Die Faszination, mit der Künstler die Werke ihrer Kollegen in Augenschein nehmen, ist nicht selten eine Quelle der Inspiration für ihre eigenen Arbeiten. Auch der Franzose Jean Vautrin plündert lustvoll im Fundus der Moderne. Chaim Bronstein, der Held seines Romans "Groom", könnte direkt aus einem der traurigen Selbstporträts des französischen Expressionisten Chaim Soutine herausgetreten sein. Mit seinem verschlossenen Kindergesicht, den großen Ohren und einem Klumpfuß, den er behende hinter sich herzieht, wirkt der kleine Bronstein wie eine literarische Reinkarnation des 1943 verstorbenen Malers. Mit seiner Mutter Irma lebt Chaim im Algonquin, einem verlassenen Hotelschuppen in Paris, der schon Celine als beklemmender Schauplatz seiner "Reise ans Ende der Nacht" gedient haben könnte.Solange sich Chaim damit begnügt, über die Flure zu humpeln und die aufblasbaren Hotelgäste mit seinen überhitzten Phantasien zu traktieren, bleibt er im Bannkreis der koketten Mutter gefangen. Irma knabbert ihrerseits noch an einem Kriegstrauma, das sie wieder und wieder von Chaim inszeniert wissen will. Denn unter der Folter der deutschen Besatzer verriet sie einstmals das Versteck eines jüdischen Kindes. Doch dann verläßt Chaim sein Refugium, trifft eine junge Indonesierin, die er in einem Anfall von cineastischem Wahn in einem Stundenhotel ermordet. Einen Moment lang glaubte sich Chaim nämlich in Francis Ford Coppolas Vietnamfilm "Apocalypse now" versetzt. Nach dieser Tat scheint er jedoch zusehends in einen Kriminalfilm abzudriften. Die delirierenden Phantasien des Groom beginnen nämlich mit einem für den Leser beängstigenden Tempo durcheinanderzupurzeln.Vautrin versteht es, seinen Lesern einen mächtigen Schreck einzujagen, wenn er sich respektlos im Zerbrechen wohlgehüteter Tabus übt. Daß sich ein Körperbehinderter mit jungenhaftem Charme plötzlich in einen Frauenmörder verwandelt, ist schon eine perfide Überraschung. Aber der Autor gibt seiner Film-im-Film-Mischung noch einen zusätzlichen, romantischen Kick, denn Chaim verliebt sich in die unerfahrene Kriminalbeamtin Sarah, die auf den Fall angesetzt ist.Ein beständiges Stimmengewirr von Autor, Killer und Kriminalistin schreit dem Leser entgegen, während das Unheil seinen Lauf nimmt. Noch erregender als Vautrins clever montierte Versatzstücke wirkt die melancholische Stimmung, die nur für kurze Augenblicke von humorvoll-erotischen Splittern durchzuckt wird. Denn hinter allem Gekreische läßt sich stets die Trauer über die Tatsache erahnen, daß in Chaim und Irma etwas kaputtgegangen ist, daß auch ihre Phantasien nie heilen können.JEAN VAUTRIN : Groom. Roman. Deutsch von Marie Luise Knott. Rotbuch Verlag, Hamburg 1995, 267 Seiten, 39,80 Mark. +++