Bis heute ruft die theologische Methode der Entmythologisierung den Zorn gläubiger Christen hervor. Francois Furet, der wohl bedeutenste Kenner der französischen Revolution, ist mit seinem 700 Seiten starken Essay angetreten, die große politische Religion dieses Jahrhunderts, den Kommunismus, zu entmythologisieren. Anders als der Untertitel der deutschen Übersetzung ("Der Kommunismus im 20. Jahrhundert") suggeriert, hat Furet keine Geschichte des Kommunismus geschrieben, vielleicht noch nicht einmal eine der kommunistischen Idee.Er konzentriert sich auf eine Frage: Wie konnte diese Idee im 20. Jahrhundert immer wieder die Begeisterung von Menschen wecken, ungeachtet der von ihren Anhängern begangenen Verbrechen? Warum faszinierte die "revolutionäre Leidenschaft" in besonderer Weise die Intellektuellen? Worin gründeten individuelle Verblendung und kollektive Verdrängung? Kein wütendes Pamphlet Vor allem die deutsche Kritik wirft Furet vor, er unterschätze in seinem Bestseller die imperialistische Konkurrenz als wesentliche Ursache des ersten Weltkrieges, überschätze die Rolle großer Männer in der Geschichte, ignoriere die sozialen Konflikte als Triebkräfte von Veränderungen und verzichte auf eine ökonomische Deutung politischer Entwicklungen. So berechtigt solche Vorwürfe auch sein mögen, so verkennen sie doch Furets Anliegen. Mit der freien Form des Essays, der von ihm gewählten Verbindung von Erzählung, Reflexion und Analyse, entzieht sich der Historiker sehr bewußt dem Anspruch wissenschaftlicher "Vollständigkeit" und findet eine Methode, die der kommunistischen Religion, ihrem sehr eigenen Geflecht aus Glauben, Analyse, Machtbewußtsein, Kultur, Geschichte und persönlichen Handlungsmaßstäben, durchaus gerecht wird. Dabei hat der im Jahre 1927 geborene Furet - von 1949 bis zum Ungarn-Aufstand 1956 Mitglied der französischen KP - nicht das wütende Pamphlet eines Ex-Kommunisten geschrieben, sondern eine Arbeit, die durch ihre Nüchternheit fesselt.Der "Antifaschismus" ist einer der kommunistischen Schlüssel-Mythen. Natürlich leugnet Furet den Einsatz und die Opfer kommunistischer Widerständler im Kampf gegen die deutschen Nazis nicht. Aber er skizziert sie zugleich als Objekte eines wechselnden sowjetischen Kurses. Was Peter Weiss in seinem Lebenswerk "Ästhetik des Widerstands" noch als Zweifel formuliert, ist für Furet Gewißheit: Stalin instrumentalisiert den Antifaschismus für die sowjetische Politik. Nur der Lehrling Hitlers Dimitroffs Rolle im Prozeß um den Reichstagsbrand galt vielen Zeitgenossen als der klassische Kampf zwischen Wahrheit und Lüge. Für Furet ist es der Beginn einer "demokratischen Heroisierung" des Komintern-Funktionärs, die dann im Jahre 1935 zur Ablösung der alten kommunistischen Linie des Kampfes gegen Bourgeoisie und "Sozialfaschisten" - so wurde die konkurrierende Sozialdemokratie ettikettiert - durch die Volksfront-Politik führt. Furet: "Das Gesicht des Kommunismus wird nicht länger über das definiert, was ihn tatsächlich ausmacht, sondern über seine Gegnerschaft zu Hitler".Die "antifaschistische Orientierung" nutze die Komintern als Beweis für den demokratischen Charakter der Sowjetunion, schreibt Furet und fährt fort: "Tatsächlich stöhnt die Sowjetunion im Jahr 1935 unter dem größten Staatsterror, unter dem je ein Volk zu leiden hatte. Stalin hat den Mord an Kirow zum Vorwand genommen, um eine beispiellose Repression gegen die 'Volksfeinde` einzuleiten, die verhaftet, ermordet, oder zu Millionen deportiert werden. Zu dieser Zeit ist Hitler, was den Massenterror angeht, nichts als ein Lehrling des Hexenmeisters! Doch der Antifaschismus lenkt die Aufmerksamkeit von der UdSSR ab und richtet sie auf Nazideutschland, wo die Ereignisse seit Januar 1933 mehr als genügend Anlaß zur Empörung geben". Indem Hitler "in seinen ersten Internierungslagern den Aktivisten unter den deutschen Kommunisten den traurigen Vorrang gelassen hat, hat er der Komintern durch die Reduzierung des Kampfes auf zwei Lager - Faschismus und Antifaschismus - einen strategischen und ideologischen Trumpf zugespielt". Er habe die Sowjetunion auf die "richtige Seite", auf die der Demokraten, gedrängt, ohne daß sie je demokratisch wurde. Dieses Muster der Zwei-Lager-Konstellation, die wenig Raum für Zwischenpositionen läßt, wiederholt sich in der Anti-Atom-Bewegung der fünfziger Jahren, während der Proteste gegen die Intervention der USA in Vietnam, bei den Solidaritätsbekundungen für afrikanische Freiheitsbewegungen und während der deutschen Nachrüstungsdebatte der achtziger Jahre. Das Lager-Denken und die Furcht vor dem Verrats-Vorwurf hielt Menschen in Lagern, die sie geistig längst verlassen hatten. Verbotener Vergleich Furet vergleicht Faschismus und Kommunismus. Er lobt den Berliner Revisionisten Ernst Nolte dafür, das Verbot dieses Vergleichs durchbrochen zu haben, das besonders in Deutschland, so Furet, aus "verständlichen und ehrenwerten Motiven" eingehalten werde. Zugleich grenzt sich der Historiker unmißverständlich gegen Noltes Versuch (Furet: "schockierend und falsch") ab, den mörderischen Antisemitismus Hitlers historisch zu begründen und damit zu legitimieren. Völlig zurecht unterstellt er Nolte, daß die Aufwertung des deutschen Nationalismus ein Hauptmotiv seiner Arbeit sei.Es mögen diese "deutschen Verhältnisse" sein, die hierzulande verhindern, daß ein Vergleich der Ideologien nicht sofort zur Rechtfertigung von Unterdrückung mißbraucht wird. Der Franzose Furet nutzt den Vergleich, um die besondere Anziehung der kommunistischen Idee zu erklären. Gemeinsam sei beiden die Vergröberung ihrer kollektiven Vorstellungen von Gemeinschaft. Hinter der einen, entwickelt Furet, "verbirgt sich die krankhafte Übersteigerung des Universellen, hinter der anderen die des nationalen Gedankens. Stalin bringt im Namen des Kampfes gegen das Bürgertum Millionen von Menschen um, Hitler rottet im Namen der Reinheit der arischen Rasse Millionen von Juden aus". Unerreichter Marx Während sich der Faschismus nur auf bestimmte Teile der Menschheit, auf die eigene Nation und Rasse, stütze, beanspruche der Marxismus-Leninismus, die Befreiung des Menschen und seine Gleichheit zu erreichen. Neben dem "demokratischen Gütesiegel" des Antifaschismus fasziniere der Kommunismus durch seinen "respektablen philosophischen Stamm". Furet: "Was die Darlegung der historischen Gesetzmäßigkeiten angeht, ist Marx unerreicht. Er scheint allen das Geheimnis zu eröffnen, das den Menschen befähigt, die Nachfolge Gottes anzutreten. Wenn revolutionäres Handeln der gesetzmäßigen Entwicklung unterliegt und sie durchschaubar macht, kann der Mensch historisch handeln, ohne dabei den Unsicherheiten der Geschichte unterworfen zu sein". Etwas "Berauschenderes", konstatiert der Historiker, "gibt es nicht für den modernen Menschen, der keinen Gott mehr hat". In solchen Allmachtsphantasien sieht Furet einen Schlüssel für die das Jahrhundert durchziehende Verführung von Intellektuellen durch die kommunistische Idee. Furet meint es ernst mit der Entmythologisierung. Er kennt keinen Gott. Nicht zuletzt darum wünscht er keine Alternative zur Demokratie der Bürger.Francois Furet: Das Ende der Illusion - Der Kommunismus im 20. Jahrhundert. München 1996. Piper-Verlag, 720 Seiten. 88 DM. +++

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