Oma Dobu hieß mit richtigem Namen Anna Dobudowanska. Für Werner Kließ war sie die Oma, obwohl sie seine Großtante war. Oma Dobu war eine resolute Frau. Sie hatte zwei Weltkriege erlebt, drei Ehen hinter sich und lebte nach ihrer Flucht aus Ostpreußen im selben ärmlichen Zimmer, in dem der junge Werner Kließ, seine Mutter, seine beiden Brüder und die Kusine wohnten. Auch nach 1945 gab es nichts, was Oma Dobus Lebenslust etwas anhaben konnte. Was auch geschah - diese Frau richtete sich immer wieder auf.Nach ihr hat Werner Kließ seine Figuren benannt. Das Dobu, mit wie viel Energie auch immer angestoßen, es fällt nicht um. Die Stehauf-Figur bewegt sich, hin und her, und am Ende verharrt sie, dank ihrer Bodenhaftung, in jener Position, in der ihr Schwerpunkt dem Erdmittelpunkt am nächsten ist.Werner Kließ hat Dobus in vielen Größen, Gewichten, Formen und Farben gefertigt. Manche haben Brüste und liegen mit gespreizten Beinen auf dem Steiß, andere erinnern an Boxer, wieder andere, fast lebensgroß, strecken ihrem Betrachter die Arme entgegen. Sie alle faszinieren, so wie jene Menschen, die sich durch nichts entmutigen lassen, immer wieder aufs Neue etwas beginnen.Auch Werner Kließ wagte immer wieder den Neuanfang. Nach Jahren als Filmkritiker wurde er Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Chefredakteur der Zeitschrift Film. Als er wegen des Vorwurfs, das Blatt zum Forum aufrührerischer Linken gemacht zu haben, seinen Job verlor, wurde er Produzent. Als Redaktionsleiter beim ZDF war er für Derrick, Ein Fall für zwei und Kottan ermittelt zuständig; später, als selbstständiger Produzent, für die Sat-1-Serie Wolffs Revier.Vor elf Jahren, bevor ihn seine Arbeit hätte auslaugen können, beschloss er aufzuhören und nach Berlin zu ziehen. Ein Jahr lang las er, Tag für Tag, Buch für Buch, von Goethes "Werther" bis Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".Eines Tages begann er zu malen. Nach mehreren Ausstellungen ist bald wieder soweit: Sein Atelier wird Werner Kließ Mitte des Monats zur temporären Galerie umwandeln. In denselben Räumen, in denen die Werke entstehen, stellt er sie aus. Mittendrin: das Dobu.Zwei Bilderserien sind in Kließ' Atelier zu sehen: die eine nennt er "Mythen des Alltags", die andere besteht aus sieben Bildern, von denen jedes einen Tag der Schöpfungsgeschichte visualisiert. Jenes, das die Teilung von Himmel und Wasser zeigt, gehört sicherlich zu den faszinierenderen, vielleicht gerade, weil Kließ kein gläubiger Mensch ist. Doch Mythen lassen ihn nicht los.Zweier Techniken bedient sich Kließ. Die in tiefere Farbschichten vordringenden Vertiefungen erinnern an den Pointillismus der Impressionisten, die mit Farbtupfern Formen, Porträts, Landschaften entstehen ließen. "Scratchismus" ist Kließ' Wortschöpfung und meint die Methode, wie er aus Farbschichten Formen herausschabt.Er schöpft seine Kunst aus der Lust am "ordinären Handwerk"; er meißelt und hämmert, fräst und hobelt, schleift und raspelt. Seine Basis ist die Leinwand, auf die er eine klumpige Masse aus Papier und weißer Farbe gießt, die nach dem Trocknen ein Vexierbild mit Bergen, Rissen, Furchen und Seen entstehen lässt: eine Landschaft, auf die er Farbe aufschwemmt, Schicht für Schicht. Sie hinterlässt leuchtende Pfützen, glatte Flächen und verschwommene Trockenränder. Erst dann beginnt die Feinarbeit. "Das Bild ist Resultat physikalischer Prozesse, die ich stimuliere, provoziere, reguliere", erklärt Werner Kließ sein Konzept.Die Bilderserie "Mythen des Alltags" ist inspiriert durch seine täglichen Spaziergänge und Radtouren durch Berlin. Sie zeigt eine Badeszene am Wannsee, junge Mütter in Prenzlauer Berg, Autoverkehr am Ku'damm oder die Gold-Else als Verkäuferin der Straßenzeitung Motz."Ich bin Flaneur", bekennt Werner Kließ und findet gleich Anlass, von seinen neuesten Erlebnissen zu erzählen.Atelier Kließ, Bregenzer Straße 7 , (Wilmersdorf). Nach der Vernissage am Freitag, 19. September, ab 18 Uhr, ist die Ausstellung täglich geöffnet. Bis 1. Oktober, jeweils von 15 bis 20 Uhr.------------------------------Seine "Mythen des Alltags" sind inspiriert von täglichen Spaziergängen und Radtouren durch Berlin.Foto: Klein und handlich, aber alles dran: Kließ' Steh-Auf-Weibchen.