Irgendwie passt das nicht zusammen: Aus einer erblühenden Frühlingslandschaft, die in strahlendem Sonnenlicht daliegt, taucht ein dunkler Reiter auf. Schweigend reitet er auf seinem Pferd durch die heitere Natur. Sein Gesicht ist nicht zu sehen, denn er trägt einen Helm mit geschlossenem Visier.Auf dem Rücken, vor dem Bauch, an den Beinen, einfach überall sind Waffen an seinem schwarzen Overall befestigt. Das Pferd läuft langsam, mit dem Gewicht, dass dieses Waffenarsenal auf seinen Rücken bringt, könnte es wahrscheinlich noch nicht einmal in Trab verfallen.Woher kommt diese unpraktische Mischung aus Terminator und Westernheld, und wohin ist er auf seinem armen Klepper unterwegs? Vielleicht war er schon in der Stadt, durch die die Kamera im zweiten Teil des Videos fährt, ohne eine einzige Menschenseele zu entdecken - vielleicht ist er aber auch erst auf dem Weg dorthin, und irgendjemand hat die Menschen vor ihm gewarnt.Die Stadt, das ist Mexico City. Dort hat der norwegisch-deutsche Videokünstler Björn Melhus im Sommer 2009 ein paar Wochen verbracht und mit dem dunklen Reiter ein beklemmendes Symbol für den grassierenden Drogenkrieg geschaffen, der in Mexiko jährlich tausende Todesopfer fordert.Die Arbeit mit dem Titel "Hecho en Mexico" eröffnet die Ausstellung im Haus am Waldsee. Das ist sinnvoll, nicht nur, weil "Hecho en Mexico" eine starke Arbeit ist, sondern auch, weil hier die beiden Impulse besonders klar werden, die in Melhus' Werk gemeinsam beflügeln. Einerseits die Weltzugewandtheit des problembewussten Dokumentars, andererseits die disziplinierte Fantasie des Schöpfers neuer, bildmächtiger Symbole.Es werden 15 Arbeiten gezeigt von insgesamt 60, die in den letzten 20 Jahren entstanden sind. Der Ausstellungstitel "Live Action Hero" bezieht sich auf ein wesentliches formales Merkmal: Melhus spielt fast ausnahmslos alle Charaktere selbst, die in seinen fabelhaften Videos auftauchen. Dabei schminkt und verkleidet er sich teilweise bis zur Unkenntlichkeit. Seine Stimme allerdings ist nie zu hören, denn auf der Tonspur arbeitet er mit Audiofragmenten aus Film und Fernsehen.So wird zum Beispiel in "Deadly Storms" ein dramatisches Ereignis umkreist, aber nie benannt: Auf drei parallel laufenden Videos ist Melhus als Fernsehsprecher zu sehen, der mit staatstragend besorgtem Blick schnell die Lippen bewegt. Dazu fallen sich die Stimmen dreier amerikanischer Nachrichtensprecherinnen ins Wort, zu verstehen sind nur Fetzen - willkommen in der medialen Hysterie-Produktion namens "Breaking News", die Melhus in dieser Arbeit ad absurdum führt.Das obere Stockwerk ist der Rückschau auf ältere Arbeiten gewidmet. Neben "Deadly Storms" (2008) läuft da unter anderem "Captain" von 2005: Drei traurige Raumfahrer blicken von irgendwo im All auf die Erde und stellen dabei fest, dass sie zwar der Schwerkraft, nicht aber ihrer menschlichen Perspektive auf die Welt, auf der sie normalerweise leben, entfliehen können. Eine bessere Welt aufbauen, woanders, als neue Menschen? Nur ein schöner Traum, den eine ganze Filmindustrie bedient hat und den Melhus entlarvt, nicht ohne dabei selbst eine kleine Träne zu weinen.Seine jüngsten Arbeiten, die im unteren Stockwerk ausgestellt werden, kreisen um die Innen- und Außenwahrnehmung von Kriegsheimkehrern. "I don"t belong in this house" ruft da ein seltsames Mischwesen aus Mensch und Bär. Nebenan flimmern auf fünf über die Wand verteilten Bildschirmen abwechselnd Bilder auf, die Heimat atmen - ein Haus mit Garten, ein gedeckter Tisch, ein Nachttisch mit Wecker - und Selbstvergewisserungs-Sätze wie: "This is my bed", "This is my house". Gestört wird die beruhigende Sequenz ab und zu ganz plötzlich durch Bilder, die etwas ganz anderes als Heimat atmen: Eine explodierende Tankstelle, ein brennendes Haus.Auch hier wird also wieder ein sogenanntes "aktuelles Thema" aufgenommen, und Melhus setzt einmal mehr auf die Wiedererkennbarkeit der symbolträchtigen Bilder und Zitate, die seine künstlerischen Bausteine sind. Dass das nicht platt wird, ist dadurch garantiert, dass die Bilder so eingesetzt werden, dass ihre manipulative Wirkung immer mitschwingt.Björn Melhus lebt seit fast 20 Jahren in Berlin, "Live Action Hero" ist seine erste Berliner Einzelausstellung - das wurde auch mal Zeit.-----------------------Haus am Waldsee: Björn Melhus "Live Action Hero", Argentinische Allee 30 (Zehlendorf). Bis 10. April, Di-So, 11-18 Uhr. Am 7. April, 19.30 Uhr Künstlergespräch.------------------------------Woher kommt diese unpraktische Mischung aus Terminator und Westernheld, und wohin ist er auf seinem armen Klepper unterwegs?Foto: "Deadly Storms", 2008, ein Melhus-Selbstversuch im Sinne Bruce Naumans