BERLIN. Jürgen Henschel ist ein scheuer Mann. Einer, der nicht gern im Mittelpunkt steht, wie er sagt. Dabei könnte er gerade in diesen Tagen ein sehr bekannter Mann werden. Ein gefragter Gast in Talkshows und interessanter Interviewpartner im Erinnerungsgeschäft, das sich mit der Studentenbewegung und den Ursprüngen des Terrorismus in Deutschland beschäftigt. Denn der 1923 in Berlin geborene Jürgen Henschel ist nicht einfach nur ein Zeitzeuge jener bewegten Tage im Juni 1967, die das auslösten, was man heute die 68er Bewegung nennt. Jürgen Henschel ist der Fotograf des berühmten Bildes, das den von einem Polizisten erschossenen Studenten Benno Ohnesorg zeigt. Das war am 2. Juni 1967, vor vierzig Jahren.Von der dramatischen Situation auf dem Charlottenburger Parkdeck gibt es viele Fotos. Aber nur eines ist von dieser Dramatik, nur eines hat diese mobilisierende Symbolkraft wie Henschels Bild. Ein Foto, das für den Beginn einer Epoche steht, ein Foto, das Geschichte gemacht hat.Der Mann im HintergrundJürgen Henschel weiß das, aber er macht nicht viel Aufhebens davon und auch nicht von sich selber. Er lebt in einer bescheidenen Wohnung im Berliner Stadtteil Lankwitz und widmet sich vor allem seinem Schrebergarten. Die Bitte um ein intensiveres Gespräch über die Entstehungsgeschichte seines Fotos ist ihm eher unangenehm. "Ach, können Sie das nicht ohne mich machen?", sagt er am Telefon. Und dann muss man um jeden Satz mit ihm ringen.Das war schon seine Haltung, als er noch als Fotograf arbeitete. Er war der Beobachter, der Dokumentarist, der unauffällig am Rande stand, jede Art von Selbstinszenierung war ihm fremd.Jürgen Henschel ist ein Autodidakt. Er kehrt 1949 als überzeugter Antifaschist aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin zurück. Er arbeitet als Schlosser bei der DDR-Reichsbahn und beginnt als Amateur zu fotografieren. Ab und an schickt er Fotos an die "Wahrheit", die Zeitung des West-Berliner Ablegers der SED, die später SEW heißt. In den 60er-Jahren bekommt das Blatt auf Weisung Walter Ulbrichts einen neuen Chefredakteur: Hans Mahle, der 1945 mit der Gruppe Ulbricht aus Moskau nach Berlin gekommen war. Unter seiner Leitung bemüht sich die "Wahrheit" um eine Rolle in der aufkeimenden Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg. Ab 1967 erscheint die Zeitung vier Mal in der Woche und stellt nun einen eigenen Fotografen an: Jürgen Henschel.Es ist die Zeit der beginnenden Demonstrationen und Proteste der Studenten an der Freien Universität. Obwohl Henschel eigentlich den Auftrag hat, den proletarischen Alltag in West-Berlin aufzuspüren und für seine Zeitung abzubilden, werden diese Aktionen zu einem immer wichtigeren Arbeitsfeld. Henschel ist ein eher kleiner Mann, und um in der oft unübersichtlichen Menge einen besseren Überblick zu bekommen, nutzt er seine eigene Technik: Er schleppt neben seinen Kameras gern eine kleine Aluminiumleiter mit zu seinen Terminen. Von der aus fotografiert er dann und gibt so seinen Bildern oft einen ganz eigenen Blickwinkel. Bald ist Henschel in der Szene bekannt: Er ist der Mann mit der Leiter, die auch Kollegen gern einmal benutzen.Am Abend des 2. Juni hat er sie nicht dabei, sie hätte ihn zu sehr behindert. Es ist der Tag des Schah-Besuchs in Berlin. Schon mittags hat es erste Auseinandersetzungen vor dem Rathaus Schöneberg gegeben, wo die "Jubelperser" des iranischen Geheimdienstes unter den Augen der Berliner Polizei mit Stöcken auf demonstrierende Studenten und oppositionelle Landsleute eingedroschen haben. Die Stimmung ist aufgeheizt, als der Schah mit dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke am Abend zur Aufführung der Zauberflöte an der Deutschen Oper in Charlottenburg vorfährt.Tausende Demonstranten belagern die Oper, die Gäste können nur mit Mühe in das Gebäude gelangen. "Ein infernalisches Geschrei. Eier, Farbbeutel flogen, wohl auch ein paar Steine", erinnert sich Heinrich Albertz später, der als Regierender Bürgermeister den Schah und seine Gattin Farah Diba begleitete. "Ich hoffe, dass sich bei der Abfahrt dieses Schauspiel nicht wiederholt", blafft er einen Polizeioffizier an. In seinen Erinnerungen schreibt der Sozialdemokrat: "Vielleicht hat dieser Satz alles weitere ausgelöst."Diese Sorge war unbegründet. Es ist heute nachgewiesen, dass reaktionäre Kräfte in der Berliner Polizeiführung an diesem Abend ein Exempel an den protestierenden Studenten statuieren wollten und ihnen die Dinge dann mit dem tödlichen Schuss des Kommissars der Politischen Polizei Karl-Heinz Kurras entglitten. Eine Dokumentation dieser Strategie hat gerade der Berliner Historiker Uwe Soukup vorgelegt, der in kriminalistischer Kleinarbeit die Ereignisse des 2. Juni 1967 rekonstruiert hat (Uwe Soukup: Wie starb Benno Ohnesorg?) Die bekannteste Aussage darüber stammt vom damaligen Polizeipräsidenten Erich Dünsing, der das Vorgehen seiner Beamten mit dem Bild einer Wurst erklärt: "Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt."Inmitten dieses Tumults bewegt sich Jürgen Henschel, der sich so daran erinnert: "Wir Journalisten machten unsere Arbeit, angesteckt von der allgemeinen Stimmung. Ich pendelte hinter, vor und zwischen den Polizeilinien. So kam ich auch in den Garagenhof, wo ein am Kopf verletzter Mann gerade von einer jungen Frau, die offenbar nicht zu den Demonstranten gehörte, versorgt wurde. Ich wechselte mit der Frau ein paar Worte, machte Aufnahmen, auch noch, als der junge Mann auf einer Trage in ein Sanitätsauto gebracht wurde. Am nächsten Morgen hörte ich im Rundfunk, dass ein Jugendlicher bei dem Polizeieinsatz "zum Schutz der öffentlichen Ordnung" ums Leben gekommen war.Dann ahnte Jürgen Henschel auch schon, was er gesehen hatte: "Am späten Vormittag kam der ,Abend' (eine damals in West-Berlin erscheinende Mittagszeitung) mit einem alten Portraitfoto des erschossenen Benno Ohnesorg heraus. Als ich das Bild sah, erinnerte ich mich blitzartig des Erlebten in dem Garagenhof. Ich beeilte mich, nach Hause zu kommen, um die Filme zu entwickeln. Zu der Zeit machte ich meine Laborarbeiten noch in meiner Wohnung, auf der verdunkelten Toilette. Als ich mir die Filme ansah, die entsprechenden Fotos abgezogen und mit dem Foto im 'Abend' verglichen hatte, war es klar, es war der von Kurras Erschossene!"Am Abend dieses Samstags treffen sich im Republikanischen Club in der Wielandstraße Journalisten, es soll um die Behinderungen der Presse durch die Polizei gehen. Jürgen Henschel aber hat Abzüge seines Fotos des sterbenden Benno Ohnesorg dabei. Eine Sensation.Am Montag darauf erscheint es als ganzseitiges Titelbild einer Sonderausgabe des "FU-Spiegel", der Zeitung des Asta der Freien Universität. Henschels Zeitung, die "Wahrheit", kann es erst am Dienstag drucken, dem ersten Erscheinungstag nach dem Wochenende.Damit war das Bild in der Welt. Und in den Köpfen der Menschen. Es setzt sich fest im kollektiven Bewusstsein einer ganzen Generation, und es wirkt bis heute. Gerade erst hat die "Zeit" es als Titelbild ihres Geschichtsmagazins über "Das Jahr der Revolte" gedruckt.Der Schriftsteller Uwe Timm vergleicht es in seinem anrührenden Buch "Der Freund und der Fremde" über seine Freundschaft zu Benno Ohnesorg mit einem anderen Foto aus jener Zeit: Die aus einem brennenden vietnamesischen Dorf fliehenden Kinder, vorn das Gesicht des durch Napalm verbrannten Mädchens. Ein stummer Schrei. "Bilder, die sich ins Bewusstsein einsenken, eine hochverdichtete aus sich heraus sprechende Situation zeigen und so rationale Einsichten emotional aufladen und an die eigene Handlungsfähigkeit appellieren." Wie das Foto von Jürgen Henschel."Das Foto, das ihn, den Sterbenden, am Boden Liegenden zeigt, versammelt in sich christliche Motive" schreibt Timm. "Diese Frau in einem festlichen schwarzen Umhang, das schwarze Gewand lässt die Arme frei, so kniet sie neben ihm, und der Blick geht nach rechts oben, die Assoziation ist nahe liegend: eine religiöse Ikone." Doch Timm geht noch weiter. "Die Zeit war, wie es heißt, reif. Aber damit es zu solchen Wetterschlägen kommt, ist eine besondere Situation nötig, eine besondere Person, ein besonderes Bild, das sich im Bewusstsein verankert, das Erkennen mit dem Gefühl auflädt, was wiederum die analytisch gewonnene Erkenntnis befeuert."Ein IrrwegAusgehend von diesem 2. Juni 1967 radikalisiert sich die Studentenbewegung in Deutschland, die mit diesem Bild ihr befeuerndes Symbol gefunden hat. Die Erlebnisse dieses Tages politisieren auch die Frau auf dem Foto, Friederike Dollinger. Sie tritt dem SDS bei und später anderen linken Gruppen, was ihr ein Berufsverbot als Lehrerin einbringt. Sie erinnert sich aber auch daran, dass es nicht nur der Tod Ohnesorgs war, der sie radikalisierte. Es war viel mehr noch der Prozess gegen den Todesschützen Karl Heinz Kurras, der in zwei Instanzen freigesprochen wurde, von Richtern, die ihre Ausbildung in der Nazizeit erhalten hatten.Zwanzig Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft ist dies ein zentrales Thema der Auseinandersetzung, die Täter sind überall noch gegenwärtig. Schon am Abend des 2. Juni deutet sich auch der verhängnisvolle Irrweg an, den ein kleiner Teil der radikalisierten jungen Leute gehen sollte. Bei einem Treffen in der SDS-Zentrale am Kurfürstendamm fällt eine Studentin auf: Sie fordert die Runde auf, eine Polizeikaserne zu überfallen und sich zu bewaffnen: "Das ist die Generation von Auschwitz, mit denen kann man nicht diskutieren."Die junge Frau ist Gudrun Ensslin, die spätere RAF-Terroristin. Anfang der 70er-Jahre benutzt die "Bewegung 2. Juni" die Symbolkraft dieses Datums, des Todestags von Benno Ohnesorg, unverblümt für ihre terroristischen Ziele. Die Gruppe treibt die Symbolik sogar noch weiter. Nach der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz im März 1975 verlangt sie erfolgreich, dass Heinrich Albertz, der Bürgermeister jener Tage im Juni 1967, die gegen Lorenz ausgetauschten Terroristen bei ihrem Flug in die Freiheit als Garant begleitet.Es gibt manches, worüber man mit Jürgen Henschel noch gern sprechen würde. Welchen Blick hat er heute auf sein berühmtes Foto, auf dessen Wirkung? Doch so etwas ist seine Sache nicht. Er ist ein Mann der Bilder, ein Mann der Worte ist er nicht. Vor einigen Monaten zeigte das Kreuzberg Museum, dem Henschel sein Archiv überlassen hat, eine Ausstellung seiner Arbeiten über den Umbruch des Bezirks in den 70er- und 80er-Jahren. Zur Vernissage erschien der Fotograf immerhin, gesprochen hat er nicht.------------------------------Foto: Berlin-Charlottenburg, 2. Juni 1967. Nachdem der Polizist Karl-Heinz Kurras auf ihn geschossen hat, liegt der Student Benno Ohnesorg schwerverletzt auf dem Asphalt eines Parkdeckes. Die Studentin Friederike Dollinger hält seinen Kopf.------------------------------Foto: Der Fotograf Jürgen Henschel 1967. Heute ist er 83 Jahre alt.