Er ist durch die ganze Welt gereist, doch seit 1973 immer wieder in diese Wohnung zurückgekehrt. Er habe das Appartement damals für drei Monate gemietet, als er mit der Arbeit an dem Monumentalfilm "Shoah" begann, sagt Claude Lanzmann. Seine Stimme grollt, sein Lächeln ist grimmig, selbst wenn er es anders meint. Schon von außen sah das Haus eher nach Büro als nach bourgeoiser Gemütlichkeit aus. Niedrige Decken, eine breite Fensterfront, dahinter die Dächer von Paris, und überall Bücher. Hohe Stapel von Les Temps Modernes auf dem Couchtisch, auf dem Schreibtisch das schwere Manuskript der gerade fertiggestellten Autobiografie, an den Wänden Bücherregale und viele Fotos: Lanzmann mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, mit Shimon Peres, Lanzmann kostümiert mit Hitlerbärtchen und mit einem kleinen blondgelockten Jungen im Arm, seinem vierjährigen Sohn.Monsieur Lanzmann, am 27. Januar vor 64 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Dieses Datum kommt in Ihrem Film "Shoah" überhaupt nicht vor. Warum?Das war nicht mein Thema. Mir ging es nicht um die Befreiung der Lager, sondern darum, was in den Lagern geschah. Und zwar, als sie auf Hochtouren liefen. In "Shoah" wollte ich so detailliert wie möglich den Prozess des Massenmords beschreiben.Im Januar 1945 waren Sie 19 Jahre alt. Sie kämpften schon lange vorher mit Ihrem Vater und Bruder in der Résistance gegen die Deutschen. Wie wurden Sie zum Widerstandskämpfer?Ich war ja nicht der Einzige, der sich der Résistance anschloss. Einige taten das, Franzosen wie auch französische Juden. Ich ging nicht zum so genannten jüdischen Widerstand, sondern zum französischen Widerstand. Es war ganz selbstverständlich. Um sich selbst zu schützen, kämpfte man am besten gegen die Deutschen.Sie kommen aus einer assimilierten jüdischen Familie, aber gegen die Nazis haben Sie nicht als Jude gekämpft, sondern als Kommunist.Ich trat der kommunistischen Jugendbewegung im Frühjahr 1943 bei. Später war ich es, der die Résistance in Clermont-Ferrand organisierte, im Gymnasium "Blaise Pascal". Aber ich las damals nicht Marx, Engels oder Lenin, ich kam nicht aus theoretischen Gründen zu den Kommunisten. Hätte mich eine andere Widerstandsbewegung angesprochen, wäre ich zu denen gegangen. Vergessen Sie nicht, das war nach Stalingrad. Und Stalingrad war ein Wendepunkt im Kriegsverlauf. Wir bewunderten die Rote Armee für ihre Erfolge.Im Herbst 1944 kehrten Sie nach Paris zurück. Wie war es, Ihrer Mutter wiederzubegegnen, die Sie jahrelang nicht gesehen hatten?Meine Mutter hielt sich den gesamten Krieg über in Paris versteckt, sie war zweimal von der Gestapo verhaftet worden. Nur durch ein Wunder gelang ihr die Flucht. Plötzlich - mein Bruder und ich hatten zwei Wochen frei - sah sie uns als junge Männer wieder, als Krieger. Ich erinnere mich, dass ich in Uniform ankam, mit einem Gewehr von der ukrainischen Wlassow-Armee. Meine Mutter erkannte uns beinah nicht wieder, es war ein sehr aufwühlender Moment. Da entschieden wir uns, mit dem Kämpfen aufzuhören. Paris war befreit, und ich musste meine Studien fortsetzen.Sie wollten Literaturwissenschaftler oder Philosoph werden. Und Leibniz studieren. Hatten Sie nicht erst einmal genug von den Deutschen?Trotz allem, was geschehen war, blieb Deutschland die Heimat der Philosophie für viele von uns. Ich konzentrierte mich auf Leibniz, weil ich ihn wirklich für einen der größten Philosophen halte. Mir wurde dann angeboten, für ein Jahr nach Tübingen zu gehen. Ich sagte zu und man gab mir ein Zimmer bei sehr netten Leuten, Schwaben, rund und klein. Sie hießen "Riese". Die Wohnung lag in der Hegelstraße. Ich studierte also Leibniz in der Hegelstraße in Tübingen.Dann bekamen Sie eine Stelle als Lektor an der Freien Universität Berlin, wo Sie auch ein Seminar über Antisemitismus abhielten. War das Ihre eigene Entscheidung?Ich kam im November 1948 in Berlin an, als schon die Blockade und die Luftbrücke herrschten. Ich blieb für anderthalb Jahre, unterrichtete an der Freien Universität und leitete das neu gegründete französische Kulturzentrum. Und ich stellte fest, dass ich es gern tat und dass mein Unterricht den Studenten gefiel. Die Männer waren alle älter als ich, weil sie gerade aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren. Ich kombinierte Jean-Paul Sartre "Das Sein und das Nichts" mit Stendhals "Rot und Schwarz". Und eines Tages kamen die Studenten zu mir und fragten mich, ob ich für sie ein Seminar über Antisemitismus durchführen würde.Haben die Studenten Ihnen erklärt, warum Sie dieses Seminar machen wollten?Da gab es doch nichts zu erklären! Sie wussten, dass ich Jude war, und wir verstanden uns sehr gut. Also, ich sagte, ich weiß nicht, ob ich das machen kann. Wenn ja, dann müssen wir uns gegenseitig helfen. Es lief wunderbar, bis ich plötzlich zu dem Kommandanten der französischen Militärregierung in Berlin, General Ganeval, gerufen wurde. Er verbot mir das Seminar, denn man sollte keine Politik in Berlin machen. Die Stadt sei dafür zu sensibel als Kreuzungspunkt von fünf Nationen, Deutschen, Russen, Briten, Amerikanern und Franzosen. Ihm zu erklären, dass ein Seminar über Antisemitismus in Berlin kein Verbrechen sein kann und dass mich die deutschen Studenten darum gebeten hatten, half nichts. Übrigens war die Freie Universität damals ein braunes Nest. Von wegen Entnazifizierung.Wie kommen Sie denn darauf?Ich schrieb darüber einen langen Artikel, den ich der Zeitung im französischen Sektor Berlins anbot, dem Kurier. Natürlich war der französische General dagegen. Und die Briten wollten den Franzosen nicht widersprechen. Die Amerikaner waren schließlich bereit, es in ihrer Zeitung zu drucken, ich glaube, das war der Tagesspiegel. Die FU lag ja in ihrem Sektor, in Dahlem. Aber die Franzosen taten alles, um den Artikel zu verhindern. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihn der Berliner Zeitung anzubieten, der damals wichtigsten Zeitung Ost-Berlins. Trotz der Berlin-Blockade konnte man problemlos mit der S-Bahn in den Osten fahren. Ich hatte auch Freunde drüben. Die Berliner Zeitung brachte also den Artikel. Sie sagten mir aber nicht, dass sie Verse vom Rektor der Freien Universität gefunden hatten. Er hieß Edwin Redslob. Die Verse besangen Emmy Göring, vordem Emmi Sonnemann, die Ehefrau des Feldmarschalls Göring, der sich in Nürnberg das Leben genommen hatte, um dem Tod durch den Strang zu entgehen. Der Rektor schrieb über die Grazie ihrer Hände, wenn sie den "Hohen Herren" Tee servierte. Die Berliner Zeitung hatte mehrere Verse ausfindig gemacht, die in der Mitte meines Artikels publiziert wurden. Natürlich wurde Redslob gefeuert und mit ihm viele andere Leute in dieser Freien Universität.Und Sie waren dann auch neugierig auf das sozialistische Deutschland, auf das andere Deutschland?Ich kehrte erst nach Paris zurück und wollte dann in die DDR fahren. Aber ich brauchte ein Visum. Dazu musste man sich an die Russen wenden. Im russischen Hauptquartier - in Pankow, wenn ich mich richtig erinnere - verweigerten sie mir das Visum. Die Frage, für welche Zeitung ich schreibe, konnte ich nicht beantworten, weil ich noch gar kein Journalist war. Ich sagte: Le Monde. - "Nein, Le Monde ist ein kapitalistisches Blatt. Sie werden nicht die Wahrheit schreiben." Sogar der Artikel in der Berliner Zeitung half nichts. Allerdings war es möglich, sich durch die Leipziger Messe einzuschmuggeln. Ohne Visum konnte ich aber nicht in Hotels übernachten, und die Pfarrer, deren Adressen mir jemand gegeben hatte, schlotterten vor Angst, als sie mich sahen. Also musste ich in Parks schlafen. Ich erinnere mich an eine furchtbare Nacht in Halle, da waren die Vopos mit Suchhunden unterwegs.Zurück in Frankreich, schrieb ich eine Reihe von Artikeln, die ich an Le Monde schickte, ohne dort jemanden zu kennen. Drei Tage später riefen sie mich an und sagten, sie drucken meine Texte. Sie erschienen auf der Titelseite unter der Überschrift "Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang". Es war nicht sehr gegen die DDR, damals war ja nicht alles schlecht.Aufgrund dieser Artikel machte Sartre Sie zum Mitarbeiter seiner Zeitschrift Les Temps Modernes. Seit Simone de Beauvoirs Tod sind Sie der Chefredakteur. Welche Rolle spielten Sartre und Beauvoir in Ihrem Leben?Ich wurde ein enger Freund von Sartre. Und mit Simone de Beauvoir lebte ich sieben Jahre zusammen. Ich war der einzige Mann, mit dem sie je eine Wohnung teilte. Es war nicht weit von hier.1952 fuhren Sie dann zum ersten Mal nach Israel. Wie hat dieses Land auf Sie gewirkt?Ich wollte eigentlich über Israel schreiben. Die Entdeckung dieses Landes aber weckte so viele Fragen in mir, über meine eigene Vergangenheit, meine Identität, dass ich dachte, es wäre zu intim für die Zeitung. Erst hier merkte ich, dass es eine jüdische Welt gibt, mit einer uralten Kultur und Traditionen. Ich erklärte es Sartre, als ich nach Paris zurückkam. Und er sagte: "Schreib keinen Artikel, schreib ein Buch." Ich fing auch damit an und schaffte etwa hundert Seiten, die ziemlich gut waren. Aber ich kam nicht voran. In der Weise, in der ich meine Fragen stellte, konnte ich sie damals nicht klären. Ich war einfach noch zu jung. Merkwürdigerweise wurde aus dieser ungeschriebenen Reportage und diesem unausgetragenen Buch zwanzig Jahre später mein erster Film, "Pourquoi Israel", "Warum Israel".Der Titel hat kein Fragezeichen. Gleichzeitig ist dieser Film voller Fragen über die unnormale Normalität dieses Landes. Ist das nicht ein Widerspruch?Das ist der Kern des Films. Und auch der Grund dafür, dass es ein komischer Film ist. Man hat viel zu lachen, weil man damals in einen Staat kam, in dem alle jüdisch sein sollten und der zugleich ein ganz normaler Staat sein wollte. Diese Normalität war die Abnormalität als solche! Es gibt viele lustige Szenen im Film, die ich organisierte. Da sind zum Beispiel die amerikanischen Touristen im israelischen Supermarkt. Sie staunen über "jüdisches Brot" oder "jüdischen Thunfisch in Öl". Das ist komplett gestellt, aber sie erleben, was ich selbst vor zwanzig Jahren erlebte. Jeder Jude, der zum ersten Mal nach Israel kommt, macht diese Erfahrungen.Gleich nach "Pourquoi Israel" begannen Sie an einem Film über die Vernichtung der europäischen Juden zu arbeiten. Das Projekt nahm zwölf Jahre in Anspruch; sie hatten über dreihundert Stunden Aufnahmematerial, aus denen Sie dann neuneinhalb Stunden Film hervorbrachten. Diese Obsession, wo rührt sie her?"Obsession" passt nicht, "Halluzination" wäre besser. Ich begann zu halluzinieren. Aber nicht sofort. Als ich mit dieser Arbeit begann, ahnte ich nicht, wohin sie mich führen würde. Ich kannte nur eine Zahl: Sechs Millionen Menschen waren ermordet worden. Eine Abstraktion, eine mathematische Figur. Erst mit den Jahren wurde mir die wahre Bedeutung all dessen bewusst. Ganz am Anfang von "Shoah" heißt es im Rolltext: "Die Handlung beginnt heute". Sie beginnt nicht 1942, nicht 1973 oder '85, sondern jedes Mal, wenn der Film gezeigt wird.Diese Gegenwärtigkeit wurde mir erst in Polen klar, erst ganz zum Schluss. Ich wollte überhaupt nicht nach Polen fahren. Und als ich dort ankam, war ich wie eine Bombe mit Wissen geladen, von all den Reisen, den Interviews in Deutschland. Die Entdeckung Polens war der Zünder, plötzlich explodierte ich. Als ich den Namen "Treblinka" dort an der Bahnstation las, als ich begriff, dass noch immer ein Dorf namens "Treblinka" existierte, dass dort Menschen lebten - da explodierte ich. In diesem Moment begann ich zu halluzinieren. Und filmte dann sehr schnell.Was genau meinen Sie mit "halluzinieren"?Zum Beispiel, als ich mit der Kamera aus dem Inneren eines Zugwagons das Bahnhofsschild "Treblinka" heranzoomte. So konnte ich mich dem Blick desjenigen annähern, der damals im Wagon stand, bevor er an der Reihe sein würde, an die Rampe des Lagers geschickt zu werden, sechs Kilometer weiter. Um von dort in die Gaskammer getrieben zu werden. Ich habe beim Drehen dieses Films Dinge getan, die ich bis heute nicht verstehe. Das meine ich mit "Halluzination". Aber das bedeutet nicht Wahnsinn, im Gegenteil. Auf Französisch würde ich sagen, es war eine "hallucination vrai", eine Halluzination der Wahrheit.Das heißt, Sie sahen Dinge, die nicht mehr zu sehen waren?Eben deshalb wollte ich zuerst nicht nach Polen fahren. Was sollte ich dort finden? Ich dachte, wo ist die "Shoah" - damals sagte man noch "Holocaust". Ich glaubte, sie wäre in den Köpfen, in den Erinnerungen der Menschen, und man könnte darüber in Jerusalem, Berlin, Sydney, Paris oder New York sprechen. Aber Polen? Ich nenne es die eigenartigen Wege des Schöpferischen. Hätte ich mit der Arbeit in Polen begonnen, wäre es ein anderer Film geworden.Sie haben nie gefragt: "Warum Shoah".Die Frage "Warum" war nie meine Frage. Und ich denke, wenn man der Wahrheit dienen will, sollte man sich von dieser Frage fernhalten. Man muss die Frage nur sehr einfach formulieren, also: "Warum wurden die Juden ermordet?" - dann zeigt sie sofort ihre Obszönität. Man kann lange in die Tiefen der Geschichte oder Psychoanalyse eintauchen, man kann die ökonomische Krise anführen: Eines schönen Tages begann das Töten. Und es gibt einen Bruch, eine Kluft zwischen den sogenannten Gründen und der Ermordung von Kindern und nackten Frauen. Mit der Frage "Warum" entzieht man sich der Realität. Ich sagte immer, ich hätte gern ein Pferd mit Scheuklappen, das nicht nach rechts und links schauen kann, sondern immer nur geradeaus. Wer "Warum" fragt, sieht der Wahrheit nicht ins Gesicht.Die Überlebenden der Vernichtungslager sind die Hauptfiguren in "Shoah". Das sind Juden, die zu den Sonderkommandos gehörten. Diese Menschen mussten die Drecksarbeit der Vernichtung verrichten und dann die Spuren beseitigen. Wie haben Sie diese Menschen zum Sprechen gebracht?Sie waren die Einzigen, die mich interessierten. Die einzigen Zeugen des Todes. Des Todes ihres Volkes, des jüdischen Volkes. Sie sahen die allerletzte Phase des Vernichtungsprozesses. Das ist eine der tiefen Bedeutungen von "Shoah". Sie sprechen niemals von sich selber; sie sagen nie "Ich"; sie erklären nicht, wie ihnen die Flucht gelang und das Überleben. Sie sagen "Wir"; sie sind - das wissen und wollen sie - die Sprecher der Toten.Diesen Menschen der Sonderkommandos gelang es, unter den furchtbarsten Bedingungen ihre Humanität zu bewahren. Ich bewundere sie, ich betrachte sie als Helden, Märtyrer und Heilige. Sie sind keine "gewöhnlichen" Überlebenden, sie waren alle zum Tode verurteilt. Darin besteht der Unterschied zwischen einem Konzentrationslager und einem Vernichtungslager. In den Vernichtungslagern sollten alle sterben. Und die befanden sich ausschließlich auf polnischem Gebiet. In den KZ's, in Buchenwald oder Dachau, gab es eine Chance zu überleben.Sie befragten die Menschen mit erstaunlicher Unerbittlichkeit, ohne Schonung. Hatten Sie nie Mitleid mit ihnen?Wenn man so einen Film macht, kann man nicht - wie Max Ophüls einmal über "Shoah" sagte - die Regeln des Kricketspiels in Athen einhalten. Aber es ist nicht wahr, dass ich kein Mitleid hatte. Wenn Sie den Friseur von Treblinka meinen, Abraham Bomba (der schildert und nachahmt, wie er den Opfern im Auskleideraum vor der Gaskammer die Haare schnitt; d. Red.): ich insistiere, dass er weiterspricht und ich halte die Kamera nicht an. Aber wir hatten eine gemeinsame Aufgabe, er wollte es und er war mir sehr, sehr dankbar hinterher. Ich sagte zu ihm: "Wir müssen es machen." Das ist das Gegenteil von Mitleidlosigkeit. Es war ein brüderlicher Akt.Sie befragten auch die deutschen Täter. Einige von ihnen mit versteckter Kamera, wie den SS-Wächter von Treblinka, Franz Suchomel, oder den Referatsleiter der Reichsbahn für die "Sonderzüge", Walter Stier. Es hat Ihnen nichts ausgemacht, sie zu belügen, oder?Ich hatte keine Wahl. Jahrelang versuchte ich, ohne Lügen auszukommen, sagte ihnen meinen Namen und was ich tun wollte, aber es war unmöglich. Doch ich konnte den Film nicht machen ohne die Mörder. Ich bezahlte sie, alle. Sie verlangten Geld, sie mochten Geld, besonders jüdisches Geld. Und ich habe sie stolz belogen, vor der ganzen Welt. Sie waren ja auch große Lügner. Etwa als sie das Zyklon B im Rot-Kreuz-Wagen versteckten.Wie ist es Ihnen überhaupt gelungen, Kontakt zu Franz Suchomel aufzunehmen?Als ich durch das Archivmaterial des Frankfurter Treblinka-Prozesses von 1960 ging, stieß ich auf seinen Namen. Und ich las ein Buch von Gitta Sereny. Ich ging zu ihm und versuchte ihn zu überzeugen. Ich sagte ihm, Sie müssen uns helfen, unseren Kindern zu erklären, was passiert ist.Und Sie konnten ihn schließlich überreden?Ich traf ihn viele Male. Einmal sagte er "Ja, ich mache es". Ich flog nach Paris, um das Kamerateam zu organisieren, aber fand dann ein Telegramm von ihm vor: Er könne es nicht tun, weil sein Schwiegersohn damit droht, sich sonst von seiner Tochter scheiden zu lassen. Ich kehrte zu ihm zurück und ich prügelte mich mit dem Schwiegersohn. Aber zu dieser Zeit hatte ich schon die Möglichkeit, ihn mit der versteckten Kamera auszutricksen. Und er wollte das Geld, in deutscher Währung.Er nannte mir dann einen Treffpunkt, interessanterweise war es Braunau am Inn, der Geburtsort Adolf Hitlers. Wir waren im "Hotel Post" für einen Sonntagmorgen verabredet. Ich fuhr zwei Tage früher hin, mit einem großen Plan des Treblinka-Vernichtungslagers, den ich von dem deutschen Staatsanwalt des Prozesses bekommen hatte. Und ich kaufte eine Angelrute, deren Spitze ich abschnitt, so dass daraus ein Zeigestock wurde. Als er dann ankam mit seiner Frau, gab ich ihm den Zeigestock und sagte: "Sie sind mein Lehrer, ich bin Ihr Schüler. Sie werden mir erzählen, wie es geschah, in allen Details." Es dauerte den ganzen Tag, ich lud ihn zum Essen ein, er aß Ente in Sahnesauce. Er war sehr zufrieden. Als ich ihm das Geld gab, wollte er von vorn beginnen.Hat er den Film gesehen?Nein, er starb vier Jahre vor der Fertigstellung."Shoah" kann heute auf DVD gesehen werden. Wer aber weiter fragen, wer andere Überlebende treffen möchte, muss akzeptieren, dass die Zeugen immer weniger werden.Das war einer meiner Gründe, diesen Film zu machen. Aber wie auch immer, man kann noch Überlebende der Konzentrationslager oder sogar aus Auschwitz treffen. Nur waren sie nie in der Gaskammer. Sie können die Gaskammer nicht bezeugen. Man kann so viel fragen, wie man will, man wird immer das Gleiche hören. "Shoah" nähert sich der Wahrheit so direkt wie möglich, dem Kern des Verbrechens, dem Kern der Wahrheit, wie immer Sie es nennen wollen. Doch die Gaskammer sehen wir nicht und niemanden, der sich darin befindet.Lassen Sie uns noch über Ihren Film "Tsahal" sprechen. "Tsahal" wurde 1994 veröffentlicht und ist ein langer Film über die israelische Armee. Was hat Sie an dieser Armee so interessiert?Das ist doch nicht so schwer zu verstehen, oder? Ich habe mich für die israelische Armee interessiert, weil die Juden fähig sind, sich selbst zu verteidigen. Sie haben aufgehört, Opfer zu sein. Die Shoah war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sie war auch ein Massaker an wehrlosen Menschen. Und die Tatsache, dass es den Israelis gelungen ist, eine eigene Armee aufzubauen, geht genau darauf zurück. Sie haben besondere Strategien und Taktiken, um das Leben ihrer Soldaten so gut wie möglich zu schützen. Das ist einer der Gründe, weshalb sie Luftwaffen nutzen. Und bombardieren. Die Israelis sind keine Killer. Definitiv nicht. Sie töten, aber sie sind keine Killer, das ist nicht in ihrem Blut.Für junge Deutsche heute ist es schwierig, die Rolle der Armee in Israel zu verstehen. Ärgert es Sie, wenn Sie kritische Meinungen über die israelischen Militäreinsätze hören?Wenn die Kritik berechtigt und fair ist, regt es mich nicht auf. Aber die meisten Kritiken sind unberechtigt und unfair. Ich verstehe nicht, warum sie kein Wort über den Beschuss Israels durch die Palästinenser verlieren? Kein Staat sollte das akzeptieren, Deutschland würde das nicht tolerieren, Frankreich ebenso wenig.Wie kann man nicht verstehen, dass die Schaffung eines israelischen Staates eine Armee verlangte? Man muss wissen, wie alles begann. Dass sie sehr wenige waren, welche Opfer sie brachten, wie viel Mut es verlangte. Das ist die Bedeutung des Films "Tsahal", die Eroberung des Muts.------------------------------Claude LanzmannIn Paris wurde Claude Lanzmann 1925 geboren. Seine Großeltern waren jüdische Immigranten aus Osteuropa.Als Gymnasiast schloss er sich der Résistance an und kämpfte im Untergrund. 1947 Doktor der Philosophie, 1948/49 Dozentur an der FU Berlin.Seit 1952 und seit seiner Begegnung mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ständiger Mitarbeiter, heute Herausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift Les Temps Modernes.Neuneinhalb Stunden ist der Dokumentarfilm "Shoah" lang, der 1985 beim Berlinale Forum erstmals gezeigt wurde. Lanzmann arbeitete zwölf Jahre an diesem Film, den Titel "Shoah" (hebräisch für "Abgrund", "Vernichtung", "große Katastrophe") fand er erst zum Schluss. "Shoah" verzichtet auf Archivmaterial und lässt die unmittelbaren Zeugen des Massenmords - Juden aus den Sonderkommandos, die polnischen Zuschauer und die deutschen Täter - erzählen, wie die Ermordung der Menschen in Auschwitz, Chelmo, Sobibor oder Treblinka vonstatten ging."Tsahal" heißt Lanzmanns Film über die "Tsava Haganah LeIsrael", die Armee zur Verteidigung Israels. Er drehte ihn von 1991 bis 1994. 2001 kam sein Film "Sobibor, 14 Octobre 1943, 16 Heures" heraus, der den jüdischen Aufstand im Vernichtungslager Sobibor dokumentiert.------------------------------Den hier erwähnten Text von Claude Lanzmann finden Sie auf Seite 8 des Magazins.------------------------------Foto