BERLIN. Es gibt Begriffe, die jeder Jugendliche versteht, aber nicht jeder, der über vierzig ist. Sagt Walter Wüllenweber, er ist über vierzig und Reporter beim Magazin Stern. Gangbang sei so ein Begriff. Eine Frau hat mit mehreren Männern Sex, direkt hintereinander oder gleichzeitig, das bezeichnet dieser Begriff.Porno gucken mit Mutti"Ich bin hier für den Gangbang" steht auf dem T-Shirt eines Mädchens, das traurig in die Ferne schaut - auf dem Titel eines Buchs, das gerade erschienen ist. Es heißt "Deutschlands sexuelle Tragödie", geschrieben haben es Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher, der Leiter und der Pressesprecher der Kinder- und Jugendeinrichtung Arche. Am Mittwoch haben sie es in Berlin vorgestellt, gemeinsam mit Wüllenweber, der vor anderthalb Jahren eine Reportage veröffentlichte, die "Voll Porno" hieß und davon handelte, wie Jugendliche heute Sex haben. Er hatte dafür auch in der Arche recherchiert. Er schrieb über 14-Jährige, die nie küssen, aber längst alle sexuellen Praktiken ausprobiert haben. Die ständig Pornos gucken, auch mit ihren Eltern. Die zuschauen, wie die Mutter es mit ihrem neuen Liebhaber macht, die Freunde aus der Schule dürfen auch live dabei sein. "Ein Teil der Gesellschaft driftet ab in die sexuelle Verwahrlosung", schrieb Wüllenweber. Davon handelt auch das Buch von Siggelkow und Büscher. Sie haben dafür mit achtzig Jugendlichen gesprochen, mehr als dreißig kommen in dem Buch vor. Auf jeweils drei, vier Seiten werden ihre Geschichten erzählt.Etwa die von Aileen. Ihr erstes Mal hat sie mit elf, mit einem Jungen, der neunzehn ist und an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnern kann. Kurz darauf ist Aileen dabei, als die Mutter mit ihrem Freund verkehrt; dann sieht die Mutter zu, wie ihre Tochter mit einem Jungen schläft. Ihre erste Abtreibung hat Aileen mit 15. Die Geschichten von Jessie, Vanessa oder Kevin sind ähnlich erschütternd. Ihre Namen seien geändert, Lebensumstände verfremdet, aber die Geschichten wahr, versichern die Autoren.Bernd Siggelkow hat 1995 in Berlin-Hellersdorf die Arche gegründet, zunächst war das nur ein Haus, in dem Kinder, um die sich sonst niemand kümmerte, ihre Freizeit verbringen konnten. Inzwischen ist die Arche eine der bekanntesten sozialen Einrichtungen in Deutschland, mit Häusern in Köln, Hamburg, München und Potsdam. Siggelkow, der Kaufmann gelernt hat und bei der Heilsarmee zum Pfarrer ausgebildet wurde, hat im April das Bundesverdienstkreuz bekommen. Er hat bereits ein Buch herausgegeben, über Kinderarmut. Warum nun ausgerechnet eins über Sex? Siggelkow erzählt, wie er vier elfjährige Jungen in der Arche dabei beobachtet hat, wie sie über ein Mädchen hergefallen sind. Die Kinder waren angezogen und sagten, sie würden nur spielen. Ihr Spiel hieß: Gangbang. Ko-Autor Büscher berichtet von Kindern, die Joggen nach dem Sex für eine Verhütungsmethode halten oder sagen "unser Kiez ist sauber". Man könne sich hier nicht mit HIV infizieren.Es gibt einen Film, der von ähnlichen Ausschweifungen und Irrtümern junger Menschen handelt, er heißt "Kids", spielt in New York und kam 1995 ins Kino. In dem Jahr, in dem die erste Arche aufmachte. Vermutlich gab es das, was die Autoren nun sexuelle Verwahrlosung nennen, lange vorher, vor allem in jenem Teil der Gesellschaft, der inzwischen "die Unterschicht" heißt. Ob die Jugend jetzt auch in anderen Teilen der Gesellschaft sexuell verwahrlost, darüber sind sich die Männer auf dem Podium nicht einig. Klar sei, dass Jugendliche so leicht wie nie zuvor an Pornografie herankommen, im Internet, per Handyvideo. Es gebe kaum Studien darüber, wie sich das auswirke, sagen die Autoren und fordern eine wissenschaftliche Untersuchung. Außerdem solle die Internetpornografie bekämpft werden.Und möglichst viele Menschen sollen über das Thema diskutieren. Die Autoren haben das Buch vor dem Erscheinungstermin exklusiv zwei Medien zur Verfügung gestellt: Der Redaktion von Spiegel-TV. Und der Bildzeitung. Dort konnte man Aileen, das Mädchen, das mit elf entjungfert wurde, am Dienstag sehen. "Sex-Alarm: Immer jünger! Immer öfter! Immer extremer!" stand über dem Foto der inzwischen 17-Jährigen. "Jungs sind mir wichtiger als die Schule", wurde das Mädchen zitiert. Im Sex habe sie gute Noten.Es ist ein Satz, wie er auch auf der Seite 1 der Bild stehen könnte, Aileen müsste nur 18 sein. Und nackt.------------------------------Foto: Bernd Siggelkow (r.) und Wolfgang Büscher am Mittwoch in Berlin. Ihr Buch ist im Gerth-Verlag erschienen.