Der Friedrichshain-Film "Herzlutschen": Wo Rosi ruhig rauchen kann

Kiez-Ethnografie ist die Domäne von Fernsehserien wie "Lindenstraße" oder "Marienhof", wobei das Genre lange vor diesen eben genannten Verfallsformen seinen eigentlichen Höhepunkt schon 1973 hatte: in dem dänischen Mehrteiler "Oh, diese Mieter". Was haben wir als Kinder gelacht über die Gäste von Emmas Kneipe "Rattenloch" im Kopenhagener Stadtteil Christianshavn: über Tierhändler Clausen, Uhrenfachmann Larsen und den liebevoll "Kakerlaken-Mayer" genannten Hausmeister.Der Niederländer Joost Renders greift dieses Genre nun als Spielfilm auf und hat mit "Herzlutschen" einen ziemlich sarkastischen kiez-ethnografischen Friedrichshain-Film gedreht. Wir erleben den Schlaffsack Harry, der in seinem Öko-Laden das Stück Bio-Butter für zwei Euro fünf verkauft (sehr zum Entsetzen von Bierdosen-Spritti Izzi) und seine Vielweiberei nicht unter Kontrolle bringt. Wir erleben die Sozialpädagogin Rosi Theuerkauf, die ihre Betreuungsfälle am Handy abwimmelt ("Hab gerade viel Stress"), während sie im Straßen-Café entspannt eine raucht. Und wir erleben die Geschichte der Hippi-Trine Karla, die ihre Pubertät am liebsten bis ins Klimakterium ausdehnen würde, vor allen Lebensproblemen in Ohnmacht fällt, dann aber immer von Ex-Punk Frank (aus Wilhelm-Pieck-Stadt Guben) erweckt wird.Die Handkamera wackelt, alles sieht billig aus, passt also zu Berlin. Der Film ist ein Arsenal an Lebensstil-Karikaturen, eine dichte Beschreibung neuen städtischen Nomadentums - nur etwas zu lang: 80 Minuten wären optimal gewesen.Herzlutschen Dtl. 2005. Buch & Regie: Joost Renders, Kamera: Joost Renders, Ina Klee, Darsteller: Heidrun Turina, Dirk Richard Heidinger, Agnes Friedrich, Manfred Wilhelm, Maximilian Löser-Hügel, Peer Fischer, Franz Braunshausen, Ilka Hügel u. a.; 107 Minuten, Farbe.Vom 25. Mai bis 31. Mai tägl. um 21.15 Uhr im Kino in der Brotfabrik.