Peter Woelck beugt sich über seinen Zeichenschrank, er zieht eine Schublade heraus und sucht. Dann reicht er ein Blatt herüber: Der Schriftzug des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, darunter das Bild eines jungen Mannes, der mit lässigem Stolz an der Kamera vorbeisieht, und eine Zahl: 2 360 Euro. Für den Preis wurde Peter Woelcks Foto eines Müllmanns, aufgenommen 1974 in Leipzig, vor ein paar Jahren versteigert. Woelck überreicht den Zettel wie einen Beweis. Er braucht das in diesen Tagen. Dinge, die ihn spüren lassen, dass er Künstler ist, mit einem Werk, das anerkannt ist. Nicht nur ein Mann Anfang 60, der nicht mehr in die Zeit passt, und in die Gegend. Und deshalb weg muss."Der Beklagte wird verurteilt, die Mietwohnung im Erdgeschoss des Anwesens Kastanienallee 36A (...) herauszugeben", steht in der Klageschrift, die der Anwalt des Hausbesitzers ans Amtsgericht Mitte geschickt hat. Noch ist es nur ein Satz, "Antrag", hat der Anwalt die Klage überschrieben. Am 19. August aber ist Verhandlung und dann könnte der Satz zum Urteil werden. Peter Woelck würde wohl mehr verlieren als seine alte Wohnung.Peter Woelck lebt seit 26 Jahren an der Kastanienallee, Ecke Schwedter Straße, Erdgeschoss, zwei Zimmer, Kammer, kleines Bad. Er war 37, als er eingezogen ist. Seine Freundin und er hatten sich getrennt, sie blieb mit dem gemeinsamen Kind in der Wohnung in der Tucholskystraße in Mitte. Die Kommunale Wohnungsverwaltung bot ihm eine Zwei-Raum-Wohnung an, genau da, wo Prenzlauer Berg endet und Mitte beginnt. Er baute eine Heizung ein und hängte Fotos, die er gemacht hatte, in die Fenster. Ein Vorschlag der Wohnungsverwaltung, das würde doch hübsch aussehen, sagte man ihm. Von außen betrachtet war seine neue Wohngegend trist. Das Leben spielte sich eher hinter den heruntergekommenen Fassaden ab. Illegale Konzerte, Lesungen, Feste. Peter Woelck sagt, dass ihm das alles zuerst fremd war. Er sei im Grunde immer noch der guterzogene Junge aus dem ordentlichen Berliner Vorort Wilhelmshagen gewesen, der zuerst ein Mathematikstudium anfing, wie seine Mutter es wollte, und sich dann doch traute, Fotograf zu werden "Ich bin hier ein zweites Mal groß geworden", sagt Peter Woelck. Das Leben in Prenzlauer Berg wurde auch seins.Peter Woelck sitzt auf dem Ledersofa in dem hohen Raum, den man durch die Eingangstür betritt, er trägt hautenge Hosen, breite Nietenarmbänder, viele Ringe und sehr langes rotes Haar. Fast sein ganzes Leben ist in diesem Zimmer untergebracht. Neben dem Schreibtisch lehnt ein Fahrrad, daneben liegt zusammengelegte Kleidung, vor der winzigen Küche stapeln sich Kisten. Die Fotos im Fenster gibt es immer noch. Peter Woelck erzählt gleichzeitig ausführlich und vorsichtig. Wie hin- und hergerissen zwischen der Scheu, in ein Leben blicken zu lassen, das in letzter Zeit auf eher krummen Bahnen verlief, und dem Wunsch, Anerkennung zu finden für seine Arbeit. Er zieht große Mappen mit Abzügen aus seinem Zeichenschrank. Viele der Bilder sind aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Sie erzählen von einem eigenen Blick und großem Talent. In der leisen Melancholie, der Nähe zu den Menschen und ihrem Alltag, sieht man den Einfluss Arno Fischers, sein Lehrer an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und einer der wichtigsten Fotografen der DDR. Die Kinder in Leipzig, die sich verstohlen, aber schon mit den Gesten der Erwachsenen Zigaretten anzünden. Der Fernsehturm im Bau, von beiden Seiten beugen sich Straßenlaternen zu ihm, wie in Sorge, dass der seltsame Turm kippen könnte. Der junge Müllmann, mit der verwegenen Aura eines James Dean. Systemkonform war das nicht, es war provokant, auf eine subtile Weise.Von seinem Beruf konnte er dennoch leben. Für Industrie-Kombinate dokumentierte er die Errichtung von Hochspannungswerken, den Ausbau des Stahlwerks in Eisenhüttenstadt und die Renovierung des Französischen Doms. Es ging ihm gut, sagt Peter Woelck. Geld haufenweise. In seiner Wohnung feierte er Partys. Manchmal ging er zu den Treffen von "Kirche von unten" in der Zionskirche. Den Mauerfall erlebte er in West-Berlin, im Sommer 1989 hatte er die DDR über Ungarn verlassen. Mit seiner Freundin zog er bei einem Bekannten in Neukölln ein, die Wohnung war klein, es gab Streit. Ein paar Wochen nach dem Mauerfall machte er sich auf den Weg zu seiner alten Wohnung. Der Schlüssel passte noch, die Heizung funktionierte. Er blieb.Es gibt ein Foto aus jener Zeit, Peter Woelck hat es vor seiner Wohnungstür gemacht. Auf dem kleinen Platz vor dem Haus stehen ein paar Trabis, an einem macht sich ein Mann zu schaffen, er schraubt Teile ab. Passanten sind nicht zu sehen. Heute wirkt das Bild wie ein letzter Moment der Ruhe.Was in den nächsten Jahren in der Gegend passierte, kann man mit einem Wirbelsturm vergleichen, und Peter Woelck in seiner kleinen Erdgeschosswohnung mit dessen unbewegtem Zentrum. Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Sturm erst jetzt droht, auch ihn wegzufegen.Es liegt auch an seinem Ruf aus den Achtzigerjahren, an Menschen wie Peter Woelck, dass der Prenzlauer Berg so schnell in eine neue Zeit transportiert wurde. Mit jedem Haus, das pastellfarben hinter den Baugerüsten hervorkam, schien Peter Woelck mehr in die Vergangenheit gezogen zu werden. Er sah das nicht so. Er mochte, dass es hell und voll wurde in seiner Straße.Beruflich ging viel schief nach der Wende. Zuerst hatte er noch Aufträge. Für eine Firma, die Einkaufszentren plante, dokumentierte er deren Bau, er gründete ein Fotostudio mit einem Kollegen, mit dem er sich bald zerstritt und irgendwann fotografierte er Döner für Dönerbudenbesitzer, die ihn nicht bezahlten. Er macht immer noch Bilder, die eine eigene Geschichte erzählen, eines ist vor dem Hauptbahnhof aufgenommen, Menschen laufen über die neue Freifläche wie über einen weiten Strand, die Stadt im Hintergrund scheint nicht ins Bild zu gehören. Peter Woelck legt das Foto zurück in den Zeichenschrank. Er habe wohl kein Talent, sich zu vermarkten, sagt er. Vor ein paar Jahren überredeten ihn Freunde, Hartz IV zu beantragen.Er ist gewissermaßen am Rand der Gesellschaft angekommen, aber in seiner Wohnung ist er mittendrin. Manchmal klopft jemand an die rostigen Gitter der Tür und will wissen, was das für Fotos sind im Fenster. Wenn Woelck ehrliches Interesse spürt, bittet er herein und zeigt seine Bilder. Einem solchen Besucher hat er auch den Abzug des "Müllmanns nach der Schicht" gegeben. Dass das Bild später in der Villa Grisebach versteigert wurde, erfuhr er zufällig. Er ärgerte sich ein wenig, aber vor allem freute er sich. 2 360 Euro. Wichtiger als Geld ist für Peter Woelck das Gefühl geworden, etwas wert zu sein. In der Kastanienallee zu wohnen, mittendrin, hilft ihm dabei.Zwei Gründe gebe es für die Kündigung, steht in der Klageschrift ans Gericht: Woelck müsse ausziehen, weil er in seiner Wohnung ein Gewerbe betreibe, ein Fotostudio. Und, weil bis Anfang der Achtzigerjahre der Hauseingang durch seine Wohnung führte. Der müsse jetzt wiederhergestellt werden, "die streitgegenständliche Wohnung wird jedoch nach Abschluss der Rückbauarbeiten nicht mehr in der jetzigen Gestalt vorhanden sein".Man kann es auch anders formulieren. Es gibt nicht mehr viele unsanierte Häuser in der Gegend, in der Kastanienallee stehen noch ein paar. Sie werden von Immobilienmaklern als "Top-Lage" angeboten. Peter Woelck zahlt 185 Euro Warmmiete.Nachdem er den Brief mit der Kündigung bekommen hatte, ist Peter Woelck durchs Haus gegangen und hat überall geklingelt. Er wollte die anderen Mieter bitten, ein Papier zu unterschreiben: dass es den Kundenverkehr nicht gibt, von dem der Anwalt schrieb. Die Wohnungen waren leer. Vermutlich haben die anderen Mieter Abfindungen bekommen, wie es üblich ist vor einer Sanierung, an deren Ende Eigentumswohnungen stehen sollen, oder Mieten, die die Möglichkeiten der alten Bewohner übersteigen. Er werde sich nicht äußern zu dem Fall, sagt am Telefon der Anwalt des Hausbesitzers, er kommt aus Schwaben, und sein Mandant auch nicht.Der Beklagte besitze eine Dunkelkammer, ein Fotoarchiv und einen Computerarbeitsplatz, führt der Anwalt als Beweis auf. Peter Woelck sagt, auch wenn es so wäre, das beweise nichts. Sein Anwalt sagt, er sei optimistisch, was diesen Klagepunkt angehe. Die Sache mit dem Eingang ist komplizierter. Vermutlich war früher, vor Peter Woelcks Einzug, eine Haustür dort, wo jetzt sein Küchenfenster ist. Irgendwann wurde der Eingang wohl zugemauert, seit vielen Jahren benutzten die Hausbewohner jedenfalls die Eingänge der zwei benachbarten Häuser, den großen Hof teilte man sich sowieso. Das ist vorbei. Vor einiger Zeit hat der Besitzer des einen Nachbarhauses einen silbern glänzenden Zaun quer durch den Hof gezogen, einen gemeinsamen Eingang will er nicht. Auch die Eigentümerin auf der anderen Seite plant einen Zaun. Peter Woelck sagt, der Hauseingang könne doch durch den Modeladen neben seiner Wohnung geführt werden, der werde dann eben ein Stück kleiner.Man habe sich mit dem Beklagten mehrere Wohnungen angesehen, schreibt der Anwalt, aber weil dieser Bewerbungsfristen verstreichen ließ oder nicht mehr erreichbar gewesen sei, sei es nicht zum Abschluss eines Mietvertrags gekommen. So war es nicht, sagt Peter Woelck. In einem Fall sei das Dringlichkeitsschreiben vom Hausbesitzer zu spät gekommen, so dass die eigentlich passable Ersatzwohnung schon weg war, und es habe fast vier Monate gedauert, bis er einen Künstler-Wohnberechtigungsschein genehmigt bekam, der zu einer Atelierwohnung berechtigt. Ein, zwei Zimmer in einer stillen Seitenstraße, der Gedanke mache ihm Angst. Niemand käme mehr vorbei. "Es wäre nur dunkel", sagt Peter Woelck.Fotografien von Peter Woelck sind vom 5. bis 30. August im Café Entweder Oder ausgestellt, Oderberger Str. 15, Prenzlauer Berg.------------------------------Foto: Peter Woelck vor der Tür zu seiner ErdgeschosswohnungFoto: Fünf Jungs an der Ecke, Leipzig, 1973Foto: Fernsehturm im Aufbau, Berlin, 1968Foto: Angie in meiner Küche, Leipzig, 1974Foto: Müllmann nach der Schicht, Leipzig, 1974