Ach, die Geschichte .", nickt Lotte Zimmermann durch den Türspalt und öffnet den freundlichen Herren ihre Haustür. Die beiden Polizisten, die nun darauf warten, dass Lotte sich ein paar Sachen für das Untersuchungsgefängnis zusammensucht, hätten auch gestern oder morgen kommen können. Oder vor zehn Jahren - oder auch nie. Zwanzig Jahre lang hat Lotte Zimmermann für die Stasi gespitzelt. Als Sekretärin im Münchner Landesinnenministerium, als Bürgerin der BRD, als Landesverräterin.Der ZDF-Fernsehfilm "Romeo" erzählt ihre in mehrfacher Hinsicht fiktive Geschichte: Das Leben von Lotte Zimmermann war ein Fake. Über Jahrzehnte hinweg hat sie ein Doppelleben geführt, in dem ihr Lebensgefährte "Hermann" hieß und aus Braunschweig kam, obwohl er doch eigentlich "Karl" war und Stasioffizier. Getan hat sie das alles aus Liebe. Dass auch die "Liebe ihres Lebens" fiktiv war, nämlich vom "professionellen Romeo" vorgetäuscht, begreift Lotte erst, als alles zu spät ist: auf der Anklagebank. Und muss sich erzählen lassen, wie die Stasi ihre Sehnsüchte perfekt ausspionierte, bevor der "Romeo" auf sein "Zielobjekt" angesetzt wurde. Lottes Liebhaber verführte sie im Auftrag seines Staates."Romeo" ist ein von Hermine Huntgeburth brillant inszeniertes Fernsehspiel mit einer hervorragenden Martina Gedeck als Lotte und einem nicht minder sehenswerten Sylvester Groth als ihr "Romeo" Hermann. Aber eigentlich spielt hier das echte Leben die Hauptrolle. Denn es gab sie ja wirklich, diese "Agentinnen aus Liebe", die von den Romeos der Stasi zum Landesverrat verführt wurden. Mindestens 40 Frauen haben dieses Schicksal tatsächlich erlitten, und Lotte ist prototypisch aus ihren Biografien zusammengesetzt. "Romeo"-Autorin Ruth Toma hat - und dafür muss man ihr danken - nicht den Fehler des Sat 1-Zweiteilers "Der Tunnel" gemacht, der eine wahre Geschichte zum Kintopp verklärte. In ihre Erzählung hat Toma dem politischen Hauptthema all seine technokratische Sperrigkeit belassen. Fast schon lapidar wird das Agentinnendasein in wenigen Rückblenden erzählt. Nie wird Lotte verfolgt, nie erwischt, nie verfällt die Inszenierung ins klassische "run, baby, run!". Die emotionale Spannung von "Romeo" kriecht aus der "zynischen Aktenlage". Um den "Fall Zimmermann" nicht auf halbem Wege vertrocknen zu lassen, bietet die Autorin einen emotional hochgradig aufgeladenen Nebenstrang an: das problematische Mutter-Tochter-Verhältnis, das, je weiter die Geschichte voranschreitet, immer stärker als eine Folge der ausgeklügelten Stasi-Dramaturgie zu erkennen ist. Wenn das Fernsehen sich mit politischen Stoffen aus jüngerer Vergangenheit beschäftigt, muss es wissen, dass das kollektive historische Bildergedächtnis unweigerlich mit den Inszenierungen des Fernsehens gefüllt wird. Bilder bleiben haften. Und unser Gedächtnis merkt sich nicht, ob es echte oder inszenierte Bilder waren. Zumindest für eine nachwachsende Generation, die über keine eigene Erinnerung mehr verfügt, visualisierte sich zum Beispiel die "Entführung der Landshut" in der Rekonstruktion von Heinrich Breloers "Todesspiel". Und auch der Berliner Tunnelbau hat seit der fiktionalen Bearbeitung zwei Gesichter: Das eher undramatische historische der NBC-Schwarzweißbilder. Und das furiose der Sat 1-Inszenierung, die eigens wilde Verfolgungsjagden zwischen Stasi-Schergen und Freiheitskämpfern im Tunnel erfand. Die umsichtige ZDF-Bearbeitung des "Romeo"-Themas steht wohltuend in öffentlich-rechtlicher Fernsehspieltradition. Die Spannung entsteht hier im Kopf. Und mit dem Wissen, dass es so oder so ähnlich wirklich gewesen sein könnte, wird nur zögerlich gespielt. Dieser strikte erzählerische Anspruch hat es für die Schauspieler nicht eben leichter gemacht. Die großartige Martina Gedeck hat hier in Sylvester Groth einen kongenialen Partner gefunden. Denn fast noch beeindruckender als ihre verhalten glühende Leidenschaft ist Groths Spiel, aalglatte, zynische Fassade, hinter der er es dann irgendwie doch immer wieder schafft, noch einen Hauch von persönlichem Gefühl erkennen zu lassen. "Romeo", 20.15 Uhr, ZDF.Die Stasi spionierte die Sehnsüchte der Frauen perfekt aus, bevor ein "Romeo" auf sein "Zielobjekt" angesetzt wurde.ZDF Wohl kalkulierte Liebe: Hermann (Sylvester Groth) spielt für Lotte (Martina Gedeck) den "Romeo".

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