Christian Kämmerling spricht von einem "Attentat". Und von "Sabotage". Die Botschaft ist klar: Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung", sagt er, der die Redaktion des Heftes seit Sommer 1996 zusammen mit Ulf Poschardt leitet, habe keine Chance gehabt, die Wahrheit über Tom Kummers gefälschte Interviews mit Hollywood-Stars herauszufinden. Man sei dem Fälscher ausgeliefert gewesen und ebenso wie die gesamte Medienbranche und die Öffentlichkeit erstaunt über das Ausmaß der Vorwürfe. Seit einer Woche sind die Vorwürfe nun publik, und die "Süddeutsche Zeitung" gerät mehr und mehr in Erklärungsnot. Eine der zentralen Fragen ist, ob die Chefredaktion des SZ-Magazins nicht doch all die Jahre mehr wusste, als sie bislang zugegeben hat: Als "Focus" dem Magazin vergangene Woche vorwarf, der freie Schweizer Korrespondent in Los Angeles habe mindestens seine Interviews mit den Filmstars Sharon Stone, Kim Basinger, Brad Pitt und Courtney Love frei erfunden, reagierte die Chefredaktion des SZ-Magazins mit einer Pressemitteilung. Man verwahre sich "in aller Form gegen den ,Fälscherverdacht , erfundene Interviews . wissentlich abgedruckt zu haben." Sobald man im April 1999 Verdacht schöpfte, habe man sich sofort von Kummer getrennt."Ich war der Radikalste"Nun hat sich Tom Kummer gegenüber dem "Spiegel" zu Wort gemeldet. Auf die Frage, ob den Chefs des Magazins seine Montagetechnik bekannt war, sagte er: "Ich war der radikalste Vertreter des Borderline-Journalismus, und das war, glaube ich, jenen klar, die mich zum Markenzeichen ihrer Publikation gemacht haben." Dass Kummer den Vorwurf an seine Auftraggeber weitergeben würde, überrascht nicht. Immerhin steht ihm eine juristische Auseinandersetzung bevor, in der es um 70 000 Mark Spesen geht, die er neben seinem Honorar für "Recherchen" geltend gemacht hat.Zweifel an der Unwissenheit von Ulf Poschardt und Christian Kämmerling ergeben sich aber auch aus einem - der "Berliner Zeitung" vorliegenden - Brief des ehemaligen SZ-Magazin-Redakteurs Detlev Reinert. "Alles, was bislang über diesen Fall geschrieben wurde, ist nur der Anfang, weil nur ein Bruchteil der Wahrheit", schreibt Reinert, heute stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift "GQ", darin an Hans Werner Kilz, den Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung". Während seiner viereinhalbjährigen Tätigkeit von 1992 bis 1996 als zuständiger Redakteur für Musik, Film, Buch, Essen & Trinken und Reise sei regelmäßig über Tom Kummer geredet worden - auch in den Redaktionskonferenzen. "Die Einwände gegen ein Engagement von Tom Kummer waren von Seiten der Redaktion immer fundamental. Die komplette alte Redaktion wird dies bestätigen können, allen ist dies erinnerlich." So habe die Ex-Redakteurin Susanne Schneider der Redaktion von einer gefälschten, komplett abgeschriebenen Mexiko-Reportage ihres Ex-Kollegen Kummer in "Tempo" berichtet. Er selbst habe Kämmerling "seit 1993 eindringlich darauf aufmerksam gemacht, dass Tom Kummer mit allen Interview-Kandidaten auf seinen Vorschlaglisten nachweislich nie geredet hatte". Bis zum Weggang des ehemaligen Magazin-Chefs Andreas Lebert sei es ihm, Reinert, gelungen, "diese völlig frei erfundenen Machwerke zu verhindern", weil Lebert mehr auf die Redaktion gesetzt habe. Nach dem Wechsel in der Chefredaktion 1996 habe Poschardt Kummer "entdeckt". Ein von Reinert "mühevoll ausgehandeltes, langes" Interview mit dem Musiker Phil Collins sollte nun plötzlich Tom Kummer führen. Auch in einem langen Streit-Gespräch hätten sich die beiden Chefredakteure nicht von ihrer Idee abbringen lassen. Er habe sich daraufhin geweigert, Kummers Text zu bearbeiten. Er sei dennoch erschienen. Collins, der zuvor auf das Autorisieren verzichtet habe, sei "stinksauer" gewesen und habe sich beklagt, dieses Interview "nie in dieser Form" gegeben zu haben. Die beiden Pressebetreuerinnen der Plattenfirma WEA seien entlassen worden; WEA habe die Zusammenarbeit mit dem Magazin auf unbestimmte Zeit gekündigt. "Nie hatte ich den Eindruck, dass die beweisbaren und schwer wiegenden Tatsachen gegenüber Tom Kummer beide sonderlich interessierten", schreibt Reinert über Poschardt und Kämmerling. Der Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", Hans Werner Kilz, wollte zu den neuen Vorwürfen gestern nicht Stellung nehmen und verwies auf die juristische und redaktionelle Unabhängigkeit des SZ-Magazins. Alle Nachfragen seien bitte an dessen Chefredaktion zu richten. "Es gab keine Verdachtsmomente außer gelegentlichen Diskussionen", beharrt Kämmerling. "Jetzt kommt jeder, hat jeder etwas gewusst. Es ist absurd." Er dementiert Reinerts Vorwürfe pauschal und sagt: "Dieser Brief ist Schmuddelkram. Das ist die unterste Stufe. Ich habe ihn sofort weggeschmissen." Er sei das Werk eines einzelnen Ehemaligen, der im Streit gegangen sei - "nicht der Rede wert".Eines einzelnen Redakteurs? Man habe bereits in den frühen 90er-Jahren des Öfteren über Kummer in der Redaktion gesprochen, bestätigt Ulrich Brenner, der unter Lebert zusammen mit Kämmerling als einer von zwei stellvertretenden Chefredakteuren fungiert hat. "Dabei ging es immer um die angeblich unseriöse Arbeitsweise von Kummer." Er, Brenner, könne sich allerdings nicht erinnern, dass der Verdacht auch in der Chefredaktion Thema gewesen sei. Interne Diskussionen und Gerüchte über Kummers unsaubere Arbeitsweise bestätigt auch die Ex-Redakteurin Christiane Grefe. Ex-Redakteurin Carolin Schuhler, die heute als Textchefin der "Vogue" arbeitet, sagt, sie habe Poschardt 1996 auf Ungereimtheiten im Interview mit Sharon Stone aufmerksam gemacht, etwa auf Versatzstücke aus anderen Interviews und auf ungewöhnlich offene Antworten zu Fragen, auf die Sharon Stone sonst stets ablehnend reagiert habe. Vergiss deine Zweifel, habe Poschardt sinngemäß gesagt, Kummer sei gut. Der ehemalige Chefredakteur Andreas Lebert sagt, während seiner Amtszeit habe es "nicht den geringsten Grund gegeben zu zweifeln, dass das echt war. Wenn ich gewusst hätte, dass das gefaked war, hätte ich nichts gedruckt. Ausgeschlossen." Sollten sich die Vorwürfe erhärten und die Kollegen das tatsächlich gewusst haben, fühle er sich von ihnen getäuscht. Die neuen Vorwürfe treffen die "Süddeutsche Zeitung" zu einem Zeitpunkt, den das Wort ungelegen nur unzureichend beschreibt. Denn der Süddeutsche Verlag überlegt, das Magazin als eigenständiges Heft an den Kiosk zu bringen. Die Chefredaktion habe der SV-Geschäftsführung vier unterschiedliche Konzepte vorgestellt, berichtete Kämmerling dem Werbefachblatt "Werben und Verkaufen". "Alle vier sehr gut, sehr innovativ, sehr radikal." Nun liegen die Pläne erst mal auf Eis. "Wir sind ein kleiner Laden", sagt Kämmerling. "Die Sache mit Kummer lähmt uns. Wir haben Mühe, die aktuellen Hefte zu produzieren. Für mehr reicht unsere Energie derzeit nicht." Montag war Ulf Poschardt nicht in der Redaktion erschienen. Für den heutigen Dienstag haben die Verlagsgesellschafter ein außerordentliches Treffen einberufen.SZ-MAGAZIN "Bruchteil der Wahrheit" // "Es gab keine Verdachtsmomente außer gelegentlichen Diskussionen. Jetzt kommt jeder, hat jeder etwas gewusst. Es ist absurd. " Christian Kämmerling Chefredakteur des SZ-Magazins "Alles, was bislang über den Fall geschrieben wurde, ist nur der Anfang, weil nur ein Bruchteil der Wahrheit. " "Ich selbst habe Kämmerling seit 1993 eindringlich darauf aufmerksam gemacht, dass Tom Kummer mit allen Interview-Kandidaten auf seinen Vorschlaglisten nachweislich nie geredet hatte. " Detlev Reinert, ehemaliger Redakteur des SZ-Magazins, heute stellv. Chefredakteur der Zeitschrift GQ Das Magazin der Süddeutschen Zeitung DTV Tom Kummer lieferte Interviews, die er so nie geführt hatte. Auch er behauptet, dass den SZ-Verantwortlichen seine Arbeitsweise bekannt war.