Auf Bitte der "Berliner Zeitung" begutachtete der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Hamburg, Professor Klaus Püschel, die finnischen Protokolle. Im OSZE-Report zu Racak ist von "Tötungen und Verstümmelungen von unbewaffneten Zivilisten" die Rede, es seien "viele aus extremer Nahdistanz erschossen" worden. Wird dies durch die finnischen Protokolle bestätigt?Die mir vorliegenden Unterlagen und Informationen lassen nur eine eingeschränkte Beurteilung zu. Auch ist bei der Interpretation von Berichten, die man nicht selbst erhoben hat, eine gewisse Zurückhaltung geboten. Die Zusammenfassungen der Obduktionsprotokolle geben jedoch keine Hinweise auf Verstümmelungen. Ob es sich um unbewaffnete Zivilisten handelte, kann auf Basis der Protokolle nicht sicher entschieden werde. Die Berichte ergeben keine Hinweise auf aufgesetzte Schüsse oder Nahschusszeichen. Es trifft also nicht zu, dass viele Personen aus extremer Nähe erschossen wurden.In der Haager Anklage heißt es, die Opfer seien geschlagen worden. Aus den Protokollen ergibt sich nur höchst vereinzelt ein Hinweis darauf, dass zusätzlich zu den Schussverletzungen Gewalteinwirkungen vorlagen. Abgesehen von einigen kleineren Hautabschürfungen zeigten sich nur bei einem älteren Mann Zeichen stumpfer äußerer Gewaltanwendung im Gesicht. US-Präsident Clinton sagte, dass die Opfer gezwungen waren, "im Dreck zu knien, und niedergemäht wurden". Gibt es dafür Hinweise?Ohne zusätzliche Informationen über Körperhaltung und Bewegung der Getöteten, den Geschehensablauf im Einzelnen sowie die Geländebeschaffenheit ist mir keine Aussage über Körperpositionen beim Erleiden der Schussverletzungen möglich. Vom Verletzungsmuster her ergibt sich aber kein konkreter Hinweis, dass die Mehrzahl der Getöteten in einer bestimmten Körperhaltung und aus einer bestimmten Richtung erschossen wurden.Starben die Getöteten zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und unter gleichen Umständen?Es ist wahrscheinlich, dass die Personen in demselben Zeitraum starben. Der Todeszeitpunkt kann sich allerdings durchaus um 1 bis 2 Tage unterschieden haben. Zum Sterbeort sind mir auf Basis der Protokolle keine Aussagen möglich. Da alle Personen ein sehr unterschiedliches Verletzungsmuster aufweisen, ist ein völlig gleichartiger Geschehensablauf bei der Tötung der Mehrzahl der Personen nicht erkennbar.Schließen die finnischen Protokolle aus, dass es sich bei einem Teil der Toten um in Gefechten umgekommene Kämpfer handeln könnte?Zu dieser Frage liegen keinerlei Untersuchungsbefunde vor, in den Protokollen gibt es keine Hinweise.Wie ist die Tatsache zu beurteilen, dass das finnische Team keine Untersuchung der Hände auf Schmauchspuren vornahm?Insgesamt wäre die Untersuchung auf Schmauchspuren an den Händen ein wichtiger Hinweis, ob die Getöteten selbst Schusswaffen abgeschossen haben.Das Gespräch führte Roland Heine.