"Wer kennt diese Frau?" 44 Jahre sind vergangen, seitdem die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) in ihrem Ermittlungsdienst das Bild einer "Erna Dorn" veröffentlichte und sie beschuldigte, in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Zwotka als Angehörige der Lagerpolizei Häftlinge geschlagen zu haben. Die VVN wollte die Identität der "Erna Dorn" und ihre Rolle in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur klären. Noch heute aber, nach mehr als vier Jahrzehnten, wissen wir über das Leben der "Erna Dorn" vor Dezember 1945 genauso wenig wie damals.Und doch ist sie zugleich eine "Berühmtheit" geworden. Unter der Bezeichnung "Die Kommandeuse von Ravensbrück, Erna Dorn alias Rabestein, das Rabenaas", wurde sie nach dem 17. Juni 1953 von der antifaschistischen Geschichtsmythologie der DDR zu einer der abschreckendsten historischen Figuren stilisiert. Am 1. Oktober 1953 starb sie in Dresden unter dem Fallbeil.Die Geschichte beginnt im Winter 1945. In Halle an der Saale taucht eine blonde, etwa 35jährige Frau auf. Sie weist sich aus mit einem Entlassungsschein des Konzentrationslagers Hertine. Sie sagt, daß man sie zusammen mit ihrem Vater und ihrem Ehemann 1940 verhaftet habe. Vater, Mutter und sie seien bis 1933 KPD-Mitglieder gewesen. Sie sei seit dem 25. Juli 1940 in den KZ Ravensbrück, Lobositz und Hertine in sogenannter Schutzhaft gewesen. Dem Papier nach heißt sie Erna Brüser, geborene Scheffler. Als Geburtsort ist Königsberg Cranz angegeben, als Datum der 28. August 1913. Ihr Ehemann Erich Brüser, so berichtet die junge Frau, sei ein kommunistischer Funktionär gewesen, der 1943 im KZ Sachsenhausen umgekommen ist. Ihre zwei Kinder seien verschleppt, ihr Vater wäre 1943 in Auschwitz umgebracht worden. Die Hundeführerin Kurz vor Jahresende 1945 heiratet die Frau in Halle den Altkommunisten und Spanienkämpfer Gewald. Jetzt stellt sie als Frau Gewald, verwitwete Brüser, geborene Scheffler, mehrere Anträge auf Anerkennung als "Opfer des Faschismus". Im August 1948 soll sie als Zeugin in einem Prozeß gegen Gertrud Rabestein aussagen. Rabestein wird beschuldigt, als Hundeführerin im KZ Ravensbrück brutal gewütet zu haben. Doch Frau Gewald vermeidet es, als Zeugin aufzutreten. Sie entschuldigt sich mit einem Hinweis auf ihre baldige Niederkunft. Gertrud Rabestein wird zu lebenslanger Haft verurteilt.Bald beschäftigt Frau Gewald selbst die Justiz. Ende 1949 wird sie wegen Betrugs festgenommen und zu elf Monaten Haft verurteilt. Von ihrem Mann ist sie bereits geschieden. Wenige Wochen nach der Haftentlassung wird Frau Gewald im Januar 1951 erneut wegen krimineller Delikte festgenommen und später zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.Im März 1951 bittet die Frau im Gefängnis darum, noch einmal durch die Staatsanwaltschaft vernommen zu werden. Dann sagt sie, daß sie den Behörden bislang eine falsche Identität vorgetäuscht habe - um zu verbergen, daß sie einst für die Gestapo arbeitete. Nun will sie als Erna Kaminski geboren worden sein. Und zwar im Juli 1911 in Tilsit.Ihre Zelle wird jetzt ausgehorcht, Informanten auf sie angesetzt. Fieberhaft beginnen Volkspolizei und VVN zu ermitteln. Die Spitzel melden, daß die Gewald im Gespräch von geheimen Waffenlagern und Vorbereitungen berichtet hätte, die Buna-Werke in die Luft zu sprengen. Nach und nach zeichnet Frau Gewald ein Bild umfangreicher Agententätigkeit, in der auch ihr Vater und ein SS-Mann namens Erich Dorn, den sie 1938 geheiratet hätte, eine zentrale Rolle spielen. Zu diesem Zeitpunkt muß sie sich auch bereits selbst beschuldigt haben, Aufseherin in Ravensbrück gewesen zu sein. Denn seit April 1951 schickt der VVN-Ermittlungsdienst Fotos der Gewald an ehemalige Häftlinge aus Ravensbrück mit der Bitte, die abgebildete Frau zu identifizieren, da diese "sich widersprechende Angaben über ihre Vergangenheit mache, die sie täglich im Verhör widerruft. Jeden zweiten Tag heißt sie anders."Im April 1951 stellt die Untersuchungsbehörde fest, daß alle Ermittlungen im Fall Gewald negativ verlaufen seien. Anfang November 1951 wird Frau Gewald anläßlich einer Weihnachtsamnestie vorzeitig aus der Strafhaft entlassen. Ende des Monats aber wird sie erneut verhaftet. Nunmehr unter dem Vorwurf, als KZ-Aufseherin in Ravensbrück Verbrechen begangen zu haben und nach 1945 unter falschem Namen untergetaucht zu sein. Ihr Foto und ihre Selbstbezichtigungen bezüglich der Zeit im KZ Ravensbrück werden nun im VVN-Ermittlungsdienst veröffentlicht. Es melden sich Frauen, die einst als sogenannte Asoziale in Konzentrationslager gesteckt worden waren und später in Gefängnissen der DDR mit Frau Gewald in einer Zelle saßen. Sie beschuldigen sie, KZ-Aufseherin gewesen zu sein.Das MfS hält die Zeugenaussagen allerdings für so unglaubwürdig, daß sie im ersten Prozeß gegen Frau Gewald nicht verwandt werden. Gegenüberstellungen mit Frauen, die als "Politische" die Hölle von Ravensbrück überlebt hatten, führen zu der absurden Situation, daß zwar Frau Gewald erklärt, die ihr gegenübergestellte Person aus Ravensbrück zu kennen und gar mit einer "per Du" gewesen zu sein. Doch diese "Duz-Freundin" erklärt wiederum, weder die Frau Gewald/Dorn je gesehen noch den Namen Erna Dorn je gehört zu haben.Im Juni 1952 überrascht Frau Gewald die Staatsanwaltschaft mit einer weiteren, völlig veränderten Biographie. Jetzt will sie "Erna Köhler, geb. Kecker" heißen und gibt an, nie in Ravensbrück oder Lobositz, wohl aber in Auschwitz gewesen zu sein. Im Mai 1953 wird Frau Gewald vom Bezirksgericht Halle ausschließlich auf der Grundlage ihrer Selbstbezichtigung zu 15 Jahren Haft verurteilt. Als am 17. Juni 1953 in Halle die Frauen-Haftanstalt gestürmt wird, kommt auch Frau Gewald frei. Sie soll, so heißt es später, eine hetzerische Rede vor Demonstranten auf dem Hallmarkt gehalten haben. Einen Tag später ist sie wieder in Haft.Innerhalb von drei Tagen wird eine Anklageschrift geschrieben und Frau Gewald vom Bezirksgericht Halle am 22. Juli als "faschistische Rädelsführerin" des Putsches in einem nichtöffentlichen Verfahren zum Tode verurteilt. Begleitet wird dieser "Schauprozeß", der als Schauprozeß allerdings nur in der Presse geführt wird, durch eine Medienkampagne, die seit dem 20. Juni 1953 von Tag zu Tag bösartiger wird. Frau Gewald wird die Biographie der bereits 1948 verurteilen Gertrud Rabestein untergeschoben; ehemalige Häftlinge aus Ravensbrück fordern im "Neuen Deutschland" unter Hinweis auf Verbrechen, die "Erna Dorn alias Rabestein" begangen haben soll, die Todesstrafe.Die soeben zur neuen Justizministerin berufene Hilde Benjamin holt sich vom ZK-Apparat die Einwilligung zum Justizmord. Das MfS bemüht sich weiterhin zu ermitteln, wer da soeben zum Tode verurteilt wurde. Doch die Ermittlungen bleiben ergebnislos. Am 1. August meldet das MfS: "Es stellt sich heraus, daß alles von der Dorn wie bisher erschwindelt ist und nicht der Wahrheit entspricht." Das heimliche Oberste Gericht der DDR, das Politbüro, beschließt am 8. September den Vollzug der Todesstrafe. Frau Gewald wird am 1. Oktober 1953 hingerichtet.Stephan Hermlin schreibt seine antifaschistische Novelle "Die Kommandeuse", in den Geschichtsbüchern vor und nach der Wende wie in den Köpfen legendentreuer Antifaschisten lebt jene Frau weiter, von der wir bis heute nur sicher wissen, daß sie ab dem 28. Dezember 1945 den Familiennamen Gewald trug. Ergebnislose Suche Wo immer ab 1990 recherchiert wurde - im Berliner Document-Center mit seinen Millionen Unterlagen über SS- und NSDAP-Mitgliedschaften, in Kirchenbüchern aus Tilsit, in Gestapo-Stellenplänen oder in den heute vom Bundesarchiv verwalteten Akten des Reichsicherheitshauptamtes aus ehemals russischen Beschlagnahmebeständen -, nirgends stößt man auf eine Ravensbrücker Wärterin Erna Dorn, die seit 1934 NSDAP-Mitglied und Gestapo-Mitarbeiterin gewesen sein soll. Und gleichermaßen ergebnislos bleibt die Suche nach einem SS-Aufseher Erich Dorn (der angebliche Ehemann) oder einem Königsberger Gestapo-Mitarbeiter Kaminski (der angebliche Vater). Eine Liste ehemaliger Mitarbeiterinnen der politischen Abteilung des KZ Ravensbrück - 1945 von der langjährigen Oberaufseherin Langefeld anläßlich von Vernehmungen durch amerikanische Ermittler erstellt und heute im National Archiv, Washington DC, einzusehen - enthält den Namen Erna Dorn nicht.Aus durchsichtigen propagandistischen Gründen ließen leitende SED-Genossen nach dem 17. Juni 1953 einen Justizmord an einer Frau vollziehen, über deren Leben und Identität vor 1945 nichts bekannt war. Die 1952 gestellte Frage ist auch heute noch offen: "Wer kennt diese Frau?" Literatur zum Fall "Erna Dorn": Falco Werkentin: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht. Verlag Ch. Links, Berlin 1995. Jens Ebert, Ina Eschebach (Hg.): "Die Kommandeuse". Erna Dorn zwischen Nationalsozialismus und Kaltem Krieg. Dietz Verlag, Berlin 1994. +++