Möglicherweise hätte man ja um neun Uhr morgens noch mal im Watergate am Schlesischen Tor vorbeischauen können. Schließlich waren zur Geburtstagfeier von Manuel Göttsching nicht nur Live-Acts angekündigt, sondern auch DJs wie der New Yorker Joe Clausell und der Berliner Dixon. Andererseits feierte der Gitarrist immerhin seinen 55. Geburtstag, und so war es zweifelhaft, ob er die Party bis zum späten Morgen durchhalten würde. Er selbst jedenfalls legte um halb eins die Gitarre weg und klappte das Notebook zu, frenetisch bejubelt von den Gästen, die den kleinen Club gut gefüllt hatten.Göttsching ist zur Legende geworden. Obwohl anfangs weder seine Berliner Band Ash Ra Tempel, die er mit Bassist Hartmut Enke und dem späteren Elektronik-Pionier Klaus Schulze an den Drums 1970 gründete, noch seine Solo-Aufnahmen Spuren beim breiteren Publikum ließen. Ash Ra Tempel, die Göttsching in wechselnden Besetzungen als Ashra noch immer gelegentlich belebt, gehörten zu den einflussreicheren und experimentierfreudigeren Ensembles des so genannten Krautrocks.Mit Bands wie Tangerine Dream bildeten sie die Berliner Schule kosmischer Musik, die ihre Rockimprovisationen auf repetitiv-hypnotischen Mustern aufbauten und früh mit Studioeffekten und Elektronik experimentierten. Ashras Stil lappte bei aller mäandernden und leichtfüßigen Energie schon bald gern ein wenig ins Süßliche. Auch fehlte wohl ein wenig die Konsequenz von Elektronikpionieren wie Tangerine Dream oder die experimentelle Coolness von Can oder Kraftwerk.Dass Göttsching mit 55 Jahren noch ein Fall für Dancefloors und coole Clubs am Kreuzberger Ufer ist, liegt vor allem an seinem 53-minütigen Track "E2-E4" von 1981, für den ihn die Technogeneration zu ihrem Stammvater erklärt hat. Göttsching selbst hatte das Stück wegen der Länge gar nicht veröffentlichen wollen und durchaus nicht ans Tanzen gedacht. Doch wie einige Kraftwerk-Titel steht "E2-E4" seither auf den Lieblingslisten der Technopioniere. Der Track entwickelt sich mit der konzentrierten und spielerischen Eleganz eines Schachspiels - von dessen Standarderöffnung der Titel den Namen hat - aus einer beweglichen Rhythmusschlaufe aus klopfenden und zischenden Sequencerrhythmen auf der Basis von zwei Akkorden. Bis heute entfaltet er eine ganz reizende, hypnotische Wirkung und eine Modernität, die keinen Staub angesetzt hat. Er zeugt zudem von einem Musikerethos, dass sich klar von den Produktionen der Techno-DJs unterscheidet.Das konnte man wiederum gut bei Göttschings Geburtstagsauftritt im Watergate beobachten - und an seinen Gästen, die vor Göttsching jeweils einen Track zur Laptop-begleiteten Gitarre gaben. Shou Wang, Verehrer des Gitarrennoise-Symphonikers Glenn Branca und Protagonist der "No Beijing"-Bewegung ließ rotorartigen Krach knattern und hackte sensende, helle Sounds dazwischen, um beides in brutzelndem Feedback zu braten. Elliott Sharp, wohlbekannter Gitarren-Freestyler aus New York, diddelte mit allen flinken zehn Fingern auf dem Gitarrenhals herum, trommelte Muster, die zirpend und asymmetrisch an afrikanische Musik erinnerten, und rahmte das mit einem atonal quietschenden Slide.Göttsching hat immer wieder betont, dass ihm Techno als Genre einigermaßen fremd sei und das "laute Boum tzik, boum tzik auf die Nerven" gehe. In der großartigen letzten Nummer mit Shou Wang und Sharp gab er eine Version seiner legendären Bauerneröffnung, bei der er auf den Laptop verzichtet und die Rhythmusloop selbst über zwanzig Minuten spielt. Derweil übernahm Sharp mit gelegentlichem Trommeln, aber auch mit ziependen, höchsten Tönen die melodische Bewegung. Der Chinese ließ dazu fast unmerklich ein Feedback zu leichtem Dröhnen anwachsen, bis er schließlich den Track von innen her aufzulösen schien.Schön zu hören, wie da innere Bewegung und äußere Ruhe zusammenfinden, wie man sich auf der Bühne und im Publikum in den gemeinschaftlichen Rhythmus findet und zugleich ambientartig in sich versinken kann. Eine Qualität, die auch Larry Levan, DJ der legendären New Yorker Disco Paradise Garage, bemerkte, der gerne sein Publikum mit "E2-E4" euphorisierte. Und es sich 1992 als Soundtrack seiner Beerdigung wünschte.------------------------------Foto: Manuel Göttsching kann durchaus auch ohne Laptop musizieren.