Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher erhält in diesem Jahr den Ludwig-Börne-Preis. Dafür kann Ludwig Börne (1786-1837) nichts, der arme jüdische Exilant, den man als einen der ersten deutschen Intellektuellen und Feuilletonisten bezeichnen könnte, wenn es diese Wörter im Vormärz schon gegeben hätte.Die anderen Beteiligten dagegen - der Preisträger, der Stiftungsrat und die einzige Jurorin Necla Kelek haben dem Publikum die Suppe eingebrockt. Schirrmacher kann die Ehrung durchaus auch als Strafe betrachten, denn es ist nicht jedermanns Sache, von Kelek ausgezeichnet zu werden oder einen Preis anzunehmen, den schon Henryk M. Broder erhalten hat. Kelek, Autorin populistisch islamkritischer Traktate wie "Die fremde Braut" oder "Die verlorenen Söhne" füllt im Schirrmacher-Feuilleton spielend eine halbe Zeitungsseite mit zwei oder drei Schlagworten in der Preislage von "Zwangsheirat" oder "Ehrenmord", ohne den geringsten Hinweis, dass das - wenn man über Kreuzberg hinausschaut - während Jahrhunderten Bräuche des europäischen Hochadels waren.Vorabdrucke in der BildHorizont ist auch eine Frage des Standorts. Insofern wird Schirrmacher die Ehrung vielleicht doch nicht als Strafe ansehen. Er selbst hat im weltläufigen Siegen mit einer Arbeit promoviert, die er 1987 in wenigen Monaten niederschrieb. Dank solcher Qualitäten im Durchdribbeln ist er "zum Klinsmann des deutschen Feuilletons" aufgestiegen, wie eine Zeitung schrieb. Andere nennen ihn "Windmacher".Den gibt Schirrmacher nicht nur in seinem eigenen Blatt. Wenn es mit rechten Dingen zuginge in der fünfköpfigen Herausgeberschaft der FAZ, dann müssten seine Kollegen es wenigstens als geschäfts- und rufschädigend betrachten, dass ihr Mit-Herausgeber seine Bücher in Springers Bild-Zeitung vorab drucken lässt.Vor ein paar Jahren entdeckte Schirrmacher, dass die Frauen dabei waren, die Republik zu übernehmen. Seine Beweiskette: Frau Mohn dirigiert den Medienriesen Bertelsmann, Frau Springer leitet das Boulevard-Imperium, Frau Unseld-Berkéwicz herrscht im Suhrkamp-Archipel und Frau Christiansen betreibt die größte Talk-Kirche. Angesichts dieser geballten Frauenmacht bliebe den Männern im Medienbetrieb eigentlich nur noch das Exil - etwa nach Nordkorea oder in den Vatikan. Aber Schirrmacher blieb und erklärte zuletzt den Stauffenberg-Film mit Tom Cruise zum Meisterwerk.Auch dass sich der schnelle Literaturwissenschaftler Schirrmacher vor der "Allianz"-Gruppe nebenher mal kurz zu "Investmentchance Demografie" äußert, verwundert nicht. Denn Schirrmacher ist immer dabei, wenn Geschichte gemacht wird. Am "Vorabend der Veröffentlichung des menschlichen Erbguts" durfte Schirrmacher mit dabei sein - beim "philosophischen Abendessen" (FAZ 13. 2. 2001) mit dem Biologen und Geschäftsmann Craig Venter und Peter Sloterdijk "Beim Chinesen" in Lyon. Schirrmacher war Zeuge, als Sloterdijk Venter zukunftsrettende Sätze über "Eltern" und "Großeltern", "Vietnam" und "Segelboote" entlockte. Die Spannung knisterte, und der Berichterstatter Schirrmacher notierte bebend Venters Sentenz: "Der Tod ist das Ende. Wir müssen unsere kurze Lebenszeit ausnutzen." Als Venter gestand, "ich bin keine Gottheit", klärte sich für Schirrmacher das letzte Welträtsel: "Unser Gespräch über die biologische Zukunft des Menschen ... klingt wie die Sprache des Genoms."Jünger, Kohl und MitterrandFür solche Frontberichterstattung lobte ihn der Literaturwissenschaftler Thomas Anz bei der Verleihung der "Goldenen Feder" (gestiftet vom Heinrich-Bauer-Verlag mit den intellektuellen Flaggschiffen Alles für die Frau, Maxi, Laura, Tina, Bella usw.). Anz meinte ironiefrei, Schirrmacher gelinge es, "alles, was er anfasst, in Gold, in ein historisches Ereignis . zu verwandeln."Und wie Frank "Midas" Schirrmacher das macht! Er war dabei, als sich Ernst Jünger, Helmut Kohl und François Mitterrand 1993 zum "Gipfeltreffen in Wilflingen" trafen. Und er spürte, "dass die Zeit über die Ufer tritt. Er kann ihr Rauschen vernehmen." Schirrmachers "Rauschen der Zeit" steigerte sich über Anz' "historisches Ereignis" zum "Rausch, höher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt" (Heinrich Mann).Nicht den Börne-, eher den "Laura"- oder "Tina"-Preis verdient der Goldmacher aus Frankfurt.------------------------------Foto: Um eine Ehrung reicher: der ausgezeichnete Frank Schirrmacher.