Im März und April zeigt das Kino in der Brotfabrik neun Filme von Miklós Jancsó. Der 1921 geborene Altmeister des ungarischen Kinos, dessen Werke "Die Männer in der Todesschanze" (1965) oder "Roter Psalm" (1971) um die Welt gingen, ist noch immer aktiv. Auf der jüngsten Budapester Filmwoche im Februar stellte er seine neue Arbeit "So viel zur Gerechtigkeit" über den Renaissancekönig Matthias Corvinus vor, wieder mit typischen Jancsó-Elementen: langen Einstellungen, einer inneren Montage, choreographierten Gruppen, Tanz und Gesang.Herr Jancsó, Ihr neuer Film handelt von einem König im 15. Jahrhundert. Aber weil gleich am Anfang Männer mit Regenschirmen auftuchen, weiß man: Es ist kein historischer Film, sondern eine Parabel.Ja, ich verrate sofort, dass man hier nicht alles todernst nehmen soll. Eigentlich geht es auch nicht um einen König, sondern um mindestens sieben, die in den verschiedenen Episoden auftauchen. Was ich erzählen will, ist keine typisch ungarische Geschichte, sondern bezieht sich auf die Menschheitsentwicklung allgemein.König Matthias bemüht sich, gut zu sein und demokratisch zu handeln. Drückt sich da Ihre Sehnsucht nach einem freundlichen Herrscher aus?Ich mag weder Könige noch Tyrannen. Denn als Filmregisseur gehöre ich einem intellektuellen Milieu an, in dem ich nicht dauernd gesagt bekommen will, was ich darf und was nicht. Wir sind die Branche, die Nein sagen muss. Natürlich gibt es Schriftsteller, Maler und auch Filmemacher, die zu allem nicken und das System der Manipulation bedienen, aber die würde ich nicht unbedingt zu den Intellektuellen zählen. Die Sehnsucht nach einem guten König ist die Nostalgie nach einer Gesellschaft, die nicht existiert.Was unterscheidet das Filmemachen heute von dem vor dreißig Jahren?Es war nie einfach. Damals musste man die Zensur umgehen und dabei sehr geschickt sein, weil es nur einen Produzenten gab, den sozialistischen Staat. Heute muss man einen Produzenten finden, der das Geld zusammenbringt. Im Grunde genommen muss er betteln, um viele Quellen für einen Film aufzutun. In Ungarn ist es für das künstlerische Kino besonders schwierig, weil das Sprachgebiet klein ist.Trotz ökonomischer Zwänge zeigt jeder Ihrer Filme, dass Sie noch immer viel Spaß am Drehen haben.Natürlich. Es ist ein wunderbares Spiel. Die Darsteller mögen meine langen Einstellungen. Wenn die Kamera fährt und schwenkt und sie sich vor und neben ihr bewegen oder unter ihr hindurchschlüpfen müssen, dann regt das ihre artistische Phantasie an.Sollen Ihre Filme im Zeitalter der Globalisierung auch helfen, das Bewusstsein für ungarische Kultur und Geschichte zu bewahren?Nicht unbedingt. Ich bin für Europa und die europäische Vereinigung. Ich weine nicht, wenn die Ungarn ihre Sprache verlieren. Das werde ich sowieso nicht mehr erleben. Außerdem ist es vielen europäischen Völkern passiert.Sie sind Vorsitzender des ungarischen Filmverbandes ...In Ungarn gibt es einen Spruch, der lautet: In Wien ist das nichts.In dieser Funktion haben Sie Gelegenheit, junge Regisseure zu beraten. Wie sehen Sie das ungarische Kino heute?Die jungen Leute drehen sehr gute Filme, aber worüber? Ich sage ihnen immer, wenn Ihr wirklich Kino machen wollt, geht nach Amerika. Wenn Ihr nicht nach Amerika geht, ist es überflüssig, sich mit Film zu beschäftigen. Es lohnt sich nicht, ungarische Filme zu drehen, davon kann man nicht leben. Mein Pech ist, dass ich nicht bei meinem ursprünglichen Metier, Jura, geblieben bin. Auch meine Familie wurde durch meinen Job beeinflusst. Ich habe drei Söhne und eine Tochter. Der älteste ist Kameramann, der zweitälteste Regisseur und Produzent beim Fernsehen. Die Tochter ist Keramikerin, hat aber angefangen, Kostüme für Filme ihrer Mutter, meiner Ex-Frau Marta Mészaros, zu gestalten. Der kleinste Sohn ist Cutter. Er studierte in den USA, ist aber wieder nach Hause gekommen. Die Familie hat Pech.Aber da muss doch etwas dran sein am ungarischen Film!?Ja, er schmeckt wie Honig, sehr süß. Aber trinken Sie mal einen Becher Honig! Dann kann Ihnen auch der Appetit vergehen.In den letzten Jahren haben Sie sich oft ironisch mit der ungarischen Gegenwart befasst. Durch Ihre Filme wanderten die Clowns Pepe und Kaba. Haben Sie einen neuen Stoff für die beiden?Da gibt es eine Geschichte aus jüngster Zeit. Der ungarische Ministerpräsident, ein Liebhaber schöner junger Frauen, hat eine Polizistin, die ihm sehr gut gefiel, als Au-pair-Mädchen in seinen Haushalt geholt. Einmal ist sie mit einem seiner teuren Autos zum Einkaufen gefahren, und ein junger Mann versuchte den Wagen zu klauen. Sie schoss auf ihn. Er überlebte, bekam fünf Jahre Haft, während sie befördert wurde. - Ich pflege das gern zu erzählen, und dann sagt jeder: Mach daraus doch einen Film! Aber ich bin mir nicht sicher. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich im Kino diese einfachen Geschichten sehe. Ich mag den sogenannten kleinen Realismus nicht; ich betrachte ihn als ein Mittel, um die Zuschauer zu manipulieren. Der schlichte Mensch sagt dann gern: Ja, so ist das Leben. Aber so ist es nicht! Mich interessiert nur, wenn jemand für einen solchen Stoff auch eine Form findet, die uns hinter die Fabel, in das Uhrwerk der Gesellschaft blicken lässt.Das Gespräch führte Ralf Schenk.Männer in der Todesschanze: 25.- 28. 3., 18 Uhr, Kino Brotfabrik (Weißensee).Weitere Termine unter www.brotfabrik-berlin.de------------------------------Foto: Miklós Jancsó: Er glaubt nicht daran, dass die ungarische Sprache überleben muss.Foto: Kapuzenträger, die im Kreis wandeln: Szene aus "Die Männer in der Todesschanze".