Der Historiker Michel Winock über das Jahrhundert der französischen Intellektuellen: Transzendentale Wahrheiten

Was macht einen Schriftsteller oder einen Philosophen, einen Künstler oder einen Universitätsprofessor zum "Intellektuellen"? Es sind die politischen Stellungnahmen und die öffentliche Präsenz. So schrieb Jean-Paul Sartre dem Schriftsteller die Mission zu, seiner Zeit Sinn zu verleihen und für notwendige Veränderungen einzutreten. Dieser neuen, für das 20. Jahrhundert charakteristischen Figur des Intellektuellen widmet der Historiker Michel Winock sein Buch "Das Jahrhundert der Intellektuellen", das 1997 in Frankreich erschien und mit dem angesehenen Prix Médicis ausgezeichnet wurde. Ausgangspunkt ist die Urszene des Intellektuellen: die Affäre um den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der 1894 zu Unrecht wegen Landesverrats verurteilt wurde. Bald stand nicht mehr das individuelle Schicksal von Dreyfus, sondern Grundsätzliches im Mittelpunkt: Die Verteidiger von Dreyfus - allen voran Emile Zola - argumentierten im Namen der Gerechtigkeit und Wahrheit gegen die von Antisemitismus getragene Verurteilung. Die Antidreyfusards, angeführt von Maurice Barrès, setzen dem die Erhaltung der Gesellschaft, die Verteidigung der Nation, die übergeordnete Staatsraison entgegen. Es ging um eine Positionsbestimmung: die Frage war, ob universale oder partikulare Werte gelten sollen. Wobei die französische Rechte vor dem Ersten Weltkrieg die gleichen Denkmuster zeigte wie die deutsche: Man trat ein für den organischen Zusammenhang der eigenen Kultur und stellte sich gegen den universalistischen Rationalismus, für den man die Juden verantwortlich machte und das Denken des Nachbarlandes - für die französischen Nationalisten verkörpert im deutschen Neukantianismus. Der Beginn der Affäre war zugleich die Geburtsstunde des Intellektuellen. Auch der Begriff des Intellektuellen wurde in den Debatten um Dreyfus geprägt. Von diesem Ursprung ausgehend, den Blick gerichtet nicht auf akademische Diskurse, sondern öffentliche Debatten, gliedert Winock das Jahrhundert in drei Epochen, für die jeweils eine dominierende Figur steht. Das ist zunächst Maurice Barrès, der wichtigste Stichwortgeber der Action Française. Barrès Entwicklung ist typisch für einen bestimmten Teil seiner Generation: zunächst huldigte er einem an Nietzsche erinnernden Kult des Individuums, später zählte nur noch das Überleben und Bewahren der Gemeinschaft.Auf Barrès, der 1923 starb, lässt Winock die Ära André Gides folgen, des skeptischen Aufklärers und großen Romanciers. Ob Gide, der seine Epoche zweifellos prägte, auch repräsentativ für deren Intellektuelle ist, wird von Winock zu Recht in Frage gestellt. Denn Gide blieb ungewöhnlich frei von ideologischen Verblendungen; der kritischer Bericht von seiner Reise in die Sowjetunion 1935 brachte ihm scharfe Kritik seiner Kollegen ein; Romain Rolland sprach in der Prawda von einem armseligen und kindischen Buch. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt die Phase der großen Wirksamkeit Sartres - der im Gegensatz zu Gide nach seinem Besuch in der UdSSR 1954 behauptete: "Die Freiheit der Kritik ist in der UdSSR vollkommen". Winock beschreibt nicht nur die Wirkung Einzelner, er erzählt die Geschichte von Cliquenbildungen, Netzwerken und Institutionen, von großen Zeitschriften: etwa der von André Gide geprägten Nouvelle Revue Française, den von Louis Aragon im Widerstand gegründeten Lettres françaises und Sartres Temps modernes. In dieser weiter Perspektive zeigt Winock, wie sich linke und rechte Positionen über das Jahrhundert wandelten: Die Linke entwickelte sich von einem ideologisch noch nicht festgelegten Universalismus in der Dreyfus-Affäre hin zu einem mit Moskau sympathisierenden Kommunismus, mit dem sie erst nach dem unrühmlichen Kravtschenko-Prozeß von 1949 langsam brach. Damals unterlagen die Lettres Françaises vor Gericht der Verleumdungsklage eines Autors, dessen Buch über sowjetische Arbeitslager die Zeitschrift als bloße CIA-Propaganda abgetan hatte. Die Rechte wiederum habe die Stadien Nationalismus, Faschismus, liberaler Konservatismus durchlaufen - wobei die Brüche schärfer waren als auf Seiten der Linken. Nur selten wertet Winock. Wenn er aber urteilt, urteilt er bestimmt: In der Dreyfus-Affäre habe die kritische Urteilskraft der Intellektuellen gesiegt. Aber für die Entwicklung der Intellektuellen in den dreißiger Jahren gelte: "Die Materialität der Fakten hatte sich der transzendentalen Wahrheit des Kommunismus zu unterwerfen."Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Aus dem Französischen von Judith Klein. UVK, Konstanz 2003. 885 S. , 49 Euro.Foto: Im 20. Jahrhundert ist der Intellektuelle immer dabei: der frühere Terrorist Hans-Joachim Klein mit Jean-Paul Sartre auf dem Weg nach Stammheim, 1974.