An einigen innerstädtischen Haupt- und Gesamtschulen werden die wenigen deutschstämmigen Schüler systematisch von der Mehrheit der migrantischen Schüler gemobbt. So berichteten es am Wochenende Lehrer auf einer GEW-Tagung. "Viele deutsche Schülerinnen und Schüler empfinden sich als eine abgelehnte, provozierte, diskriminierte Mehrheit, meist ohne nicht-deutsche Freunde", heißt es in dem Beitrag "Deutschenfeindlichkeit an Schulen", den zwei Lehrer der Kreuzberger Hector-Peterson-Gesamtschule für eine GEW-Zeitschrift verfasst haben. Norbert Gundacker war einer der Initiatoren der Tagung.Herr Gundacker, es gebe eine Deutschenfeindlichkeit an Problemschulen, heißt es in der Berliner Lehrerzeitschrift. Können Sie diese Tendenz als langjähriger Hauptschullehrer bestätigen?Ich kenne so etwas aus meiner Zeit als Hauptschullehrer in Neukölln. Und höre das auch von Kollegen. Da mobben Schüler alles, was anders ist als man selbst. Da gilt es leider auch als uncool, sich in der Schule um Leistung zu bemühen.Wie äußert sich diese Deutschenfeindlichkeit?Ich habe selbst erlebt, dass türkischstämmige Schüler ihre deutschen Mitschüler "köpekler" nennen, also Hunde. Das wurde gezielt und nahezu ausschließlich benutzt. Wenn diese Schüler von mir darauf angesprochen wurden, haben sie gesagt, es sei ein Scherz, haben das Wort aber immer wieder benutzt. Zudem gibt es immer wieder Fälle, wo Lehrerinnen massiv und wiederholt als "Deutschen-Schlampen" bezeichnet wurden. Andere, noch drastischere Begriffe will ich nicht in den Mund nehmen. Das zeugt auch von einem mangelnden Respekt gegenüber Frauen.Ist "Schweinefleischfresser" inzwischen in Kreuzberger Schulen ein oft verwendetes Schimpfwort?Das ist offenkundig so. Als Arbeitslehre-Lehrer habe ich es beim Kochen in Schulküchen erlebt, wie groß die Vorbehalte sind. Schüler weigerten sich, in einem Kochtopf etwas zuzubereiten, weil darin zuvor Schweinefleisch zubereitet worden sein könnte. Mitunter hatten diese Schüler erst kurze Zeit in Deutschland gelebt. "Ihr seid doch alle Schweinefleischfresser", hieß es dann. Wenn Mitschüler und Lehrkräfte sich tagtäglich damit rumschlagen müssen, ist das auch eine Art Mobbing.Sind es nicht bestimmte Schülertypen, die besonders von Mobbing betroffen sind?Es handelt sich bei den deutschstämmigen Jugendlichen an diesen Schulen oft um Kinder, die nicht selbstbewusst oder eloquent sind. Viele sind ja selbst an anderen Schulen gescheitert und abgestiegen. Türkisch- und arabischstämmige Jungs hingegen geben sich oft cooler, haben ein entsprechendes Auftreten, das teurere Handy und trainieren im Sportclub ihre Oberarmmuskulatur.Woher kommt dieses Verhalten?Wir vermissen insbesondere, dass die Eltern mit ihren Kindern über Probleme reden, ihnen auch Grenzen zeigen. So etwas passiert aber viel zu selten. Aber auch die Eltern deutschstämmiger Hauptschüler kümmern sich an jenen Schulen häufig nicht darum, was ihr Kind gerade bewegt.Drückt sich in dem respektlosen Verhalten einiger türkisch- und arabischstämmiger Jugendlicher deren eigene Perspektivlosigkeit aus? Oder übernehmen die Schüler Vorstellungen aus dem Elternhaus, wonach der Islam die überlegenere Kultur sei?Die Perspektivlosigkeit ist sicher das Hauptproblem. Viele Schüler fühlen sich schon den schulischen Anforderungen kaum gewachsen. Aber wir müssen uns auch fragen, wieso hier gerade die Kinder türkischer und arabischer Herkunft auffällig sind. Es geht nicht um den Islam als solches. Es geht eher um eine Elternschaft, die den Islam zu sehr in eine Richtung interpretiert oder dahingehend beeinflusst wird. Davon wissen wir leider nur wenig.Gerade angesichts der Sarrazin-Debatte: Wie schwierig war es für Sie und Ihre Kollegen, also für traditionell linke GEW-Gewerkschaftler, das Thema Deutschenfeindlichkeit erneut auf die Tagesordnung zu bringen?Die Kollegin und der Kollege, die das Problem seinerzeit in der Berliner Lehrerzeitschrift publiziert hatten, wurden heftig angegriffen. Manche fanden sich schnell in einer Ecke wieder, in die sie nicht gehören. Etliche unserer Mitglieder sagen allerdings auch, die Debatte sei nun möglich, weil die interessierte Öffentlichkeit im Gefolge der Sarrazin'schen Dumpfsprüche sich tatsächlich den vorhandenen Problemen in den bekannten Kiezen zuwandte.Was muss an den Schulen geschehen?Wir brauchen an den innerstädtischen Brennpunkt-Schulen deutlich bessere Bedingungen als an anderen Schulen. Mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Erzieher und Schulpsychologen sind nötig. Denn trotz der Schulreform laufen wir Gefahr, dass sich an manchen einstigen Haupt- und Realschulen in der Innenstadt erst recht die schwierige Schülerklientel ansammelt.Interview: Martin Klesmann.------------------------------Foto: Norbert Gundacker, 58, ist Hauptschullehrer in Berlin und Landesvize der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.