Hochzeitsvideos erzählen viel vom zukünftigen Glück oder Unglück einer Ehe. Man muss sie nur genau ansehen. Die Kulisse mag noch so idyllisch sein - verbergen kann sie nicht, was irgendwann als "unüberwindliche Differenz" zur Trennung führt - oder im Glücksfall doch überwunden wird. Gladis und Erik heiraten in Havanna. Im offenen 50er-Jahre-Straßenkreuzer fahren sie vors Standesamt, die junge Braut, eine dunkle kubanische Schönheit lächelt ihr schönstes Lächeln unter dem Schleier, der Bräutigam, ein Deutscher in den mittleren Jahren, hält sie fest im Arm, seine Gesichtszüge sind angestrengt, fast verkrampft. Er scheint nicht wenig Angst zu haben vor dem Abenteuer, in das er sich gestürzt hat. Dass ihm ein Kamerateam dabei zusieht, macht die Sache nicht leichter. Aber auch das hat er sich schließlich selbst ausgesucht.Wenn Menschen ihr Eheleben zur Ansicht freigeben, müssen sie gute Gründe dafür haben. Denn die Kamera ist niemals nur ein Instrument der Aufzeichnung, sie verändert die Menschen vor ihr und deren Beziehungen zueinander. Sie kann benutzt werden und benutzt selbst. Nur absolute Profis schaffen es, sich darzustellen und ihr Innerstes nicht preiszugeben. Der Lehrer Erik aus Hamburg ist kein Profi. Er macht mit, will aber nicht alles zeigen, seine Unsicherheit lugt überall hervor. Daran ändert auch sein fließendes Spanisch nichts. Er macht nicht den Eindruck eines selbstbewussten Mannes, seine Stimme ist eng, die Bewegungen sind eckig. Gladis aus Havanna dagegen ist eine Figur, wie sie sich jeder Dokumentarfilmer nur wünschen kann: fotogen, selbstbewusst, verspielt. Gladis hat schon in "Havanna mi amor", dem ersten gemeinsamen Film der Regisseure Uli Gaulke und Jeannette Eggert, vor dem Kamera geschluchzt und über die Männer geschimpft. Ständig war sie auf der Suche nach Arbeit und Liebe. War sie unglücklich, trank sie Rum, aber der half auch nicht. Mit ihrem kleinen Sohn lebte sie in Armut, wie alle um sie herum. In einer Bar trifft sie den deutschen Kuba-Urlauber, und mit ihm eröffnet sich die Möglichkeit, Kuba zu verlassen und ihrem Sohn ein anderes Leben zu bieten. Das ist gewiss ein guter Grund, um zu heiraten. Gleichwohl gehört viel Mut oder vielleicht auch Ignoranz dazu, als Ehemann diesen puren Pragmatismus einer Mutter auszuhalten - zuletzt aber hat Erik seine Frau mit seinem Übermaß an Liebe doch irgendwie infiziert. Und die Kamera haben die beiden für sich genutzt - als eine Art dauerpräsenten Familientherapeuten. Uli Gaulke und Jeannette Eggert eigneten sich offensichtlich gut dazu. Sie begleiteten Gladis und Erik zwei Jahre lang, vom Tag der Hochzeit über den Umzug nach Hamburg, bis hin zur Geburt des ersten gemeinsamen Kindes. Sie lauschen Telefongesprächen zwischen Erik und seiner Mutter zu Weihnachten ("Wir haben gerade die Ente vernichtet"). Sie sehen, wie die norddeutsche Familie sich redlich bemüht, per Küsschen und Umarmungen ein wenig von der kubanischen Herzlichkeit ins eigene Familienleben zu integrieren. Auch wenn es ein bisschen ungelenk aussieht, und Gladis Sohn seine Abneigung gegenüber der deutschen Küche nicht verhehlen kann. Nie machen Gaulke und Eggert den Fehler, das Leben dieses Paares als Idealzustand anzupreisen. Sie schalten die Kamera ab, wenn Sex und Streit ab einem gewissen Intimitätsgrad nur dem Paar selbst gehören. Die Verbindung von Erik und Gladis lieferte ihnen sowieso Stoff genug für andere Erzählungen. "Heirate mich" nutzt den fremden Blick der Kubanerin auch zur Reflexion über den Alltag in einer deutschen Großstadt. Über Blicke und deren Vermeidung in der U-Bahn. Über die gar nicht so schroffen deutschen Behörden und die Feinheiten der Aufenthaltsgenehmigung. Als Gladis Erik wieder einmal besonders "unerträglich" findet, sucht sie Rat bei einer Freundin, die vor Jahren einen Italiener geheiratet hat und nun frisch geschieden und gut versorgt ihr Dasein in Europa genießt. "Sechs Jahre musst du durchhalten", rät sie ihr. Dann könne sie den Mann gefahrlos abstoßen. Für Gladis sehen die Dinge anders aus: Ein Schwangerschaftstest schafft inmitten der Krise neue Realitäten. Erik, der sich bis dahin für unfruchtbar hielt, hat endlich sein ganzes Glück gefunden. Und am Ende, wenn er gar zum engagierten Geburtshelfer wird, traut man dem Paar doch zu, dass es den Rest der Ehe-Reise miteinander bestehen wird - auch ohne Kamerateam.Heirate mich // Deutschland 2003.105 Minuten, Farbe. Dokumentarfilm.Regie: Uli Gaulke, Co-Regie: Jeannette Eggert, Drehbuch: Uli Gaulke, Kamera: Axel Schneppat, Uli Gaulke.Weitere Filmrezensionen finden Sie auf den Seiten 2 sowie 3 des Kulturkalenders.FLYING MOON Gladis, ihr Sohn und Erik (v. l. ) beim Versuch, kubanische Herzlichkeit in die Hamburger U-Bahn zu holen.