Die Personalie fand kaum Beachtung, einige Zeitungen ließen sie sogar ganz unter den Tisch fallen: Philipp Jenninger wird Bonns neuer Diplomat beim Vatikan. Inzwischen hat der CDU-Politiker seinen Job in Rom angetreten, doch der Name scheint heute keinen Fünfzeiler mehr wert. Der gläubige Katholik bekleidet einen Botschafter-Posten, der nicht im Brennpunkt des politischen Geschehens steht. Das galt auch für seine vorausgegangene diplomatische Station. Vier Jahre lang leitete er die deutsche Botschaft in Österreich. Er ist ein Politiker auf dem Abstellgleis.Dabei ist es noch gar nicht lange her, da galt Philipp Jenninger als Hoffnungsträger seiner Partei. Der Jurist - das Studium der Rechtswissenschaft hatte er an der Universität in Tübingen absolviert - stammt aus einem Elternhaus, das politisch dem Zentrum nahestand. Der Vater war in der Zeit des "Tausendjährigen Reiches" nicht selten NS-Schikanen ausgesetzt. Seine Brüder Walter und Willi fielen im Zweiten Weltkrieg. Ziehvater Franz-Josef Strauß Zu seinen politischen Ziehvätern gehörte unter anderem Franz-Josef Strauß, für den er als Referent arbeitete. 1969 kam Jenninger erstmals in den Bundestag. Im Parlament arbeitete er zunächst im Haushaltsausschuß. 1973 wurde er einer der parlamentarischen CDU-Geschäftsführer. Nach der politischen Wende in Bonn, im Oktober 1982, machte Bundeskanzler Kohl seinen loyalen Gefolgsmann und Duzfreund zum Staatsminister im Bundeskanzleramt. Er war für die Deutschlandpolitik zuständig und besuchte im Dezember des gleichen Jahres die DDR zu Sondierungsgesprächen. Es ging um Millionenkredite und Erleichterungen im Reiseverkehr in beide Richtungen.Die politische Krise um Bundestagspräsident Rainer Barzel als Folge seiner Verstrickung in die Flick-Affäre, führte schließlich zu Barzels Rücktritt Ende Oktober 1984. Jenninger wurde am 5. November 1984 mit großer Mehrheit zum Nachfolger Barzels gewählt. In seiner Antrittsrede sagte er: "Der Erste in diesem Hause zu sein, bedeutet für mich nicht besondere Würde und Glanz, sondern vorbildliche Arbeit und Dienst für unser Volk."Fast auf den Tag genau vier Jahre später, am 11. November 1988, sah sich Jenninger zum Rücktritt als Bundestagspräsident genötigt. Anlaß war seine Gedenkrede, die er am 9. November 1988 zum 50. Jahrestag der antisemitischen Pogrome von 1938 ("Reichskristallnacht") im Bundestag gehalten hatte. Ida Ehre weinte Sein ehrgeiziger Versuch, die Geschehnisse von 1938 in einer modifizierten historischen Sicht zu deuten, geriet zum Eklat. Es war Jenninger mißlungen, das "notwendige Maß an Betroffenheit" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) erkennen zu lassen. Viele Zitate aus der NS-Zeit, die der Politiker in seiner Rede anführte, waren nicht als solche erkennbar und wurden falsch interpretiert. Jenninger hatte vergeblich versucht zu erklären, wie es kommen konnte, daß ein Volk dem organisierten, grausamen Übergriff gegen Bürger, mit denen es bis dahin, in Toleranz zusammengelebt hatte, ohne erkennbare Zeichen des Widerstands zuschaute. Die jüdische Theaterprinzipalin Ida Ehre brach während des Vortrags im Bundestag in Tränen aus.Jenningers Integrität stand außer Frage, aber die internationalen Reaktionen auf die Rede erzwangen den Rücktritt. Jenninger blieb zunächst Bundestagsabgeordneter. Aber enttäuscht über die Freunde und Kollegen in der CDU, kandidierte er 1990 nicht mehr für die nächste Bundestagswahl und wechselte in die Diplomatie. Nach einiger Eingewöhnungszeit hat er den Abschied vom Bundestag verwunden und mittlerweile die Skepsis beseitigen können, die ihm anfangs manche Berufsdiplomaten entgegenbrachten. Lernbereiter Schwabe Im Januar 1991 ging er als Botschafter nach Wien. Im Auswärtigen Amt schätzt man seine unaufdringliche Lernbereitschaft, seine Sachlichkeit und Arbeitskraft. Seit ein paar Wochen ist der 63jährige Schwabe, verheiratet mit einer Rumäniendeutschen und Vater eines Sohnes, Botschafter beim Heiligen Stuhl. Zu seinen Aufgaben gehören nun regelmäßige Audienzen beim Papst. In den Gesprächen geht es um Politik. "Der Vatikan setzt große Erwartungen in die deutsche Bundesregierung, was den Fortgang der europäischen Integration betrifft", ist Philipp Jenningers erster Eindruck. +++