Schon wieder verknöpft." Wie Häschen in der Grube hockt Pastor Roos auf dem Boden der kleinen Sakristei von St. Nikolai. Er müht sich, in das schlauchartige Unterkleid seines Ornats zu kommen, das zu tragen man schon als Privileg ansehen kann. Aber man muß auch etwas dafür tun. Nur die Pastoren des Sprengels Alt-Hamburg dürfen die aufwendige schwarze Tracht tragen. Die Tradition lebt, und alle zwängen sich deshalb gerne hinein. Der Tücke des Objekts sind in Hamburg ungefähr 200 Pastoren ausgeliefert. 17 seidenüberzogene Knöpfe muß Pastor Roos von den Füßen bis zum Kragen schließen und dabei die Balance halten. Zehn der Knöpfe stehen für die Gebote und die restlichen sieben für die Fürbitten des Vaterunsers. Natürlich gibt es einen Trick einen ungeistlichen. "Ein Kollege hat mir den ,Schnellgang am Anfang gezeigt, als ich mich so abmühte. Man macht die unteren Knöpfe einfach vorher zu und schlüpft dann von oben hinein", schmunzelt der Herr Pfarrer. Welche Methode er bevorzugt, läßt er offen.Talar sitzt, Knöpfe zu, bis auf den oberen. Der harret der Vollendung des Erscheinungsbildes ganz am Schluß. Liebevoll mustert Pastor Roos den Inhalt des Sakristeischrankes. "Sehen sie nicht aus wie Ballkleider? Und so teuer sind sie auch!" Der zweiteilige Ornat ist maßgeschneidert und kostet um die 3 600 Mark. Als nächstes kommt der Oberhabit. In seiner Schwärze ist er von subtiler Eleganz. Ganz genau muß man hinschauen, um die luxuriösen Kleinigkeiten des offenen Mantels zu entdecken. Sogenannte Prunkärmel hängen, schmalen Fahnen ähnlich, rechts und links am Körper hinab. Gewebte Borte aus glänzend-schwarzer Seide markiert die Schultern, verziert den oberen Rückenteil und rahmt dieses Relikt der Ständegesellschaft. Nur Ratsherren und Pastoren durften Prunkärmel tragen. Und auch das nur in Hamburg. Die pastoralen Ärmel lassen sich aus geschlitzten Ärmelpuffern herab. Vom glatten Schulterstück am Rücken ergießt sich in unzähligen Fältchen eine großzügige Tuchmasse. Bis zu siebeneinhalb Meter Stoff benötigen die Schneider für einen solchen Ornat. Würden sie am Stück daran arbeiten, brauchten sie eine ganze Woche.Pastor Roos ist stolz und dreht sich genüßlich um sich selbst. Elegant schwingt der Oberhabit. "Ich empfinde für so etwas Schönes wirklich Bewunderung", schwärmt er. Wenn er Kollegen aus anderen Teilen Deutschlands trifft, werden die ganz neidisch. Der hohe Anschaffungspreis, den die Pastoren selbst aufbringen müssen, und die solide Stoffqualität machen aus Geistlichem und Ornat oft ein lebenslängliches Paar. Manche Ornate wurden sogar vererbt.Die Krause als KrönungDie Hamburger Firma Wilhelm E. Eggert, "115 Jahre Partner für Kirche, Pfarrhaus, Friedhof und Anstalt", bietet Talare und Oberhabit in zwei verschiedenen Stoffqualitäten an: Diolen und Trevira oder hundert Prozent Schurwolle. Der Beruf verlangt Diskretion. Johanna Eggert, zurückhaltend und hanseatisch korrekt, leitet die Geschäfte im schmalbrüstigen, tiefen Haus in Außenalsternähe. Schwere, dunkle Möbel und ein Tischchen mit Blättchen für Juristen und geistliches Personal lassen die kleine Eingangshalle wie das Entrée eines düsteren Pfarrhauses erscheinen. Nur einmal wird die Dame des Hauses lebhaft. Auf die Frage, ob im Falle einer Beförderung auch der Ornat ihrer Kunden prächtiger ausfalle, versprüht Johanna Eggert den puren Lokalpatriotismus: "Hamburg und Hierarchie? Das verträgt sich nicht!"Hamburg und Hierarchie vertrugen sich sehr wohl in den vorigen Jahrhunderten, als sich Ratsherren und Geistlichkeit durch ihre Standestracht vom Normalbürger unterschieden. Senatorenkostüm und Krause waren angelehnt an die spanische Bürgertracht. Erst 1918 verzichteten Ratsherren und Senatoren auf ihr großes Schwarzes und die imposante Halskrause. So verblieb die Vornehmheit allein dem Pastorenstand.Eine regelrechte Uniform dagegen ist der durch Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. 1811 eingeführte "preußische Talar". Seine Majestät verordnete Pastoren, Juristen und Rabbinern das Tragen des gleichen einteiligen, schwarzen Talars. "Preußisches Umstandskleid" nennt ihn St. Johannis-Hauptpastor Ottfried Jordahn spöttisch. Tatsächlich zeigt er im Schnitt wenig Rafinesse und fällt schlicht am Geistlichen herab.In Hamburg blieb das Spanische. Und mit ihm der krönende Abschluß am oberen Ende der Pastoren: die Halskrause. "Ich finde, sie sehen aus wie Puppenröckchen", sagt Christel Frommann. Die Gattin eines Küsters näht seit 24 Jahren Halskrausen, als einzige in Hamburg und Umgebung. Aus sechs Meter Leinen fältelt sie akribisch die Krausen für die Pastoren. Der momentane Marktpreis für ein neues Exemplar beträgt 182 Mark. Bis zu acht Stunden arbeitet sie daran. Zuerst muß sie einen festen Halssteg nähen, in den ebenfalls handgenähte Knopflöcher gehören. Dann wirft sie drei Stoffbahnen in Falten, arbeitet sie in den Steg ein und stärkt das Gebilde zweimal. Danach greift Frau Frommann zum umgebauten Lötkolben. Sie setzt den gestärkten Kragen auf ein eigens gebautes Halsmodell und bohrt den Metallkopf des Kolbens in die einzelnen Tüllen. Eineinhalb Stunden braucht sie, um die pfauenähnliche Pracht des Kragens zu formen. Eine ältere volkstümliche Bezeichnung für den Halsschmuck lautet auch "Wulkenkragen" Wolkenkragen. Stärke schwindet im RegenDoch seine "Stärke" macht ihn auch schwach. Steht so ein Hauptpastor mit seiner Krause im Hamburger Niesel auf dem Friedhof, fällt die Pracht zusammen. Mehr noch: Die weißliche Stärke fließt in den schwarzen Talar. Dabei sollte der Kragen ursprünglich vor solcher Gefahr schützen: Zu Zeiten der Perükken hielt er nämlich den Puder fern vom schwarzen Rock. Trotz des unersprießlichen Nebeneffekts bleibt die Krause unabkömmlich. Von einem Fall weiß Christel Frommann zu berichten: Da trug ein moderner, praktisch veranlagter Pastor statt der Krause das Beffchen zu einer Beerdigung. Und was tuschelten da die Trauergäste? "Das wird wohl ein Armenbegräbnis."Pastor Roos schreitet nunmehr zum letzten Teil der Vorstellung "Hamburger Ornat". Die Krause liegt, wie offiziell empfohlen, in der "Krausenschachtel", die im Volksmund auch die "Tortenschachtel" genannt wird. Jetzt wird es noch mal kniffelig. Das runde Kinn wird hochgereckt und der Kragen vorsichtig umgelegt. Ein großer Knopf muß geschlossen, zwei Druckknöpfe zugedrückt werden. Der Kragen schließt sich zum Kreis. Nun wird er gedreht. Damit wandert eine Schlaufe nach vorne. Roos befördert den unteren Teil des Krausenstehbords unter den Talarkragen, legt die Schlaufe um den obersten Knopf des Talars, schließt auch den, und fest sitzt die Krause.Die Krause ist eigentlich in allen Hansestädten üblich. In Lübeck gibt es eine ehemalige Schneiderin, die sie reinigt und stärkt, aber keine neuen macht. In Rostock gab es vor langer Zeit eine Dame, die Krausen herstellte. Heute ist Christel Frommann weit und breit die einzige. Das wußten auch die Pastoren in der ehemaligen DDR. Dort spielte die Krause keine Rolle. Man trug sie oder nicht. Ästhetik und Tradition waren weniger gefragt als Unauffälligkeit oder politisches Engagement. Aber einen Tag nach Öffnung der Mauer klingelte es schon in Hamburg an Christel Frommanns Tür. Davor stand ein junger Pastor aus Wismar und bat inständig um eine Krause, um für die weihnachtlichen Gottesdienste geschmückt zu sein.Grün ist der LückenbüßerUnd was passiert, wenn Christel Frommann ihren Lötkolben für immer aus der Hand legt? Die Lösung ist so konservativ wie die Krause selbst: Ihre Tochter übernimmt dann das fromme Werk.Tradition hin oder her nicht jeder ist zufrieden mit dem schwarzen Ornat. "Schwarz! Das ist die autoritärste Unfarbe", moniert Hauptpastor Jordahn und legt sich wie Kollege Roos eine dezent bestickte Stola über die schwarzen Schultern, je nach Farbe der liturgischen Kirchenjahreszeit. Zu Weihnachten, von Heiligabend bis Epiphanias (6. Januar), und an allen anderen Christusfesten, trägt man weiß. Violett ist die Farbe der Buß- und Vorbereitungszeiten, wie die Adventszeit. Schwarz bleibt ausschließlich Karfreitag vorbehalten. Das kraftvolle Rot dagegen symbolisiert die Kirchenfeste, zum Beispiel das Reformationsfest, Pfingsten und die Konfirmation. Grün spielt den Lückenbüßer, wenn kein eindeutiges Ereignis ansteht.Die Diskussion über Schwarz contra Weiß, Talar contra Meßgewand, wie es die Katholiken tragen, wogt im kleinen Kreis schon seit Jahren. Es ist ein deutsches Phänomen. Neidisch blickt mancher Pastor über die Grenzen. Insbesondere in den skandinavischen Ländern pflegt die Kirche eine geschmackvolle und farbenprächtige Mode, ähnlich den Katholiken. Verglichen mit den hiesigen Lutheranern kleiden sich die katholischen Priester geradezu wie die Pfauen. Die Messen feiern sie in bunten Gewändern, den Farben des Kirchenjahrs entsprechend und herrlich anzusehen ein Genuß fürs Auge und eine Betonung des spirituellen Festcharakters.Hauptpastor Jordahn von St. Johannis bummelt bei der Gewandsuche am liebsten durch die Sakralboutiquen, die um den Vatikan herum angesiedelt sind. "Mein Unterhabit kaufe ich nur noch in Rom! Was für eine hervorragende Qualität und so gute Designer!" Auch eine helle Albe, das Unterkleid der Katholiken, trägt er zu besonderen Anlässen. Auf den Hamburger Ornat aber würde er nie verzichten wollen.