ZYWIEC. Auschwitz liegt tief verschneit. Wie vor 65 Jahren, als die Rote Armee das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager am 27. Januar 1945 befreite. In Block 6 der heutigen Gedenkstätte betrachtet eine Gruppe von Schülern aus Bayern Fotos von KZ-Häftlingen. "Dieser hat nur fünf Tage gelebt", sagt ein Junge vor dem Bild eines alten Mannes mit schreckgeweiteten Augen. Hunderte Gesichter blicken den jungen Leuten von den Wänden des Flurs entgegen. Unter jedem stehen ein Name, eine Häftlingsnummer, Geburtsdatum, Ankunfts- und Todestag. Bis zum Frühling 1943 wurden fast alle Häftlinge in Auschwitz fotografiert. Im Nebenraum hängen Bilder von Kindern, auch sie für die Häftlingskartei wie Verbrecher aufgenommen. Ein lebensgroßes Foto zeigt vier Mädchen, nackt und bis auf die Knochen abgemagert. Vor diesem Bild werden die Teenager aus Deutschland sehr still.Die vier Mädchen und Zehntausende andere Auschwitz-Gefangene hat Wilhelm Brasse aufgenommen. Der KZ-Häftling und Berufsfotograf arbeitete vier Jahre für den Erkennungsdienst des Lagers. Brasse ist mittlerweile 92 Jahre alt und wohnt im südpolnischen Zywiec, nur 50 Kilometer vom ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau entfernt. Die 32 000-Einwohner-Stadt am Fuß der Beskiden ist für ihr Mineralwasser und Bier bekannt. Hier ist Wilhelm Brasse geboren und aufgewachsen. Hier arbeitete schon sein Großvater als Schlossgärtner für die Habsburger. Da hieß Zywiec noch Saybusch und gehörte zur österreichischen Provinz Galizien. Im nahe gelegenen Katowice, vor dem Zweiten Weltkrieg Hauptstadt des polnischen Teils Oberschlesiens, trat Brasse 1935 seine erste Stelle als Fotograf an.Sein Haus liegt am Stadtrand von Zywiec, gleich dahinter beginnen die verschneiten Felder. Wilhelm Brasse öffnet selbst die Tür. Ein rüstiger Mann mit weißgrauem Haar, in warmer Strickjacke und makellos gebügeltem Hemd. Wir setzen uns ins Fernsehzimmer. Neben dem Flachbildschirm steht ein Glasschrank mit Nippes und Muscheln darin, auf dem Beistelltisch ein Jugendfoto seiner Frau. Der Hausherr stellt eine Geschenktüte mit Weihnachtsbaum-Muster neben sich aufs Sofa. Darin sind Fotos aus Auschwitz, die er zeigen will.Mit wilder SchreiereiDeutsch habe er von seinem Großvater und in der Schule gelernt, erzählt Wilhelm Brasse. Bis heute spricht er es fließend, gelegentlich mit altertümlichen Wendungen. "Damals lebten in Oberschlesien sehr viele Deutsche, sogar in Zywiec gab es eine große deutsche Kolonie", erinnert er sich. Seine Familie wohnte im jüdischen Viertel der Stadt. "Wir haben ziemlich gut zusammengelebt mit unseren jüdischen Nachbarn." Als Nazi-Deutschland am 1. September 1939 Polen überfällt, ist der 21-jährige Wilhelm zu Hause. Die Besatzer verlangen von allen Einwohnern eine Erklärung, ob sie Deutsche, Polen, Schlesier oder Tschechen sind. "Ich habe damals als Pole optiert. Meine Mutti war Polin, sie sprach kein Wort Deutsch. Ich fühlte mich wirklich als Pole." Der Beamte wendet ein, Großvater und Vater seien doch Österreicher gewesen. Aber Brasse beharrt darauf, Pole zu sein. "Deswegen hatte ich von Anfang an Schwierigkeiten."Ende März 1940 versucht Brasse, nach Ungarn zu fliehen. Aber er wird gefasst. Am 31. August 1940 soll er mit einem Transport von 460 Häftlingen von Tarnow aus an "eine unbekannte Stelle" verlegt werden. Kurz vor Abfahrt des Zuges werden zwei Gefangene herausgerufen, Brasse und ein anderer mit deutschem Namen. Der Vorschlag eines Offiziers: Wenn Sie unterschreiben, dass Sie zur Wehrmacht gehen, werden Sie entlassen. "Ich habe nicht unterschrieben", sagt Brasse. Noch am selben Tag kommt er mit dem Transport in Auschwitz an."Mit wilder Schreierei und Schlägerei wurden wir aus den Viehwagen ausgeladen. Mit solchen Holzstöcken schlugen die Kapos auf uns ein", sagt Brasse und breitet die Hände aus. "3444, diese Nummer habe ich gekriegt. Ab diesem Tag bin ich gar kein Brasse mehr, nur noch eine Nummer." Die Rede von SS-Hauptsturmführer Karl Fritzsch am folgenden Tag kann Brasse bis heute Wort für Wort wiederholen: "Hier ist kein Sanatorium. Hier ist ein Konzentrationslager. Hier lebt ein Jude zwei Wochen, ein Pfaffe drei Wochen und ein gewöhnlicher Häftling lebt hier drei Monate." Alle 20 Juden aus seinem Transport seien binnen fünf Tagen ermordet worden, sagt Brasse. Die Geistlichen hätten den ganzen Tag Straßenbauwalzen ziehen müssen. "Wenn einer schwach wurde und umfiel, fuhr die schwere Walze über ihn." Wilhelm Brasse blickt schweigend auf die zwei kleinen Uhren auf dem Glasschrank. Nur eine von ihnen geht noch.Anfangs arbeitet er in verschiedenen Baukommandos des Lagers. Einmal sei ein Häftling für "leichte Arbeit mit zusätzlichem Essen" gesucht worden. Er meldet sich sofort und landet in einem Leichenträgerkommando. Sie müssen Leichen aus Block 28 auf Rollwagen zum Krematorium ziehen. Dafür gibt es nachmittags eine zusätzliche Schüssel Suppe. "Aber diese Arbeit war nichts für mich", sagt Brasse. Ihm gelingt es, in das Planierungskommando zu wechseln, das den Boden für Fundamente vorbereitet. Dort trifft er zum ersten Mal einen deutschen Kapo, der nicht schreit und schlägt: Markus aus Hannover, von der SS mit schwarzem Winkel als "Asozialer" eingestuft. Brasse arbeitet von da an als Dolmetscher für Markus. Der verschafft ihm später eine Stelle beim Kartoffelschäl-Kommando in der Küche. "Damals habe ich gedacht: Wie im Paradies."Mitte Februar 1941 wird er in die politische Abteilung des Lagers gerufen. Ein SS-Mann prüft seine Kenntnisse in Fotografie. Brasse besteht den Test. Ab diesem Tag arbeitet er für den Erkennungsdienst der politischen Abteilung in Block 26. Sechs andere Häftlinge sind dort schon beschäftigt. "Die Arbeitszustände waren prima." Es gibt einen Aufnahmeraum, drei Dunkelkammern und ein Zimmer für den Chef. Alle Aufnahmen und Dokumente werden in einem Schrank verwahrt.Brasse muss von den Gefangenen Polizeiaufnahmen in drei Positionen machen: mit Mütze, ohne Mütze von vorne und im Profil. Aus der Papiertasche auf dem Sofa zieht er einen Stapel Bilder hervor. "Das ist alles meine Arbeit." Die junge Frau mit dem hübschen Gesicht, der kahl geschorene Mann mit den tiefen Furchen - sie haben auf diesen Bildern keine Namen, nur eine Häftlingsnummer. Brasse erklärt die Kennzeichen am linken Rand: "Das ist ausgerechnet ein Deutscher." Denn da stehe nur "Pol" für politischer Gefangener. Polen hätten ein P bekommen, Juden ein J.Im Frühling 1941 muss Brasse drei seiner früheren jüdischen Nachbarn aus Zywiec für die Häftlingsdatei fotografieren. "Ich war erschrocken, weil ich wusste, was für eine schreckliche Zukunft sie erwartet." Er habe ihnen ein bisschen Brot und Zigaretten gegeben. Den besonders grausamen polnischen Kalfaktor, der sie brachte, habe er gebeten, die Juden das Brot aufessen und die Zigaretten aufrauchen zu lassen. Und wenn er sie ermorden müsse, solle er sie nicht so viel leiden lassen. "Sie waren am nächsten Tag schon getötet." Da versagt Brasse für einen Moment die Stimme. Die Daumen drehen sich heftig in den gefalteten Händen."Brasse, was brauchst du für Porträtaufnahmen?", fragt ihn Anfang 1942 sein Chef, SS-Hauptscharführer Bernhard Walter. Brasse verlangt ein Retuschiergestell, harte Bleistifte und feine Pinsel. Fast täglich nach dem Abend-Appell porträtiert er nun SS-Leute. "Ganz private Aufnahmen" in Uniform, mit oder ohne Mütze, für Ausweise oder Postkartengrüße an die Familien zu Hause. Aus einem Monokelglas, das er mit Stoff umklebt, bastelt er ein Weichzeichnerobjektiv. "Damit habe ich Aufnahmen von Offizieren gemacht." Die Kunden bedanken sich mit Zigaretten, etwas Brot, Wurst oder Käse. "Ich brauche mich ja nicht dafür zu schämen, dass ich Geschenke gekriegt habe, wenn sie zufrieden waren", sagt Brasse.Auch der besonders höfliche SS-Offizier, der Ende 1942 zu Brasse kommt, ist mit seinem Porträt sehr zufrieden. Es ist der KZ-Arzt Josef Mengele. Er werde aus dem Lager Birkenau "für eine besondere Art von Aufnahmen junge Jüdinnen" schicken, sagt Mengele. Brasse muss die Mädchen und Frauen nackt in drei Stellungen fotografieren: von vorne, von hinten und im Profil. Die Mädchen schämen sich. Auch für ihn sei diese Arbeit schwer und peinlich gewesen, sagt Brasse. "Sie waren ohne Haare, am Kopf und am ganzen Körper geschoren." Später erfährt Brasse von polnischen Pflegerinnen, dass Mengele an diesen Mädchen Forschungen machte und sie dann in die Gaskammern schickte.Bis heute hat er eine 33-jährige Jüdin aus Athen vor Augen, "eine wirkliche Wunderschönheit". Sie habe überhaupt nicht gewusst, was für ein Schicksal sie erwartete. Sagte er ihr oder anderen, was ihnen bevorstand? "Nein, niemals, niemals!" Wilhelm Brasse schüttelt langsam den Kopf."Ich habe die Aufnahmen gemacht und manchmal Brot gegeben." Rund 250 Jüdinnen habe er so für Mengele fotografiert, schätzt Brasse. Auch die vier Mädchen, die heute in Block 6 zu sehen sind, nahm er damals auf. "Sie waren ungefähr 13, 14 und 15 Jahre alt." Brasse blickt auf das Bild der Kinder in seiner Hand. "Sehen Sie mal: Nur Knochen und Leder." Dies sei die einzige Aufnahme, die von den Fotos für Mengele erhalten blieb. Alle anderen seien verschwunden.Negative gerettetAuch für die KZ-Ärzte Carl Clauberg und Eduard Wirths sollte Brasse Fotos machen. Sie schickten junge jüdische Frauen aus Block 10 des Stammlagers, an denen sie gynäkologische Experimente vorgenommen hatten, zu ihm. Die Frauen wurden mit einer Spritze betäubt. Auf einem gynäkologischen Stuhl wurde ihnen die Gebärmutter herausgezogen. Brasse musste sie fotografieren. Danach wurde die Gebärmutter den Frauen wieder in den Leib geschoben. Auch diese Bilder sind verloren."Brasse, kommt der Iwan, sämtliche Aufnahmen, sämtliche Dokumente verbrennen und vernichten", lautet die Anweisung von Brasses Chef Walter am 15. Januar 1945. Die Rote Armee rückt vor. Die SS will die Spuren ihrer Verbrechen beseitigen. Rund 1,1 Millionen Menschen sind in Auschwitz-Birkenau ums Leben gekommen, die meisten davon Juden aus ganz Europa. Brasse und ein Kollege werfen Negative und Dokumente packenweise in den Ofen. Aber es ist schon Abend, es gibt keine Flamme mehr. Und die Negative sind aus unbrennbarem Zelluloid. Doch das weiß der Chef nicht. Er überwacht die Aktion nur eine Viertelstunde. Dann fährt er ab. "Das sind doch in Zukunft sehr wichtige Dokumente", schießt es Brasse durch den Kopf. Er holt Papiere und Negative aus dem Ofen, gießt Wasser darüber, schließt Archivschrank und Räume ab.Wilhelm Brasse verlässt Auschwitz am 21. Januar mit dem letzten Gefangenentransport. In offenen Kohlewaggons fahren die Häftlinge bei eisiger Kälte vier Tage bis zum KZ Mauthausen in Niederösterreich, später weiter ins Nebenlager Melk. Dort wird Brasse am 6. Mai von den Amerikanern befreit, abgemagert auf 42 Kilo. Am 10. Juli ist er zurück in Katowice.Nach Kriegsende versucht Brasse wieder als Fotograf zu arbeiten. Er ist 28 Jahre alt, verdient gut. Doch er hat eine "Lebensschwierigkeit": Immer wenn er Aufnahmen von jungen Frauen macht, sieht er im Hintergrund ein nacktes jüdisches Mädchen. Nach ein paar Monaten geht er deshalb zum Arzt. Der rät ihm, mit dem Fotografieren für immer Schluss zu machen. Brasse folgt dem Rat. In jener Zeit lernt er seine Frau kennen, sie heiraten im Sommer 1946. Gemeinsam eröffnen sie eine private Werkstatt, die Kunstdärme für Metzgereien herstellt und können in Zukunft gut davon leben. Mit seiner Frau spricht er nie über die Jahre in Auschwitz.Erst nach ihrem Tod vor zwei Jahren hat Wilhelm Brasse begonnen, jungen Menschen in Schulen oder auf Klassenfahrten seine Geschichte zu erzählen. Deutschen Schülern berichtet er von seinem Erschrecken damals, dass ein so großes Kulturvolk wie die Deutschen so grausam sein konnte. "Ich erzähle die schreckliche Wahrheit. Das ist manchmal für euch sehr peinlich zu hören. Aber ich erzähle auch von Deutschen, die sich damals als Menschen gezeigt haben." Und am Ende spricht Brasse die Jugendlichen aus Deutschland sogar als "meine Freunde" an. Die 16-jährige Franziska aus der Nähe von Erlangen ist ihm dankbar dafür. "Das geht einem sehr nahe", sagt sie, "wenn alles ein Gesicht bekommt."------------------------------"Ich erzähle die schreckliche Wahrheit. Aber ich erzähle auch von Deutschen, die sich damals als Menschen gezeigt haben." Wilhelm BrasseFoto: Auschwitz-Häftling 26947. Wilhelm Brasse nahm im Konzentrationslager etwa 50 000 solcher Bilder auf.Foto: SS-Offizier Rudolf Fremel mit Frau und Sohn, fotografiert von Brasse. Die Negative der Fotos besitzt das Auschwitz-Museum.