Manchmal spricht Horst Schulze noch den "Faust". Nicht nur die Titelrolle, sondern gleich das ganze Stück, mit wichtigen Passagen des zweiten Teils. Kerzengerade betritt er die Bühne, legt das Reclam-Bändchen, das er vorsorglich in der Hand hält, bedachtsam zur Seite, um in den kommenden zwei Stunden kaum noch einen Blick hinein zu werfen. Fast unbewegt sitzend, genießt er die Sprache Goethes wie einen guten Tropfen Wein, lässt sich gern auch auf das Schalkhafte des Textes ein, hält sein Publikum durch feinste mimische Regungen in Bann.Horst Schulze, der heute 90 Jahre alt wird, war schon als junger Mann mit allen wesentlichen Rollen des klassischen Theaters vertraut. In Dresden, wo er als Sohn eines Arbeiters geboren wurde und zunächst Autoschlosser lernte, spielte er den Fiesco und den Hamlet, Franz Moor, Mephisto, Marquis Posa. Die Dresdner staunten nicht schlecht, als ihr strahlender Held plötzlich das Genre wechselte und sich in den Musical-Charmeur Bel Ami verwandelte. Das Gesangsstudium, das Schulze noch vor dem Krieg absolviert hatte, kam ihm auch zugute, als Helene Weigel ihn 1964 ans Berliner Ensemble holte und ihn als Mackie Messer in der "Dreigroschenoper" einsetzte. Wenig später brillierte er an der Deutschen Staatsoper, die ihn, neben Opernstars wie Peter Schreier und Sylvia Geszty, als burlesken Papageno in der "Zauberflöte" verpflichtete: ein "angenehmer Bariton mit Operetteneinschlag", wie die Kritik damals schrieb. Wahre Triumphe feierte er schließlich am Metropol-Theater, vor allem als Henry Higgins in "My Fair Lady".Schulze ließ sich nie auf ein Rollenfach festlegen; jede neue Aufgabe reizte ihn, bisher noch ungenutzte Facetten seiner Kunst zu testen. In Film und Fernsehen war das ganz ähnlich. Zwar verkörperte er, in zwei groß angelegten historisch-biografischen Produktionen der Defa, den Arbeiterführer Karl Liebknecht, dann den Spanienkämpfer Hans Beimler, trat aber zur selben Zeit auch als eiskalter Oberschurke in Indianerfilmen oder als ehemaliger Naziarzt und Mörder auf, der sich im Krimi "Für Mord kein Beweis" (1978) unter falschem Namen in der DDR verbirgt.Meist nutzten die Regisseure sein scharf geschnittenes Profil, die geschliffene Artikulation und stolze Körperhaltung für strenge, preußisch-protestantische Charaktere. In viele Rollen brachte Schulze sein Wissen um politisch-historische Zusammenhänge und die Differenziertheit der menschlichen Seele ein; nie wäre er zum Beispiel auf den Gedanken gekommen, einen Mann wie den in seiner Moral gefangenen Baron von Instetten in "Effi Briest" (1971) einer vorschnellen Verurteilung preiszugeben. Seine Erscheinung bedeutete in der zunehmend proletarisierten DDR auch eine Verteidigung bürgerlicher Tugenden und Traditionen. Im neuen Jahrtausend zog sich der Schauspieler, der nie viel Aufhebens von sich machte, weitgehend aus den Medien zurück; vom Theater dagegen kann er bis heute nicht lassen.------------------------------Foto: Horst Schulze als Karl Liebknecht in "Solange Leben in mir ist" (1965)