Fatih Akin wurde 1973 in einer türkischen Familie in Hamburg geboren. Nach seinem Studium an der Hamburger Kunsthochschule wurde er mit dem Film bekannt: "Kurz und Schmerzlos" (1998) erzählt vom Alltag der Ausländer in Hamburg-Altona. Danach drehte Akin das Road Movie "Im Juli" (2000). In "Solino" (2003) erzählt der Regisseur von einer italienischen Gastarbeiterfamilie, die in den 50er-Jahren in Deutschland eine Pizzeria eröffnet. Derzeit dreht Akin in Istanbul einen neuen Film.Ihr neuer Film heißt "Gegen die Wand". Ein Melodram?"Gegen die Wand" ist eine Liebesgeschichte, die von einem ungleichen Paar erzählt: die Liebenden können nicht zusammenkommen, weil die Umstände zu krass sind. Es ist der erste Teil einer Trilogie mit dem Titel "Liebe, Tod und Teufel"; "Gegen die Wand" steht für "Liebe", obwohl es auch in den anderen beiden Teilen um Liebesgeschichten geht.Der Film spielt hier und da, er wandert, wie die meisten Ihrer Filme .Ich versuche, den Blick der Leute in der Türkei einzufangen. "Im Juli" zeigte damals einen sehr deutschen Blick auf Istanbul, den der Hauptfigur Moritz: der Bosporus, die Brücke, die Schönheit . In "Gegen die Wand" versuche ich durch den Blick der Einheimischen zu vermitteln, dass Istanbul eine sehr harte Stadt ist und hässlich sein kann.Als Regisseur zeigen Sie drei verschiedene Sichten auf Istanbul: den Blick der Türken, die hier leben, den der in Deutschland lebenden Türken und den Blick der Deutschen .. der mich am wenigsten interessiert. Die Deutschen schauen zu, doch sonst haben sie nicht viel mit dem Leben der Türken zu tun.Vor zwei Jahren ging es für Sie noch darum, sich im Kino-Mainstream zu etablieren, um von dort aus das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern zu verändern.Ich habe den Mainstream vor allem mit meiner Gastarbeitergeschichte "Solino" erlebt - und der Mainstream schmeckt mir nicht! Mit "Solino" wurde ich voll in die kommerzielle Ecke verfrachtet; dass es ein sehr ehrlicher Film ist, wurde so nicht angenommen. Immerhin haben zwei meiner Filme eine halbe Million Zuschauer erreicht. Meiner Meinung nach ist die Emanzipation der jungen, in Deutschland aufgewachsenen türkisch-stämmigen Filmemacher vom Migrantenfilm vollzogen. Nehmen Sie Züli Aladag: der lebt in Köln, dreht "Elefantenherz", und niemand redet von einem türkischen Film. "Elefantenherz" ist ein deutscher Film! Diese Tür haben wir Migrantenkinder aufgestoßen; man muss nicht mehr über das deutsch-türkische Verhältnis im Kino reden!Wenn ethnische Wurzeln nicht mehr zum Tragen kommen, mag das integrativ ein Fortschritt sein, aber auch ein Verlust. Ach was, selbst in Frankreich reden die Leute nicht mehr so über ethnische Prägungen. Als Mathieu Kassovitz 1995 "Hass" gemacht hat, seinen Spielfilm über Jugendbanden und Ausländer in den Schlafstädten, wurde der Film schon nicht mehr als Cinema Beur, also Migrantenkino, definiert (okay, Kassovitz ist Jude, aber egal), sondern als französischer Film. Das Cinema Beur gibt es nicht mehr, ebenso wenig wie es ein afroamerikanisches Kino gibt. Selbst Regisseure wie der Vorzeige-Afroamerikaner Spike Lee haben sich nach außen geöffnet, denken Sie an seinen New-York-Film "25 Hours". Das alles sind Zeichen dafür, dass sich die ethnischen Zuschreibungen im kulturellen Bereich auflösen. Jetzt muss man diese Tendenzen in den gesellschaftlichen Bereich projizieren, aber das kann nicht meine Aufgabe sein.Wie verhält es sich mit der Ästhetik Ihres neuen Films? Mein erster Film hat sich noch an John Cassavetes und am frühen Scorsese orientiert; der zweite war an Kusturica angelehnt und an französischen Abenteuerfilmen aus den 60ern, etwa "Abenteuer in Rio" mit Belmondo. Mit "Solino" wollte ich den Neorealismo wiederentdecken. Ob ich inzwischen eine eigene Handschrift gefunden habe, müssen andere beurteilen, aber heute frage ich mich: Was will ich erzählen und wie muss ich es tun, damit es sich vermittelt. Es geht mir darum, schneller und näher an allem dran zu sein, wie im Dokumentarfilm. Bei Scorsese geht es häufig auch darum, dass Menschen sich in einem neuen Land behaupten müssen. Es gibt da diesen sehnsüchtigen Blick Richtung alte Heimat, etwa Sizilien. Wie ist das bei Ihnen?Wenn es denn ein gemeinsames Element in meinen Filmen gibt, dann dass alle meine Figuren die Sehnsucht nach einem besseren Leben anderswo spüren. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob das eine kollektive Sehnsucht ist.Wie reagierten die Zuschauer in der Türkei auf "Solino"?Der Film kommt hier viel besser an als in Deutschland; vor allem die türkischen Intellektuellen waren begeistert. Die Türken haben "Solino" übrigens als "Mittelmeer-Kino" begriffen, wie ich finde ein sehr schöner Ausdruck, denn er umfasst noch eine andere Region: auch Nordafrika, Tunesien, Marokko.Fühlt man sich in der Türkei jetzt als Teil von etwas Großem?Kulturell gibt es ein großes Aufmachen: die Leute gehen hier fanatisch ins Kino und diskutieren heftig über die Filme, doch gesellschaftlich entsteht nichts Neues. Ich versuche den Leuten in der Türkei zu zeigen, wie wertvoll ihre Kultur ist, und sie verstehen das nicht, weil die Türkei Teil von gar nix ist. Die arabische Welt will die Türken nicht annehmen; die Türken können sich mit Europa identifizieren, aber das geht nicht umgekehrt. Ich sage: Wenn Herr Stoiber die Türkei nicht in der EU haben will, dann will er auch mich nicht haben; dann geh ich eben nicht zum Europäischen Filmpreis. In dem Punkt sind Sie wieder ......ja, Türke. Ich stehe nicht hinter einem Regime, das Kurden unterdrückt. Ich bin kein Nationalist. Aber einige meiner Verhaltensmuster haben ihre Ursprünge in der türkischen Kultur.Was für eine Bedeutung hat das türkische Kino für Sie?Es ist ein unerschöpflicher Schatz. Ganz vorn steht für mich Yilmaz Güney, der mit seinem Kino alles verändert hat. Ein sehr wichtiger Filmemacher, auch global, ein politischer Filmemacher, ein extremer Filmemacher - und ein "Mann des Volkes". Prozentual gesehen ist das türkische Kino erfolgreicher als das deutsche. Die Türkei produziert nur sechs bis zehn Filme im Jahr, aber es ist immer einer dabei, der es nach Cannes oder Venedig schafft. Wie kommt das?Das deutsche Kino findet gerade erst wieder zu sich. Ich würde jedenfalls gern ein Jahr in der Türkei leben und einen rein türkischen Film machen wollen. Für Türken?Für - die ganze Welt! Es gibt in der Türkei viel zu entdecken: vielleicht kann ich noch mal einen deutschen Blick auf das Land werfen, vielleicht habe ich einen anderen Blick, den die Türken hier nicht haben. Vielleicht nehmen sie meinen Blick auch gar nicht an, weil sie sagen: Was ist das denn? Das muss ich ausprobieren. Zudem ist das türkische Kino arm; ich sollte hier lernen, ökonomisch zu arbeiten."Gegen die Wand" hat viel mit dem 11. September zu tun? Seit den WTC-Attentaten erscheint die Welt zweigeteilt, in den bösen Orient und den guten Okzident, Schwarz und Weiß. Darüber bin ich wütend. Mit meiner Film-Trilogie will ich auch ergründen, ob der Teufel tatsächlich böse ist - oder ist der Teufel nicht Che Guevara gewesen, der die Menschen aus dem Sklaventum Gottes befreien wollte?Das Gespräch führte Amin Farzanefar."Wenn Herr Stoiber die Türkei nicht in der EU haben will, dann will er auch mich nicht haben. " Fatih Akin.DEFD DEUTSCHER FERNSEHDIENST Der Filmregisseur Fatih Akin

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