Der Fotograf Andreas Mühe ist dreißig Jahre alt und hat schon Bilder gemacht, die als unvergesslich gelten. Er schafft es sogar, die Kanzlerin vor der Kamera zu entspannen: Der Mann mit dem Tiefkühl-Blick

HAMBURG. Er muss noch diesen Bleistift holen. Einen dunkelgrünen Faber Castell 9000, Stärke 8B. Es ist der Bleistift von F. C. Gundlach, seinem großväterlichen Mentor. "Der Stift sträubt sich ein bisschen, wenn man ihn auf das Papier setzt. Er darf nicht zu spitz sein. Und schreib nicht zu klein", wird Gundlach ihn später ermahnen. Und Andreas Mühe wird neben ihm stehen und nicken wie ein Schuljunge.Erst einmal aber sitzen sie zusammen im Wintergarten von Gundlachs Haus in der Hamburger Parkallee, der 83-jährige Altmeister und der 30 Jahre alte Newcomer. Sie reden über Fotografie, das heißt, eigentlich redet nur Gundlach. Andreas Mühe hört zu. Gundlach spricht von Fotos, die zu Ikonen geworden sind. "Das Merkel-Bild wird bestimmt eine werden", sagt er. Er meint das Foto, das Mühe vor zwei Jahren im Botanischen Garten in Berlin aufgenommen hat. Das Foto mit dem großen Baum und der kleinen Frau, die im dunkelblauen Hosenanzug dasteht, das Gesicht von der Kamera abgewandt. Man erkennt sie allein an der Körperhaltung. An den leicht nach vorne gezogenen Schultern, den vor dem Bauch verschränkten Händen. Eine Bundeskanzlerin ohne Gesicht.Es ist ein typisches Mühe-Bild, weil es den Menschen zugleich klein und ganz groß macht. Angela Merkel wird von der Natur überragt und dominiert trotzdem die Szenerie. Sie wirkt abwesend und bleibt doch mächtig. An dieser Stelle ähnelt Mühes Ästhetik ein bisschen Merkels Politikstil. Vielleicht lässt sich die Kanzlerin deshalb so gerne von ihm fotografieren.Ein neues LebenInzwischen geht es in Gundlachs Wintergarten um ganz praktische Dinge. Eine Ausstellung muss vorbereitet werden, Mühes erste Werkschau in der Berliner Galerie Camera Work, einem der wichtigsten Show-Rooms für Fotografie im deutschsprachigen Raum. Gesetzte, sehr erfolgreiche Herren wie Will McBride, Robert Lebeck oder Jim Rakete stellen dort normalerweise aus. Mühe wird der jüngste Fotograf sein, der sich je bei Camera Work präsentieren durfte.F. C. Gundlach, der mit den Jahren so etwas wie der Oberschiedsrichter der deutschen Fotografie geworden ist, kuratiert Mühes Ausstellung. Das heißt, er sucht die Fotos aus, entscheidet über die Hängung. Vor ihm auf dem Tisch steht ein Styropor-Modell der Galerieräume. "Allein durch die Anordnung kann man Bilder in den Himmel heben oder vernichten", sagt Gundlach. Er hat sich schon alles genau überlegt. Die Bilderrahmen werden aus Tulpenholz gemacht, der Abstand zwischen Foto und Rahmen wird sechs Zentimeter betragen, die Innenleisten der Rahmen werden weiß sein. Sie werden UV-abweisendes, entspiegeltes Museumsglas verwenden. Auf der Rückseite wird Andreas Mühe die Fotos signieren. Dafür braucht er den Bleistift.Andreas Mühe hört sich das alles an, diese ganzen Dinge, auf die man so achten muss, wenn man kurz davor ist, den Kunstmarkt zu erobern. Er ist angespannt, konzentriert. Seine großen, sanften Augen registrieren argwöhnisch alles, was um ihn herum passiert. Man sieht ihm an, wie ungewohnt diese Selbstinszenierung für ihn ist, wo er doch normalerweise andere in Szene setzt. Er spürt, dass gerade etwas Neues beginnt. Es ist so, als sei eine große Maschine angelaufen und würde ihn mitreißen in ein neues Leben.Eine Stunde später steht er in der Werkstatt des Rahmenbauers Rohlff am Hafen in Harburg. Er trägt Stiefel mit Schäften aus grauem Filz und ordentlich gescheiteltes Haar. Manchmal wirkt er wie ein Junge aus den Dreißigerjahren, so ähnlich wie die Models, mit denen er arbeitet. Ganz oben auf einem Stapel großformatiger Aufnahmen, die gleich gerahmt werden sollen, liegt ein Schwarz-Weiß-Foto, das er vor sechs Jahren in dem ehemaligen Nazi-Seebad Prora auf Rügen aufgenommen hat. Blonde Männer marschieren an mächtigen Häuserblocks entlang. Auf anderen Aufnahmen aus derselben Serie posieren muskulöse Kerle mit Handtüchern am Strand oder stehen mit hochgeschlagenem Mantelkragen unter stahlgrauen Wolken.Mühe sagt, er möge die Architektur und die Mode der Dreißigerjahre. Das Geradlinige, Strukturierte. Den Mut zur Größe. Er weiß, dass dieser Hang zur Nazi-Ästhetik leicht missverstanden werden kann, dass es gefährlich ist, damit zu spielen. Aber es geht ihm nicht um Verherrlichung, eher um die Suche nach sich selbst, nach Heimat, Identität. Er sagt, er sei von den Aufmarsch- und Pionierbildern in der DDR geprägt worden, von diesen Demonstrationen der Macht, die hilflos und kraftvoll zugleich waren.Mühe nimmt den Bleistift von F. C. Gundlach in die Hand und signiert das Prora-Foto, das in der Galerie etwa zehntausend Euro kosten wird. Später wird er sagen, er habe sich in diesem Moment wie ein Hochstapler gefühlt. Es ist alles noch so fremd.Er kommt aus einer Theaterfamilie. Sein Vater war Ulrich Mühe, der große, vor zweieinhalb Jahren verstorbene Schauspieler, über den er nicht so gerne in der Öffentlichkeit spricht, weil er mehr sein will als der Sohn eines berühmten Mannes. Die Mutter, Annegret Hahn, hat in der DDR als Dramaturgin gearbeitet und ist heute Intendantin des Thalia-Theaters in Halle. Mühe wird in Karl-Marx-Stadt geboren, im November 1979. Die ersten Jahre lebt er mit dem Vater allein in einer riesigen Wohnung, die Mutter arbeitet in Berlin. Er erinnert sich noch an das Eckhaus mit dem großen Erker. Im Flur stand eine Tischtennisplatte und die ganze Wohnung war mit diesen kleinen, viereckigen Bastmatten ausgelegt, außer im Kinderzimmer, da lag ein blauer Teppich. Mehr Bilder hat er nicht mehr im Kopf aus dieser Zeit, was er schade findet, weil es die einzigen Jahre waren, die er mit seinem Vater zusammengelebt hat.Als sie vier Jahre später nach Berlin zogen, waren die Eltern schon getrennt. Er wohnte zusammen mit seinem jüngeren Bruder bei der Mutter in Schöneweide. Abends waren sie meistens allein, weil die Mutter ins Theater musste. Sie haben früh gelernt, selbst auf sich aufzupassen. Wenn die Mutter nicht im Theater war, saßen die Leute aus dem Theater bei ihnen zu Hause in der verrauchten Küche und diskutierten. Der Vater kam zu den Geburtstagen, und dann brachte er tolle Geschenke mit. Er fuhr einen roten BMW, wahrscheinlich den einzigen in der ganzen DDR. "Ich glaube, mein Vater konnte mit kleinen Kindern nicht so viel anfangen", sagt Andreas Mühe.Die Mutter hatte einen gelben Trabant, mit dem fuhren sie im Sommer zum Bauernhof des Großvaters in der Uckermark oder zum Baden nach Rügen. Wenn sie auf der Autobahn waren, stellten sich die Jungs vor, der gelbe Trabant sei das schnellste Auto der Welt. Und wenn trotzdem einer überholte, dann schied der eben aus dem Rennen aus, weil es ja nicht sein konnte, dass jemand das schnellste Auto der Welt überholt.Die Mauer fiel zwei Wochen bevor Andreas Mühe zehn Jahre alt wurde. Auf einmal hatten die Lehrer nicht mehr viel zu sagen, und die Mutter hatte noch weniger Zeit als vorher, weil sie damit beschäftigt war, ihr eigenes Leben in den Griff zu kriegen. Andreas Mühe sagt, die Leute würden immer denken, er habe von der DDR gar nichts mehr mitbekommen, weil er ja noch ein Kind war, als die Mauer fiel. "Aber die Menschen, mit denen ich danach gelebt habe, sind doch dieselben geblieben. Diese ganze Verunsicherung, diese Suche nach etwas Neuem, das hat so lange gedauert. Eigentlich dauert es bis heute."Seinen ersten Fotoapparat bekam er mit fünfzehn von seiner Mutter geschenkt. Eine Nikon F50. Er wusste ziemlich schnell, dass er Fotograf werden wollte. Vielleicht ging es auch darum, nicht Schauspieler zu werden. Er sagt, er fand es schön, sich Menschen ohne Worte nähern zu können, sie mit den Augen zu entdecken, etwas in ihnen aufzuspüren und festzuhalten.Er macht eine Ausbildung als Fotolaborant, arbeitet drei Jahre lang als Assistent für andere Fotografen. 2001 macht er sich selbstständig, aber er kriegt keine Jobs, muss wieder als Laborant arbeiten, das Zeug von anderen entwickeln, die Jobs haben. Er sitzt zu Hause in seiner Wohnung in der Metzer Straße und versinkt in trüben Gedanken.Im Winter 2004 arbeitet er als Hilfskraft auf einer Skistation in Sankt Moritz. An einem Februar-Nachmittag klingelt sein Handy, als er gerade im Tiefschnee abfährt. Es ist eine Werbeagentur in Frankfurt, er soll Fotos für die Deutsche Bahn machen. Kurz darauf meldet sich eine Agentur aus Prag und bucht ihn für eine Skoda-Kampagne, die in Südafrika produziert werden soll. Das ist der Anfang.Von dem Geld aus dem Skoda-Job kauft er eine Linhof-Plattenkamera, zehn mal zwölf Zentimeter. Damit sind Aufnahmen mit einer Tiefe und Schärfe möglich, wie sie Kleinbildkameras nicht liefern. Allerdings kann man mit diesem Apparat nicht aus der Hand fotografieren, er muss auf einem Stativ stehen. Mit dieser Kamera zwingt sich Mühe zum Nachdenken, zur Konzentration. "Mein Bild muss im Kopf schon fertig sein, dann stelle ich die Kamera an den Punkt, an dem sie stehen muss. Und wenn alles gut geht, kommt mein Foto vom Kopf auf die Platte", sagt er.Mühe mag keine Zufälle, alles ist geplant und inszeniert. Aber am Ende soll es dann doch wieder wie zufällig wirken, wie ein spontaner Moment. Mit einem aufwendigen Lichtarrangement schafft er Stimmungen und Akzente. Er zwingt dem Betrachter seinen Blick auf. Bei der Entwicklung entzieht er die Rot-Töne, das pumpt diese künstliche Kühle in seine Bilder. Und alles zusammen ergibt das, was in der Fachwelt ehrfürchtig der "Mühe-Stil" genannt wird.Auf einem Foto mit dem Titel "Mitte" steht eine Gruppe von Leuten vor einer Berliner Galerie. Es sind diese Typen mit Dreitagebart und Umhängetasche, diese Frauen mit Reitstiefeln und großen Sonnenbrillen. In Mühes Tiefkühloptik sehen diese lässigen Menschen wie ihre eigenen Karikaturen aus. Sogar der brave Daniel Brühl bekommt im Gegenlicht auf einer Straße im Wald etwas Abgründiges. Es kann sein, dass es Mühe gar nicht mehr darum geht, die Menschen abzubilden. Für ihn sind sie Objekte, denen er in seinen Bildern die Plätze zuweist.Immer wieder klingelt das Handy. Immer wieder muss Andreas Mühe den Bleistift absetzen. Der Stapel der Fotos, die er signieren soll, wird nur langsam kleiner. Außerdem ist es kalt geworden in der Werkstatt des Rahmenbauers in Harburg. Mühe reibt seine Hände aneinander. Innerhalb einer Stunde ruft zweimal die Galerie, viermal das Fotolabor, zweimal seine Agentin und einmal ein Kunsthändler an. Alle wollen etwas, alle zerren an ihm. Er kann es gar nicht genießen, dieses Defilee seiner Bilder.Fotos seines Vaters werden nicht in der Ausstellung sein. Das will er nicht mehr. Als Ulrich Mühe schon tot war, hat er ein paar Aufnahmen von ihm im Zeit-Magazin und in Vanity Fair veröffentlicht. Heute hält Andreas Mühe das für einen Fehler. Es war privat, und das hätte es auch bleiben sollen, sagt er. Es kann sein, dass die Fotografie eine Möglichkeit für ihn war, sich dem lange fremden Vater anzunähern.Vor der Kamera seines Sohnes zeigte sich Ulrich Mühe ungeschützt. Andreas Mühe begleitete den Vater mit dem Fotoapparat, als der im Februar 2007 nach Los Angeles zur Oscar-Verleihung fuhr, weil sein Film "Das Leben der Anderen" nominiert war. Zu dieser Zeit war Ullrich Mühe schon sehr krank. Die Fotos zeigen einen blassen, verletzlichen Mann, der zu wissen scheint, was ihn erwartet. Auf einer Aufnahme sieht man Ulrich Mühe kurz vor der Oscar-Verleihung am Fenster seines Hotelzimmers stehen. Ein schmaler Schatten zwischen Triumph und Todesangst.Es scheint leicht zu sein, Andreas Mühe zu vertrauen, diesem ruhigen, sanftäugigen Mann. Sogar Angela Merkel, die als sehr misstrauisch gilt, fühlt sich bei ihm gut aufgehoben und wird locker. Er selbst mag dazu nicht viel sagen, weil ja gerade das einen Teil des Vertrauens ausmacht, sagt er. "Dass man auch mal die Klappe halten kann."Der Beauty-BlitzVor drei Jahren hat er Angela Merkel zum ersten Mal getroffen. Er sollte sie für die Vanity Fair in New York bei ihrer ersten Rede vor den Vereinten Nationen fotografieren. Er hatte eine Mittelformatkamera mit Ringblitz dabei, das ist ein Blitzlicht, das um das Objektiv herum liegt und ein weiches, schönes Licht macht. Ein Beauty-Blitz sozusagen.Das sah man auch auf den Fotos. Zum ersten Mal wirkte Angela Merkel ziemlich attraktiv. Ein Jahr später fotografierte er sie für den Stern im Botanischen Garten. Drei Tage ist er rumgerannt, um den Baum zu finden, unter den er sie stellen wollte. Und sie hat sich da hingestellt.Für den Spiegel hat er sie letztes Jahr im Kanzleramt fotografiert. Man sieht sie in der weißen Kulisse sitzen, von Scheinwerfern umstellt. Wieder nimmt er sie von der Seite auf, das Gesicht im Profil.Sein vielleicht radikalstes Merkel-Porträt kommt sogar ganz ohne die Hauptperson aus. Man sieht nur das Kanzler-Büro in klinisch kühlen Grautönen. "Es ist ein Raum, in dem sie ihren Schatten hinterlassen hat, in dem sie vielleicht gerade war oder wo sie jeden Moment auftauchen könnte", sagt er.Letzten Herbst hat sie ihn angerufen und gefragt, ob er sie für den Wahlkampf fotografieren könnte. Wahrscheinlich wollte sie wieder mal gut aussehen. Die Aufnahmen zeigten eine entspannte Frau im grünen Blazer vor schwarzem Hintergrund. Sie wirkte wie jemand, dem man vertrauen kann.Andreas Mühe will in nächster Zeit vor allem Landschaften fotografieren. Das Thema Heimat beschäftigt ihn immer noch mehr als alles andere. Dieses Gefühl, irgendwo im Wald oder auf einem Feld oder an einem See zu stehen und irgendwie zu Hause zu sein. Er sagt, er habe Angst davor, irgendwann nur noch das zu machen, was schon funktioniert. Den Mühe-Stil totzureiten. "Es muss weitergehen. Immer weiter."------------------------------Foto: Angela Merkel beim Fototermin mit Andreas Mühe im KanzleramtFoto: Andreas Mühe wollte schon früh Fotograf werden, vielleicht weil er nicht Schauspieler werden wollte wie sein berühmter Vater Ulrich Mühe.