Der FDP-Chef Wolfgang Gerhardt über seine Kandidatur für den Parteivorsitz, Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann: "Eine Lösung mit gleichberechtigten Persönlichkeiten"

Der FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt will mit seiner erneuten Kandidatur um das Führungsamt auch seinen Hauptkritiker Jürgen Möllemann auf Distanz halten.Die FDP macht es mal wieder spannend. Warum haben Sie es als Vorsitzender zugelassen, dass die Personal-Spekulationen derart überhand nehmen konnten?Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Öffentlichkeit spätestens am Dreikönigstag mit der Kundgebung im Stuttgarter Staatstheater erfährt, wie die Kandidaturen für den FDP-Vorsitz beim Bundesparteitag im Mai aussehen werden.Aber es macht doch keinen guten Eindruck, wenn der Parteichef bis wenige Tage vorher nicht weiß, was sein Generalsekretär Guido Westerwelle vorhat. Es ist selbstverständlich, dass der Generalsekretär zunächst seine eigenen Überlegungen anstellt. Erst dann kann man sich abstimmen. Das geschieht gegenwärtig.Sie werden sich in Düsseldorf erneut zur Wahl stellen. Sollte es in einer demokratischen Partei nicht eigentlich normal sein, dass zwei oder mehrere Bewerber auftreten? Im Prinzip ja. Wir hatten das ja auch schon in der FDP. Nur sollte über Kandidaturen dann geredet werden, wenn sie anstehen. Wir haben aber eine einjährige Debatte über diese Frage hinter uns, ohne dass ein Wahlparteitag bevorgestanden hätte. Das hat der Partei nicht gerade genutzt. Vor allem nicht, wenn der Hauptkritiker nicht selber antreten will und stattdessen andere vorschiebt. Jürgen Möllemann möchte bekanntlich Kanzler-Kandidat der FDP werden. Sind Sie nur deshalb gegen diese Funktion oder haben Sie grundsätzliche Einwände dagegen?Die Partei muss denjenigen, den sie an die Spitze gewählt hat, auch mit der nötigen Amtsautorität nach innen und außen ausstatten. Er ist die Visitenkarte der FDP. Er muss die Fähigkeit haben, Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu sein, ohne dass ein besonderer Titel hinzugefügt werden muss. Eine gespaltene Autorität darf es nicht geben. Deshalb halte ich nichts von solchen Überlegungen.Auch nicht, wenn nicht Möllemann, sondern Westerwelle mit dieser Funktion betraut würde?Guido Westerwelle wird im Bundestagswahlkampf 2002 eine herausgehobene Position haben als jemand, der nach mir die Partei führen könnte und sollte. Wir werden wie ein Tandem auftreten. Auch Otto Graf Lambsdorff und Hans-Dietrich Genscher haben in dieser Situation erfolgreich Wahlkämpfe geführt. Das waren die zwei, auf die es ankam. Eine solche Lösung mit gleichberechtigten Persönlichkeiten bietet sich auch jetzt an.Haben Sie mal erwogen, auf eines Ihrer Ämter - Fraktions- oder Parteivorsitz - zu verzichten?Es gab immer die Absicht, erneut für den Bundesvorsitz der FDP zu kandidieren. Weil ich es für äußerst wichtig halte, dass sich die Partei in der Bundesspitze in einer bestimmten Kombination präsentiert. Mit der Fähigkeit zum Transport von Themen, verbunden mit Vertrauensbildung, wie das ein Team Gerhardt/Westerwelle gemeinsam mit anderen erfolgreich erreichen kann. Steht dahinter der Gedanke, Jürgen Möllemann auf Distanz zu halten und ihn als heimlichen FDP-Vorsitzenden zu verhindern?Ich wiederhole: Die von mir beschriebene Personal-Kombination ist gut für die Partei. Und sie entspricht auch den Erwartungen in großen Teilen der FDP und der Öffentlichkeit.Ein Vorsitzender benötigt Führungsstärke und Integrationskraft. Er muss Flügelkämpfe vermeiden oder wenigstens schlichten können. Werden Sie diesen Anforderungen gerecht?Eindeutig ja, sonst würde ich mich nicht erneut um den Vorsitz bewerben. Führungsstärke hat nichts damit zu tun, dass man nur als Lautsprecher herumläuft. Ein Vorsitzender muss der Mehrheit der Mitglieder die Gewissheit vermitteln, mit ihm an der Spitze einen Weg am sicheren Ufer zu gehen. Er muss solide und verlässlich sein und moderne, freiheitliche Konzepte vorweisen.Es ist Ihnen aber nicht gelungen, die ewigen Streithähne und Quertreiber an die Kandare zu nehmen. Beschädigt das nicht Ihre Autorität?Ich bin nicht der Oberkommandierende der FDP. Sicher, es gab und gibt innerparteiliche Kritiker, die mich angreifen. Damit muss ich leben. Entscheidend ist, dass die Mehrheit der Partei hinter mir steht.Die FDP hat offenbar ein besonderes Talent, immer dann, wenn es gerade aufwärts geht, sich selbst ein Bein zu stellen. Warum können Sie das nicht abstellen?Was Sie beschreiben, habe ich schon leidvoll erfahren, als ich noch nicht Bundesvorsitzender war. Das Wort abstellen ist aber falsch. Die gesamte FDP muss wissen, dass sie in diesem Jahr die einzigartige Chance hat, zweistellig zu werden. Dafür gibt es zwei simple Voraussetzungen. Die Selbstbeschäftigung muss aufhören und die FDP muss ihre Fähigkeit verbessern, die Themen der Zeit der Öffentlichkeit klar zu vermitteln.Ihre Kritiker Möllemann und Kubicki sagen, das erfolgreichste Rezept sei, Aufmerksamkeit zu erregen.Dabei vergessen meine Kritiker, dass ich in schwierigen Zeiten in Hessen dreimal hintereinander gute Ergebnisse erzielt habe, ohne dass ich jeden Tag öffentlich im Dreieck gesprungen bin.Ist Möllemanns Projekt 18 eine Luftnummer?Nein, damit wird ein motivierender Zielpunkt genommen. Das ist als PR-Maßnahme legitim. Aber werbliche Mittel allein bringen uns nicht auf 18 Prozent. Um ein zweistelliges Ergebnis zu erzielen, ist vor allem substanzielle Politik nötig. Das Gespräch führte Peter Pragal."Die Partei muss den, den sie an die Spitze wählt, auch mit der nötigen Autorität ausstatten. " BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Wolfgang Gerhardt