PARIS. Sollte US-Präsident George W. Bush sich zu Besuch anmelden, dann ist die Zubereitung seines Lieblings-Desserts zu empfehlen: Schokoladencrepes. Oder besser noch und total französisch: pudding de brioche beurre aux myrtilles - und zwar mit Zitronencreme. Dann wird der George Dabbleju staunen.Das weiß einer ganz genau - der Franzose Roland Mesnier. 25 Jahre war er Chefkonditor, Patissier, im Weißen Haus in Washington und hat für die Präsidenten Jimmy Carter, Ronald Reagan, George Bush Vater, Bill Clinton und George W. mal im engsten Familienkreis, meist aber für Empfänge mit Staatsoberhäuptern und hunderten Geladenen die Desserts gefertigt. Da waren feinste Orangen-Soufflés darunter, aber auch zentnerschwere Nachbildungen eines Flugzeugträgers mit Soldaten, Jets, selbst von den Lieblingshunden des George W. - alles aus Schokolade und Pralinen. "Der Präsident hatte Tränen in den Augen", berichtet Mesnier glaubhaft.Gezuckertes GeheimnisRoland Mesnier, 64 Jahre alt, sitzt in der Bücherei Librairie de Bagatelle in der Pariser Vorstadt Neuilly und malt Autogramme und Widmungen in sein Memoirenbuch. Es ist vor kurzem erschienen, und die Talkshow-Master reißen sich um ihn. Er sieht aus wie ein Franzose, der wie ein Amerikaner aussieht: ein rotes Hemd mit Karos, gelbe Krawatte, schillernde Jacke und die verbliebenen Haare auf dem runden Kopf von links nach rechts geklatscht. Aber auf seinen Fotos vom Weißen Haus, Seite an Seite mit all den Präsidentenpaaren, mit seiner steifen Kochmütze, la toque, sowie dem weißen Kittel - da sieht er imposant aus. Die US-Medien haben viel über ihn berichtet. Mesnier ist nun Rentner, obwohl Bush ihn "dringendst gebeten hat zu bleiben", wie er stolz berichtet.Sein umfängliches Buch trägt den Titel "Sucré d'Etat", ein Wortspiel - sucré ist gezuckert, klingt aber auch nach secret, Geheimnis. Bush hatte, als er ihm mit Frau Laura einen Abschiedsempfang gab, einen anderen Titel vorgeschlagen: "Der Mann, der den Präsidenten umbringen wollte - mit Kalorien". Der Franzose hat im Weißen Haus alles notiert, Privates, Eigenarten der Präsidentenfamilien. Und da sein Buch der Pariser Fernsehjournalist Christian Malard mit geschrieben hat, der die USA bestens kennt, entsteht ein aufschlussreicher Zusammenhang zwischen Politik und Desserts, Amtlichem und Privatem. Man erfährt, dass das Weiße Haus 132 Räume, 32 Badezimmer, 412 Türen, 28 Kamine sowie ein Kino mit 60 Plätzen hat. Aber auch, dass Bill Clinton, nachdem ihn der Zimmerdienst - wie er es von Bush senior gewohnt war - um fünf Uhr wecken wollte, fluchend rausgeschmissen wurde: "Haut ab, darf man hier nicht mal ausschlafen?" Bei der Naschwerk-Produktion für Clinton musste der Franzose, dem das Weiße Haus im Handumdrehen die US-Staatsbürgerschaft übergestülpt hatte, auf geheim gehaltene Allergien des Präsidenten Rücksicht nehmen, gegen Schokolade, Milchprodukte, Mehl und frische Blumen. Das wusste wohl nicht mal der sowjetische Geheimdienst.Mesnier, der aus einer armen Eisenbahnerfamilie stammt, fühlte sich als Zwölfjähriger zum Konditorenhandwerk berufen: "Ich wollte nie wieder Hunger haben." Auf seinen Stationen zum Weißen Haus lagen auch die Opern-Konditorei in Hannover sowie internationale Top-Hotels. An Deutsche in Washington kann er sich nur in zwei Fällen erinnern. Der damalige Kanzler Helmut Kohl ("Groß und dick aß er so viel Nachtisch, dass kaum genug für die anderen blieb") und Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der aber nur Erwähnung findet im Zusammenhang mit einer "Pfirsich-Meringue mit Himbeersoße".Der Franzose hat für alle Großen dieser Erde Leckereien zubereitet - Könige, Staatschefs, Künstler. Und alles sieht er, hellwach und witzig, aus der Küchenperspektive: Ronald Reagan musste ständig der Kalorien-Aufsicht seiner Frau Nancy entkommen, denn er war "ein Vielfraß, wenn es um Schokolade ging". Oder Prinz Charles, der Tee bestellte und beim Anblick eines Teebeutels fragte: "Was ist denn das?" Mesnier hebt auch schon mal ab, zum Beispiel, als er beteuert, Clinton habe mit Boris Jelzin bei dessen Besuch lange über mein Dessert gesprochen". Auch die Terror-Katastrophe vom 11. September beurteilte der Frenchie erst einmal spontan aus der Küchen-Perspektive: "Das Barbecue, sage ich mir, wird heute bestimmt ausfallen." Es fiel aus, indeed. Die Panik im Weißen Haus, das Chaos, er mitten drin und eisern mit der Toque auf dem runden Schädel, schildert Mesnier dann aber sehr anschaulich. Zum Glück geht es schon neun Tage später wieder normal weiter. Geeistes Himbeer-Nougat mit Schoko-Krümeln für den Beileids-Besucher Jacques Chirac aus Paris.Immer galantMesnier sitzt an seinem kleinen Tisch und signiert. Buchkäufer lassen sich mit ihm fotografieren, wie er sich mit Präsidenten knipsen ließ. Er hat, erzählt er, die kleine Amy Carter das Cookie-Backen gelehrt und dem Teenager Chelsea Clinton einen Führerschein aus Schokolade mit Passbild aus Zuckerwerk kreiert, als sie die Fahrerlaubnis erwarb. Nur in einem Punkt ist der Patissier absolut diskret - bei der Frage, mit welchem Soufflé oder welcher Mousse Bill Clinton sich über die Affäre Lewinski weghalf. Da winkt er ab: "Ich habe nichts dazu zu sagen, und wenn, dann würde ich es nicht sagen".Auf einem Abschiedsfoto im Weißen Haus stehen George W. und Frau Laura Bush lächelnd, aber steif wie Soldaten nebeneinander. Ihr scheidender Konditor aber hat seine Pranke um Lauras Hüfte gelegt. Oh la la! Diese Frenchies.------------------------------"Präsident Ronald Reagan war ein Vielfraß, wenn es um Schokolade ging."Roland Mesnier------------------------------Foto: Der Meister mit Präsidentenhund Barney und Osterei in Schokolade.