BERLIN, 25. April. Es war selten so schön, Carl Lewis siegen zu sehen, wie an jenem Juliabend des Jahres 1996 in Atlanta/Georgia. Damals feierte der lange Jahre als arrogant, geldgierig und exaltiert geschmähte Lewis Versöhnung mit dem amerikanischen Publikum. Bei den Olympischen Sommerspielen 1984 in Los Angeles hatten sie ihn trotz seiner vier Goldmedaillen noch ausgebuht. "Das ist zwölf Jahre und sechzehn Frisuren her", sagte Lewis in Atlanta, nachdem er seinen insgesamt neunten Olympiasieg errungen hatte, den vierten im Weitsprung in Folge. Die Menschen huldigten ihm, als er wie ein Fünfjähriger wild und ausgelassen durch das Stadion hüpfte. Kurz zuvor hatte er seine härtesten Kontrahenten noch scherzhaft angefleht, sie mögen den Wettkampf endlich beenden: "Ich verspreche euch, dass ihr mich danach nie wieder seht." Carl Lewis ist dann doch noch eine Weile um die Welt getingelt. Als lebendes Denkmal. Dann ward er nicht mehr gesehen.Dokumente an den IOC-SponsorDoch plötzlich, knapp sieben Jahre nach seinem letzten großen Wettkampf, ist King Carl wieder interessant. Natürlich hatte es in all den Jahren immer wieder Doping-Gerüchte um Lewis gegeben. Überführt aber wurde er nie. Zumindest nicht offiziell. Seit der vergangenen Woche weiß man es besser. Wade Exum, langjähriger Doping-Kontrolleur des amerikanischen Olympiakomitees USOC, hat ausgepackt und Dokumente auf 30 000 Seiten an die Zeitschrift Sports Illustrated verkauft - ausgerechnet an einen der Sponsoren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), was die Sache noch delikater macht. Exum weist nach, dass zwischen 1988 und 2000 die positiven Dopingtests von mehr als 100 US-Athleten systematisch vertuscht worden sind. Betroffen sind 19 olympische Medaillengewinner. Mindestens, darf man wohl sagen, ungeachtet dessen, dass die Los Angeles Times am Freitag mit anderen Dokumenten aufwartete, die beweisen sollen, dass Lewis bei den US-Olympia-Ausscheidungen 1988 in Indianapolis doch nicht gedopt gewesen sein soll. That s America. Man muss darauf nicht sehr viel geben, amerikanische Journalisten haben ihre Sport-Idole noch immer beinahe kollektiv zu verteidigen gewusst. In anderen Teilen der Welt genießen die USA dagegen in der Frage der Doping-Bekämpfung längst den Status eines Schurkenstaates, um diesen Terminus eines bedeutenden Amerikaners aufzugreifen.Es sind seit Jahren die Amerikaner, die etwa die Bemühungen um einen weltweit harmonisierten Anti-Doping-Code, wie er im März auf der Weltkonferenz in Kopenhagen verabschiedet wurde, scharf torpedieren. Richard Pound, kanadischer Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), weiß schon, warum er die Vereinigten Staaten immer wieder mahnt. Auch Pounds Gefolgsmann Arne Ljungqvist (IOC-Mitglied aus Schweden), einer der verdienstvollsten Dopingbekämpfer weltweit, hat die Amerikaner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gerade erneut gerügt.Die Enthüllungen des Wade Exum direkt aus der Konzernzentrale des USOC sind ein wichtiges Teil im Puzzle, die Sportgeschichte endlich auch auf der anderen Seite des Ozeans besser und ehrlicher beschreiben zu können. Diesseits des Atlantiks gab es, etwa in der DDR, ein staatlich sanktioniertes Betrugsprogramm, Stasi-Aufzeichnungen, Doping-Forschungsarbeiten und zahlreiche Doping-Prozesse. Jenseits des Atlantiks blieben der Öffentlichkeit solche Dokumente bislang verborgen. Jedoch hat es im Laufe der Jahre bereits zahlreiche hochkarätige Zeugenaussagen gegeben, nachzulesen etwa in den Abschlussberichten zweier spektakulärer Untersuchungsausschüsse: Dem so genannten Dubin-Report zum Dopingfall Ben Johnson in Kanada (1990) und dem Biden-Report in den USA (1989). Nachzulesen auch im Bericht des kanadischen Rechts-Professors Richard McLaren (Universität von London/Ontario), der sich mit jenen dreizehn positiven Fällen von US-Leichtathleten befasste, die kurz vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney verschwiegen worden sind. Mindestens einer dieser Athleten gewann in Sydney eine Medaille.Andere Enthüllungen sind aber auch dem ehemaligen USOC-Chefarzt Robert Voy zu verdanken. Voy beschrieb schon 1991 in seinem Insider-Report "Drogen, Sport und Politik" die Arbeitsweise des USOC, des reichsten Olympiakomitees der Welt (500 Millionen Dollar Einnahmen im vierjährigen Olympiazeitraum). Eindrucksvoll schilderte er am Beispiel der Panamerikanischen Spiele 1983 in Venezuela, wie das Vertuschungssystem funktionierte. Kurz vor jenen Spielen, einer Art amerikanischem Mini-Olympia, reiste eine USOC-Delegation nach Caracas, um die Bedingungen zu überprüfen. Olympiaarzt Daniel Hanley entdeckte dort im Dopinglabor ein neues Prüfgerät des Kölner Analytikspezialisten Manfred Donike: Eine hochmoderne Apparatur zur gaschromatografischen Rückbestimmung vieler verbotener Substanzen, inklusive Anabolika und Testosteron. Ein Teufelsding, das die Welt noch nicht gesehen hatte. Sofort waren die Amerikaner alarmiert.Beim USOC gerieten sie in Panik und sorgten sich vor allem um ihre mit Muskeldrogen hochgezüchteten Gewichtheber und Leichtathleten. Also verfügte USOC-Direktor Don Miller einen Sicherheitscheck nach dem Vorbild der so genannten Ausreisekontrollen, die auch anderswo Praxis waren: Die amerikanischen Sportler durften ihre eigenen Proben codieren und einschicken, um sich ein Bild von der Gefahr zu machen. Da die Zeit bis zu den Panamerikanischen Spielen jedoch schon sehr knapp geworden war, erfuhren viele Athleten ihre Testergebnisse erst, nachdem sie bereits ins Mannschaftsquartier in Caracas eingerückt waren. Prompt kam es zum Massen-Exodus; allein zehn Leichtathleten flogen umgehend wieder heim. Die US-Gewichtheber aber blieben in Venezuela - und sie blieben auch teilweise einen Zentner unter ihren Saisonbestleistungen, aus einem einfachen Grund: Mit den Organisatoren war ausgehandelt worden, dass nur Medaillengewinner getestet werden. Nur einer, Jeff Mitchels, nutzte die Gunst der Stunde und räumte drei Goldmedaillen ab. Mitchels war ein Trottel. Kurz darauf musste er sie wieder hergeben, die Plaketten. Natürlich hatte Donikes Analysegerät Anabolikaspuren im Körper des Betrügers aufgespürt.Die DDR ließ ihre Sportler in Kreischa vor der Ausreise intern kontrollieren; die Sowjets führten diese Tests in Moskau durch; die Italiener missbrauchten das IOC-akkreditierte Labor in Rom; und auch die Amerikaner hatten nun ihre eigene Doping-Clearingstelle, wie man spätestens seit dem Frühjahr 1989 weiß. Damals leitete US-Senator Joseph R. Biden Jr. den Untersuchungsausschuss des Justizsenats zum Anabolikamissbrauch. Eine der von Biden vernommenen Zeugen war die Leichtathletiktrainerin Pat Conolly (einst selbst bei drei Olympischen Spielen aktiv). Sie beschrieb das US-Dopingvertuschungsprogramm so: "Sobald die großen Veranstaltungen anfingen, wussten die Athleten nicht nur, bei welcher Veranstaltung Kontrollen erfolgen würden, sondern auch in welchen Disziplinen, so dass sie diese Veranstaltungen meiden konnten." Laut Conolly hätten aus dem US-Olympiateam von 1984 mindestens ein Drittel aller Athleten anabole Steroide benutzt. Diese Schätzung dürfte wohl eher etwas zu klein geraten sein, doch immerhin. 1988 in Seoul hätten "mindestens 40 Prozent des Leichtathletik-Frauenteams Steroide in der Vorbereitung benutzt", sagte sie.1988, um dieses Jahr geht es auch in den Dokumenten des ehemaligen USOC-Offiziellen Exum. Bei jenen Trials in Indianapolis stellte die inzwischen verstorbene Florence Griffith-Joyner Fabel-Weltrekorde über 100 und 200 Meter auf. Sogar Ben Johnsons Trainer und Fachdoper Charlie Francis wunderte sich seinerzeit: "In nur einem Jahr brachte sie die geschichtliche Leistungskurve durcheinander. Ihre Zeiten waren dem Zeitplan 50 Jahre voraus."Unter EidGegenüber Richter Dubin gestand der amerikanische Doping-Guru Robert Kerr in Toronto, er habe 20 Medaillengewinnern der 88er Spiele von Seoul Steroide verschrieben. Olympiasiegerin Evelyn Ashford erklärte beinahe zeitgleich gegenüber dem US-Senator Biden, ihr seien zwei Goldmedaillengewinnerinnen persönlich als Doperinnen bekannt: "Wenn das IOC und das USOC den Kopf wegdrehen, gehören sie genauso bestraft für das Doping", sagte Ashford.Und wenn es doch einmal schief lief, wenn also trotz aller Vorwarnungen ein positiver Befund vorlag, fand man andere Wege. Vor der Biden-Kommission erläuterte die Sprinterin Diane Williams unter Eid, wie souverän sie nach den US-Trials für Olympia 1984 in Los Angeles freigepaukt worden war: Einer ihrer Manager sagte: "Ich solle mir keine Sorgen machen, er würde mit einem Anwalt reden, der meinen Fall vertreten würde. Ich erinnere mich, wie ich eine Woche später einen Brief von Dr. F. Don Miller bekam, dem Direktor des USOC, und darin stand: Liebe Miss Williams, ich freue mich, Ihnen versichern zu können, dass die Analyse Ihrer B-Probe negativ war.""Ich freue mich, Ihnen versichern zu können, dass die Analyse Ihrer B-Probe negativ war. " USOC-Direktor Miller.AP/THOMAS KIENZLE US-Muskelberge: Siegreiche Sprintstaffel bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney.