber. Es hat Dich niemand gehindert, Kunst zu machen. Sei froh, dass das Buch aus (übrigens berechtigten ideologischen Gründen) gestoppt wurde. Du hättest Dich mit ihm künstlerisch blamiert ."Djacenko erinnert Strittmatters Eindrücke anders. Die Sache sei heikel. Manches ist wirklich vordergründig erzählt, aber dass ein Autor sich künstlerisch blamiert, ist keine Sorge der Zensur. Es ist nur eine ihrer Maskeraden. Djacenko an Strittmatter:"Berlin-Adlershof, den 21.2. 58Vor etwa anderthalb Jahren hast Du über 300 Seiten der etwa 450 Seiten des Buches schon einmal gelesen. Abgesehen von einigen nicht sehr wesentlichen Bemerkungen und Einwänden (ich habe sie aufbewahrt) warst Du damals von dem Gelesenen mehr als nur angetan. Und heute ist es Schwulst, Kolportage, vorgetäuschte Höhenphilosophie."Über Djacenko ist längst entschieden, als der Vorstand des "Deutschen Schriftstellerverbandes" ihn für den 1. April zu einer "Aussprache" einlädt. Ein kleiner Schauprozess ist programmiert. Djacenko hat sich für die "Aussprache" ein Konzept mit dem Schlusssatz gemacht: "Also stehe ich zu dem Buch, wie ich es geschrieben habe, aber da nichts so gut gemacht werden kann, dass man es nicht besser und richtiger machen könnte, bitte ich um Ihre Bemerkungen." In der Presse steht später: "Der geschäftsführende Vorstand ist der Auffassung, dass das Manuskript dieses Bandes historisch unwahr und künstlerisch unzulänglich ist. Der geschäftsführende Vorstand hält dieses Manuskript für schädlich und ist gegen seine Veröffentlichung." Die Autorenvertreter verlangen auch gleich noch zusätzlich Zensur von der Zensur: "Der geschäftsführende Vorstand missbilligt, dass das Lektorat des Verlages Neues Berlin die Entwicklung dieses politisch fehlerhaften Manuskriptes gefördert und die Hauptverwaltung Verlagswesen des Ministeriums für Kultur die Druckgenehmigung erteilt hat."Um seine Haut intakt zu halten, testet Djacenko, wie weit er sich mit der Zensur einlassen kann. Die Zensur spricht mit ihm und setzt auf seine Zermürbung. Sie führt über den Verlag "Neues Leben" ein Jahr lang sich im Kreis drehende Gespräche mit ihm, bis Djacenko einen Brief schreibt, "damit keine verschiedenen Deutungen meines Standpunktes in Zukunft auftreten". Er verbittet sich besonders ein Hineinreden, das bis in Einzelheiten geht. Werde das nicht akzeptiert, erübrige sich jede weitere Diskussion. "Ich hoffe jedoch, dass es nicht dazu kommen wird." Auch verlangt er ein Drittel des Honorars, das er für ein neues Buch bekommen würde. Der Verlag "Neues Leben" zahlt dem Autor Geld und stellt ihn im November 1959 unter ideologisches Kuratel. "Das neue überarbeitete Manuskript ist so zu gestalten, dass bei den jungen Lesern der DDR die Liebe zur Sowjetunion und die Achtung vor den Leistungen der Sowjetarmee vertieft wird."Der FDJ-Verlag und der Autor kommen zu keinem Ergebnis. "Herz und Asche" wird 1961 an den "Mitteldeutschen Verlag" in Halle weitergereicht. Sein Cheflektor, Dr. Bär, schreibt dem neuen Autor im Oktober einen Brief, über den Djacenko sich beim Verlagsleiter beschwert. "Darin teilte Bär mir mit, er habe bei der Bewertung des Manuskriptes Herz und Asche II. Teil maßgebliche Beurteiler herangezogen. Er wolle die schwierige Angelegenheit zu einem guten Abschluss bringen. ( Gut aber heißt, dass wir, nachdem vieler Augen auf die neue Fassung sehen werden, und zwar auch solche, die über die Kritik hinaus argwöhnisch sind. ) Was der Satz bedeuten soll, überlasse ich der Deutung seines Urhebers. So viel möchte ich aber mit aller Deutlichkeit feststellen: mich als Autor des Mitteldeutschen Verlages gehen weder irgendwelche Beurteiler an, noch irgendwelche Augen, die über die Kritik hinaus argwöhnisch sind ."Djacenko kämpft mutig wie Kohlhaas. Er schreibt weiter Briefe. Kündigt juristische Konsequenzen an. Droht dem Mitteldeutschen Verlag am 23. November 1961 mit "verantwortlichen Funktionären des Staates", die ihn in seinen Bemühungen unterstützen würden, "falls ich diese Unterstützungen brauchen sollte". Heiner Müller verfasst eine Woche später wegen der verbotenen "Umsiedlerin" eine "Selbstkritik". "Isoliert von der Partei verstand ich ihre Kritik nicht ." Manchmal ist Müller ein großer Pragmatiker. Manchmal ist Djacenko ein großer Fantast.1963 ist Djacenko der Auseinandersetzungen müde. Im Februar 1963 wischt er in einem Brief an den Mitteldeutschen Verlag die ganze scheißängstliche Zensur weg. Es gibt, schreibt er, "für jedes Buch nur ein wahrhaftes, dauerhaftes, gültiges Kriterium. Die Stimme des Lesers. Über dieses Kriterium hat sich noch nie ein Buch hinweggesetzt und selbst wenn es Bücher gäbe, die Götter mit höchstem Entzücken, Lastträger, Lehrer, Straßenbahnfahrer aber mit Gleichgültigkeit lesen würden, dann wäre solch ein Buch auf Erden so tot wie ein ausgestopfter Papagei." Und dann lässt er aus Boris Djacenko Peter Adams werden. Peter Adams ist ein fleißiger Krimischreiber. Sein erstes Buch heißt "Das geborgte Gesicht". Ein halbes Dutzend wird zusammenkommen.Sonst sitzt Djacenko im Steingemäuer seiner Garage in Kolberg und schreibt Stücke und säuft. Kolberg kennt andere Schriftsteller noch. Hans Scholz, der "Am Grünen Strand der Spree" schreibt und Bilder aus der Gegend malte. Den Dramatiker Alfred Matusche. Bieler, Panitz, Katja Lange - Müller. "Auf einem Berg aus Sand wohne ich ." schreibt Henryk Bereska über das stille Kolberg. Das Laute lag ein paar Dutzend Meter von Djacenko entfernt und hieß "Ferienobjekt des VEB Leuchtenbau Lengefeld". Am Wochenende brüllten Lautsprecher Tanzabende. Ältere Werktätige sangen gelegentlich Lieder "Sie war das allerschönste Kind, das man in Polen find " oder "Schwarzbraun ist die Haselnuss. Holdrio, juvivalera. Ha ha ha!". Da draußen war Djacenko mein Nachbar.Nach langen Perioden der Enthaltsamkeit trank er heftig. Manchmal erzählte Djacenko, er habe sich das Saufen als junger Mann auf einem Lachsfänger in der Ostsee angewöhnt, wegen der Kälte. Eine seiner vielen Legenden. Tiefe Temperaturen machten ihm wenig zu schaffen. Die Seen in der Umgebung durchschwamm er bis in den November. Kälte vertrug er. Lebenskälte nicht. In einem seiner wenigen aufgeführten Stücke, der Komödie "Doch unterm Rock der Teufel", sagt der Bauer Bogdan: "Ich habe das Leben satt, es sind mir zu viele Widersprüche drin." Kraftstrotzend und verzagt war der Mann. Ein anspruchsvoller Schreiber und Produzent von Nebensächlichem. Die meisten kannten nur einen Djacenko. Er kannte alle. Seine beständige Frage war eine windige Frage. Was denn der Sinn sei des "unnennbar kurzen Augenblicks, der das Leben heißt?". Seine Stücke sind wilde geniale Sachen die "Lern lachen, Lazarus" oder "Die heilige Jungfrau der Roten Empfängnis" heißen. Groteske Spektakel des Stalinismus. Kein anderer schreibt sonst so etwas. Von keinem anderen liegt so etwas herum. "Spräche ich die Wahrheit aus, was ohnehin alle wissen, könnte ich mit geschlossenen Augen durch ganz Brutsk laufen, ich würde nie mit jemandem zusammenstoßen", sagt einer seiner Tollen im "Lazarus". Die Exekution des Boris Djacenko scheint gelungen.Aus Peter Adams wird 1974 noch einmal Boris Djacenko. Er schreibt den Partisanenroman "Angriff der Sonnenblumen" ein ganz und gar unheroisches, ungewöhnliches Buch, das er in alle Richtungen verschenkt. Ein Exemplar bekommt Strittmatter. Djacenko würde Strittmatter jetzt gern wieder sehen. Strittmatter schreibt ihm einen Brief."Dollgow, den 16.11.1974. Zu dem Buch gratuliere ich Dir. Es fügt sich in jene Deiner Arbeiten ( Schwalbenkonstrukteur und Herz und Asche I. Teil), die Du schriebst, als wir einander noch nahe waren. Ich sage Dir nur zu gern, dass Angriff der Sonnenblumen mit größerer philosophischer Reife geschrieben ist als die alten Arbeiten, die ich nannte. Wie sollte das aber auch nicht so sein? Wir hatten inzwischen 15 Jahre Zeit ein wenig zu reifen und dies und das einzusehen, anzuerkennen oder abzulehnen .Gesetzt den Fall, wir kämen heute zusammen, so würdest Du auf einen Erwin stoßen, der nicht mehr diskutieren würde, der Dir also nichts zu sagen hätte. Es würde Dich reizen, vielleicht zu Beschimpfungen hinreißen und was immer.Ich habe wenig von dem vergessen, was uns einst verband, und was wir in der Esmarchstraße, in Schmalenberg und anderswo erlebten. Ich möchte, dass meine Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit so bleiben, wie sie sind, nämlich gut. Ob sie das blieben, wenn wir wieder zusammenträfen ist für mich fraglich .Dein alter Erwin."Djacenko stirbt im April 1975 in Berlin allein hinter seiner Wohnungstür. Strittmatter schreibt 1980 in den Wundertäter III. eine Vergewaltigungsszene hinein. Es existiert ein in graues Leinen gebundenes Exemplar der Druckfahnen von HERZ UND ASCHE Teil zwei. In einer Kurve der Ringstraße in Kolberg ist Djacenko einmal, seiner nicht ganz Herr, 1958 mit einer Kiefer kollidiert. Die Wunde im Holz ist fast völlig überwachsen.Erwin Strittmatter // Ich frage mich: Was hast Du in den drei Jahren getan? Wie konntest Du so täuschen? Woher die Überheblichkeit? Woher die Haltung eines Vulkans - der zum Schluss Bimsstein gebiert?Boris Djacenko // Vor etwa anderthalb Jahren hast Du über 300 Seiten der etwa 450 Seiten schon einmal gelesen. Abgesehen von einigen nicht sehr wesentlichen Bemerkungen und Einwänden warst Du damals von dem Gelesenen mehr als nur angetan.Djacenko hatte in seinem Roman gewagt, Dinge zu beschreiben, die noch in keinem DDR-Buch gestanden hatten.EDITH RIMKUS, LIERSCH Fotos.ULLSTEIN Nachkriegsszene in Berlin: Zwei Sowjetsoldaten belästigen eine junge deutsche Frau.

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